Tatort Internet

Bedrohungen im Netz für Gesellschaft und Staat

Viren, Schadsoftware, Kinderpornografie, extremistische Hetze: Im Internet kann jeder Opfer von Kriminellen werden. Auf unserer Tagung "Tatort Internet", in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Bayern der Deutschen Polizeigewerkschaft, haben wir mit Experten über Straftaten, Strafverfolgung und mögliche Prävention gesprochen.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 25.10.2019

Von: Frederik Haug / Foto: Pixabay License/StartupStockPhotos

# Digitalisierung, Populismus und Extremismus

Programm: Tatort Internet

Deutsche Polizeigewerkschaft, Landesverband Bayern e.V.

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"Wer von Ihnen hat noch nie eine Spam-Mail bekommen", fragt Lukas Knorr von der Zentralstelle Cybercrime in Bayern in die Runde. Niemand meldet sich. Knorr ist Teil der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg und kümmert sich um die Ahndung von Internetdelikten, darunter das Verschicken von Viren per Mail und Betrug durch Fake-Websites. Bei seinen Ermittlungen geht es auch um Kinderpornografie, Falschgeldbestellungen sowie das sogenannte Cybergroomin, das Ansprechen von Kindern im Netz mit dem Ziel, sie zu missbrauchen. "Oft sind es Glück und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Behörden, die den Täter überführen", beschreibt Knorr die schwierige Arbeit.

Menschen geben im Netz zu viel preis

Für Cem Karakaya vom Polizeipräsidium München ist nicht das Internet gefährlich, sondern der Mensch vor dem Bildschirm. Dieser weiß oft nicht, wie viel er von sich im Netz preisgibt und wie leicht man an seine Daten gelangt. "Unser digitales Ich weiß mehr über uns als wir selbst", meint Karakaya. Deshalb sei es das Wichtigste, die Menschen über diese Gefahren aufzuklären. Er empfiehlt im Büro Blickschutzfilter und eine Clear-Desk-Policy, also nichts am Arbeitsplatz zurückzulassen und die Rechner herunterzufahren. Außerdem müssten Daten und Akten richtig vernichtet, nicht einfach in den Papierkorb geworfen werden.

Cybercops und Cybercrimes

"Von der Polizeiinspektion bis zum Landeskriminalamt wird Cybercrime auf allen Ebenen bekämpft", sagt Mario Huber vom Bayerischen Landeskriminalamt. Als Cybercrimes gelten alle Straftaten, die im Internet und anderen Datennetzwerken verübt werden. Das LKA ist in erster Linie zuständig, wenn es um Straftaten geht, die eine bayernweite Ausdehnung haben oder es viele Geschädigte gibt. Speziell für diesen Bereich gibt es bei der Polizei den Beruf des IT-Kriminalisten, auch umgangssprachlich Cybercop genannt. Die Ausbildung umfasst eine einjährigen Einführung in die Polizeiarbeit, davor muss ein Studium absolviert werden. Jedes Jahr verzeichnet die Polizei etwa 35.000 Fälle von Cybercrime. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Huber und seine Kollegen gehen von 250.000 Straftaten pro Jahr aus. Betroffen seien vor allem Unternehmen, die oftmals aus Angst vor einem Imageverlust nicht zur Polizei gehen.

Kinder werden häufig Opfer von Missbrauch

"Eltern unterschätzen deutlich die Gefahren, denen ihre Kinder im Internet ausgesetzt sind", antwortet Laura Kuhle von der Charité Berlin auf die Frage, warum Kindern im Netz oftmals freie Hand gelassen wird. Dabei begegnen sie einer ganzen Reihe von Bedrohungen, die häufigste: Grooming. Die Täter, die oft eine ausgrägte pädophile Neigung haben, gewinnen im Chat das Vertrauen der Kinder. Durch das Gefühl der Gegenseitigkeit, aber auch durch Nötigung und Zwang kommen sie am Ende oft an intimes Bildmaterial der Heranwachsenden.

Das Internet als Nährboden für Extremismus

Christoph Hebbecker von der Staatsanwaltschaft Köln ist sich sicher, dass mehr Gewalt im Netz auch zu mehr Gewalt in der realen Welt führt. In der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime kümmert er sich ausschließlich um Hetze im Internet. Speziell für Journalisten hat sein Team eine Website eingerichtet, auf der sie Hasskommentare schnell anzeigen können. "Sprachliche Hintertüren machen uns das Ahnden von Kommentaren allerdings schwer", beschreibt Hebbecker die Probleme seiner Arbeit. Er selbst sei schockiert, wie verbreitet auch Antisemitismus noch ist. Gegen den Vorwurf, er würde gezielt die Meinungsfreiheit einschränken entgegnet er: "Ich bin in meinem Beruf Meinungsagnostiker. Bei mir hat noch kein Minister angerufen, um mir irgendwas zu diktieren."

Mit politischem Extremismus befasst sich auch Thomas Estrada vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. Von extremem Verhalten spricht man erst, wenn Bestrebungen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu erkennen sind. Meist radikalisieren sich Menschen über persönliche Kontakte. Mittlerweile diene aber auch das Internet als Katalysator für extreme Ansichten. Dort würden gezielt die Ängste der Menschen instrumentalisiert und einfache Lösungen präsentiert. Teilweise gibt es in Foren sogar Anleitungen zur Erstellung von Falschnachrichten. Den Hass bekämen wiederum Polizei, Politiker, Homosexuelle, religiöse Minderheiten und Ausländer zu spüren.

Wie schnell sich Propaganda im Internet verbreitet, bestätigt Sascha Wilke vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. "Der IS hat es wie niemand anderer verstanden, das Internet zu nutzen", sagt Wilke. Die Terrororganisation nutzte eine neue Strategie und präsentiert ihren Alltag in Internetvideos. Mit dem Verlust des Territoriums brach für den IS aber auch die mediale Wirkung weg. "Es gibt in der salafistischen Szene allerdings große Zuversicht, dass es so etwas wie den IS bald wieder geben wird", sagt Wilke. Die dschihadistische Propaganda sei zwar nicht mehr so präsent, aber in schwerer zugänglichen Bereichen des Internets werde sie weiterhin verbreitet.

Tatort Internet

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing (bitte klicken Sie, falls Ihr Browser die Galerie nicht lädt)


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