Wo brennt's in der europäischen Politik?

Tagung und Planspiel zur Zukunft der EU

Wo brennt es in Europa? Wie geht die EU um mit demografischen Wandel, der Digitalisierung und der Ausbildung für den Arbeitsmarkt der Zukunft? Mögliche Lösungsansätze haben wir auf der Tagung "Brennpunkte europäischer Politik" mit der Bundeszentrale für politische Bildung und Multiplikatoren in der Bildungsarbeit diskutiert.


Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 15.05.2019

Von: Beate Winterer, Ellen Fritsche / Foto: Ellen Fritsche

# Europa, Gesellschaftlicher Wandel, Digitalisierung, Europäische Integration, Politiksimulationen

Programm: Brennpunkte europäischer Politik

Bundeszentrale für politische Blidung (bpb)

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

"Wenn man an die Brennpunkte der europäischen Politik denkt, kommt einem der demografische Wandel nicht als Erstes in den Sinn. Aber 2060 wird jeder dritte Wähler in der EU mindestens 65 Jahre alt sein", sagt Walter Staufer, ehemaliger Referent der Bundeszentrale für politische Bildung. Der demografische Wandel ist längst nicht nur ein deutsches Problem. Überall in Europa liegt die Geburtenrate unter 2,1 Kinder pro Frau, die es statistisch bräuchte, um den Status quo zu erhalten. Bevölkerungswachstum entsteht - wenn überhaupt - nur aus Zuwanderung. Und die kommt häufig aus anderen EU-Staaten - ein Nullsummenspiel. Laut Steffen Angenendt von der Stiftung Wissenschaft und Politik müsse die EU dringend darüber disktutieren, in welchem Maß sie den Bevölkerungsschwund durch Zuwanderung aus Drittstaaten ausgleichen kann und will.

Digitalisierung nicht Ingenieuren überlassen

Ähnlich wie der demografische Wandel wurde auch die Digitalisierung schon früh von der EU als zukünftige Herausforderung erkannt. "In den 90er Jahren gab es dazu schon ein Grün- und ein Weißbuch. Passiert ist seitdem wenig. Der Zug ist noch immer nicht abgefahren, aber es ist fünf vor zwölf", sagt Andreas Boes vom Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation und dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung. Er plädiert dafür, den Diskurs über digitale Technologien nicht den Ingenieuren zu überlassen und sich als Sozialwissenschaftler stärker einzumischen. "Im Moment bieten die Politik und die Wissenschaft keine Orientierung. Dadurch entstehen in der Bevölkerung diffuse Ängste."

YouTube statt Bücher

Um den "mehr als akuten Mangel an qualifizierten Menschen in der Digitalisierung" auf dem Arbeitsmarkt auszugleichen, schlägt Dirk Werth vom AWS-Institut für digitale Produkte und Prozesse neue Bildungsformen vor, die vorrangig Handlungskompetenzen vermitteln. Wurde früher zu Büchern gegriffen, um sich fachspezifisches Wissen anzueignen, so dienen heute oftmals YouTube-Videos in vielen Branchen dazu, gezielte Handlungsorientierung zu vermitteln. Joachim Menze, Leiter der Vertretung der europäischen Kommission in München betont, dass alle Branchen von der Digitalisierung betroffen sind, also neben dem klassischen Ingenieurswesen auch beispielsweise Medizin, Bildung und Landwirtschaft.

Somit braucht es eine europäische Bildungspolitik, die dem defizitären Bildungsstand von Arbeitskräften aller Branchen im digitalen Bereich entgegenwirkt. Innerhalb eines Unternehmens bedeutet dies, alle Mitarbeiter umfassend zu schulen, wie Klaus Bengler von der TU München betont: "Lernprozesse finden auf allen Ebenen der Organisation statt." Veränderte berufliche Kompetenzen ziehen demnach die Veränderung von Lernsituationen nach sich, damit der europäische Arbeitsmarkt auch in Zukunft funktioniert.

Europäischer Demos durch Politikvermittlung

Brennpunkte wie die Digitalisierung müssen als gesamteuropäische Phänome verstanden und diskutiert werden. "Der Kern der europäischen Krise liegt weniger in den Institutionen als vielmehr im fehlenden europäischen Demos", diagnostiziert Andreas Kalina von der Akademie für Politische Bildung. Diesem Defizit kann jedoch begegnet werden, wenn es gelingt, eine europäische politische Identität, eine Öffentlichkeitsphäre und Vermittlungsagenturen zu schaffen.

Teilnehmer verhandelt im Planspiel die Zukunft Europas

Das Planspiel "Die Zukunft der Europäischen Union" dient einer solchen Vermittlung politischer Inhalte. Im Rahmen der Tagung schlüpften die Teilnehmer unter der Leitung von Stefan Rappenglück von der Hochschule für angewandte Wissenschaften München in die Rollen der Staatsvertreter im Europäischen Rat und handelten unter anderem zur gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik sowie zu Beitrittskandidaten Entscheidungen aus.

 

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