Wenn die Mobilität im Stau steckt...

Tagung und Akademiegespräch zu nachhaltiger Verkehrsinfrastruktur

Auf Straßen, Radwegen und in Bussen: der Verkehr vieler wachsender Metropolen steckt im Stau. Welche Infrastruktur ist nötig, um das steigende Bedürfnis nach Mobilität zu befriedigen und gleichzeitig den Verkehrsfluss zu verbessern? Wie kann die Digitalisierung dabei helfen? Und profitiert davon auch das Umland? Diese Fragen haben wir auf einer Tagung gemeinsam mit der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und Experten aus Politik, Wissenschaft und Verkehr diskutiert.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 25.05.2019

Von: Beate Winterer / Foto: Beate Winterer

# Kommunalpolitik, Digitalisierung, Ökologie und Nachhaltigkeit

Programm: Wenn die Mobilität im Stau steckt...

Bayerische Ingenieurekammer-Bau

Wenn die Mobilität im Stau steckt...

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing (bitte klicken Sie, falls Ihr Browser die Galerie nicht lädt)

München, Mittlerer Ring, 8 Uhr - alles steht. Das gleiche Bild um 17 Uhr. "Aktuell haben wir morgens und abends Stauspitzen. 2030 werden wir dauernd Hauptverkehrszeit haben", sagt Arne Lorz, Hauptabteilungsleiter der Stadtentwicklungsplanung der Landeshauptstadt München. Rund 830.000 Kraftfahrzeuge sind derzeit in München gemeldet. Würden ihre Besitzer auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) umsteigen, wären die Straßen zwar leerer, das Verkehrssystem würde jedoch kollabieren. "Der ÖPNV ist für diese Menschenmengen nicht ausgelegt", sagt Lorz. "Wir überschreiten schon jetzt die Kapazitäten", bestätigt Ingo Wortmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG).

Wo liegt die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Verkehr?

Wortmann wünscht sich deshalb neue Linien für U-, S- und Trambahnen. Lorz denkt an Radschnellwege, Flugtaxis und Seilbahnen. "Wir werden auch noch viel sehen, was man sich heute noch gar nicht vorstellen kann", glaubt Gebhard Wulfhorst, Professor für Siedlungsstruktur und Verkehrsplanung an der TU München. Als Beispiel nennt er das autonome Fahrrad, das als Aprilscherz von Google bekannt wurde, aber demnächst tatsächlich über deutsche Radwege rollen könnte. "Wir müssen den ÖPNV neu definieren", fordert Wulfhorst. In Zeiten von Car- und Bikesharing verschwimme die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Verkehr immer stärker. Deshalb sei ein öffentlich geleitetes Verkehrssystem nötig.

Stadtgrenzen überwinden

Dass dieses weit über die Stadtgrenzen hinaus gehen muss, darüber sind sich alle Experten auf der Tagung einig. "Fahrgäste denken nicht an kommunale Grenzen", sagt Wortmann. Und der Münchner Landrat Christoph Göbel fordert, Angebote so zu gestalten, dass sie der tatsächlichen Mobilität entsprechen. "Rivalitäten, Eitelkeiten und Inseldenken müssen der Vergangenheit angehören."

Staatsminister Hans Reichhart: "Jeden Weiler erreichen"

Hans Reichhart, Bayerischer Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr, spricht sogar davon, in Zukunft "jeden Weiler" mit dem ÖPNV zu erreichen. Geeignete Maßnahmen seien Rufbusse, die Einbindung von Taxis und die Erweiterung der Verkehrsverbünde, aber auch Flugtaxis und Magnetschwebebahnen möchte er ausprobieren. Ein Alpenbus, der die südlichsten Landkreise Bayerns direkt verbindet, ist schon länger im Gespräch. Besonderen Wert legt Reichhart aber auf einen besseren Schienenverkehr durch Überholstrecken und Elektrifizierung. Für die Buchung all dieser Verkehrsmittel und -wege will er "eine Mobilitätsplattform, die diesen Namen verdient" - und zwar mit deutscher Technik. Einen Anfang machen demnächst die Verkehrsbetriebe mehrerer Großstädte, darunter die MVG, mit einer gemeinsamen App für Verbindungen und Tickets.

Keine Verkehrswende ohne Parkraumverknappung?

Ein schneller und gleichzeitig nachhaltiger ÖPNV werde jedoch mit Einschnitten verbunden sein, sagt Martin Geilhufe vom BUND Naturschutz in Bayern e.V. Eine echte Verkehrswende sei in Metropolen nur möglich, wenn der Parkraum verknappt wird. "Wieso kann ich für ein Auto, das mindestens zehn Quadratmeter beansprucht, für 30 Euro pro Jahr einen Parkausweis kaufen, während die Mieten explodieren?", fragt Geilhufe. Die Denkmuster in Sachen Mobilität haben sich in den vergangenen Jahren aber bereits geändert. So richten zum Beispiel immer mehr Unternehmen Duschen für Mitarbeiter ein, die mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Es ist also möglich, dass sich künftig immer mehr Menschen dafür entscheiden, mit anderen ein Auto zu teilen statt allein zu fahren.

Individueller öffentlicher Verkehr mit Robotor-Taxis

Klaus Bogenberger, Professor für Verkehrstechnik an der Universität der Bundeswehr München, spricht beim Akademiegespräch am See von "individuellem öffentlichen Verkehr". In der Zukunft könnten autonome Autos in der ganzen Stadt Kunden abholen, die dann ein Stück gemeinsam fahren. Vorteile wären ein geringer Flächenverbrauch und eine effiziente Nutzung, da die Roboter-Fahrzeuge viel fahren und wenig stehen, aber auch ein effizienter Verkehrfluss. Denn automatische Abstimmungen zwischen den Autos machen Ampeln überflüssig . Es müssten jedoch ausreichend autonome Autos vorhanden sein, um die Umweltbilanz nicht durch unnötige Leerfahrten zu verschlechtern.

 


Videos

Podiumsdiskussion: Neue Wege für die Stadt-/Umland-Mobilität
Martin Geilhufe (BUND Naturschutz in Bayern e.V.), Ingo Wortmann (MVG), Christoph Göbel (Landrat München), Prof. Dr. Ursula Münch (Akademie für Politische Bildung)

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