Digitale Dörfer als Chance für den ländlichen Raum

Akademiegespräch im Bayerischen Landtag zum Thema Digitalisierung

Für Landtagspräsidentin Ilse Aigner sind sie "die Seele des Landes": die bayerischen Dörfer. Doch der demografische Wandel und die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen gefährden die Existenz vieler Gemeinden - und führen gleichzeitig zu Raumproblemen in der Stadt. Die Digitalisierung bietet Möglichkeiten, um die Lebensqualität auf dem Land zu erhöhen. Mit zwei Expertinnen für ländliche Räume haben wir beim Akademiegespräch im Bayerischen Landtag über Rathaus-Apps, Co-Working-Spaces und Online-Sprechstunden diskutiert.


München / Tagungsbericht / Online seit: 11.04.2019

Von: Beate Winterer / Foto: Bildarchiv Bayerischer Landtag / Rolf Poss

# Kommunalpolitik, Bayern, Digitalisierung

Unsere Akademiegespräche im Landtag zum Nachlesen

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Imagefilm über das Digitale Dorf Süd in Frauenau und Spiegelau

Im Gemeindeverbund Spiegelau-Frauenau informieren digitale Schautafeln über Veranstaltungen, defekte Laternen melden die Bürger per Rathaus-App an den Bauhof und auch die entlegensten Ortsteile sind durch den Rufbus mit dem Supermarkt verbunden. Mitten im Bayerischen Wald entsteht seit einigen Jahren ein Stück Zukunft : ein Digitales Dorf. Bildschirme, Apps und Breitbandanschluss sollen das Leben hier so lebenswert machen wie in der Stadt - um alten Menschen das Bleiben zu erleichtern und junge wieder aus den Städten zurück zu holen. Diane Ahrens ist das beste Beispiel dafür, dass das Land auch für Akademiker unterhalb des Rentenalters attraktiv sein kann. Sie leitet den Technologie Campus Grafenau der Technischen Hochschule Deggendorf und verantwortet den Modellversuch "Digitale Dörfer". Neben Spiegelau-Frauenau gestaltet ihr Team inzwischen zwei weitere Projekte im Chiemgau und im Allgäu.

Das Gemeindehaus als analoge Zentrale des digitalen Dorfs

"Die Digitalisierung kann viele Probleme im ländlichen Raum lösen. Eltern können im Homeoffice arbeiten statt zu pendeln und so Familie und Beruf besser vereinbaren. Für Ältere erleichtern Apps Einkauf, Betreuung und Kommunikation", sagt Ahrens. Im Modelldorf im Bayerischen Wald sind unter anderem digitale Bibliotheken und ärztliche Hausbesuche per Videokonferenz entstanden. Und zu Pfingsten wird der Gottesdienst aus der Pfarrkirche ins Altenheim gestreamt. "Weil es einen Unterschied macht, ob man den eigenen oder irgendeinen Pfarrer sieht", sagt Ahrens. Alle Probleme kann aber auch die beste App nicht lösen. "Digitale Angebote müssen mit stationären verknüpft werden." Gemeindehäuser in verwaisten Gaststätten oder Ladenlokalen in der Ortsmitte könnten sich zur analogen Zentrale der digitalen Ortschaften entwickeln. Hier können Mitarbeiter verschiedenster Unternehmen und Behörden in Co-Working-Spaces zusammensitzen, um sich das Pendeln zu ersparen. Kinder und Alte werden im gleichen Gebäude betreut oder kommen zum gemeinsamen Mittagessen. Und falls es Supermärkte nur noch in abgelegenen Gewerbegebieten gibt, werden ins Gemeindehaus aus bestellte Lebensmittel geliefert. "Man muss die Dörfer der Zukunft ganzheitlich betrachten und alle Lebensbereiche einbinden", erklärt Ahrens.

Digitale Dörfer als "living labs"

Auch Anne Margarian vom Johann Heinrich von Thünen-Institut für Ländliche Räume in Braunschweig glaubt, dass Digitalisierung allein noch keine Zukunft macht. "Entscheidend ist der kreative Umgang mit digitalen Technologien. Jede Kommunalverwaltung muss eigene Lösungen für die Probleme im jeweiligen Ort entwickeln. Die ländlichen Räume in Deutschland sind sehr unterschiedlich", sagt sie. Was im Norden gut funktioniere, müsse im Süden nicht automatisch gut ankommen. Das gleiche gilt für Ost und West. Ein staatlich gefördertes Grundgerüst, beispielsweise für Rathaus-Apps, sei zwar sinnvoll. "Aber je fertiger die Produkte sind, desto weniger kreativ arbeiten die Gemeinden damit", erklärt Margarian.

Diane Ahrens wünscht sich für die Zukunft mehr Geld für die Kommunen, um die digitale Infrastruktur auszubauen, mehr IT-Kompetenz durch entsprechende Ausbildungen vor Ort und einen schnellen Mobilfunkausbau ("Versuchen Sie mal im Bayerischen Wald zwischen zwei Orten mit dem Handy zu telefonieren."). Vor allem seien aber mehr Feldstudien und belastbare Kosten-Nutzen-Analysen wichtig. "Digitale Dörfer lassen sich nicht am Computer erproben. Das geht nur vor Ort und unter Beteiligung der Bürger", sagt Ahrens. Ihre Digitalen Dörfer sind deshalb "living labs", in denen getestet wird, wie digitale Technologien das Leben auf dem Land erleichtern können. Gerade jetzt, wo Großstädte immer teurer und voller werden, sei ein guter Zeitpunkt, ländliche Räume zu stärken. "Je mehr Menschen wir dort halten können, desto weniger Probleme haben wir in Städten", so Ahrens' Fazit.

Gleichwertige Lebensbedingungen als Kern der politischen Agenda

Deshalb ist es auch nicht paradox, dass der ländliche Raum ausgerechnet in der Metropole München Gesprächsthema ist. "Die Politik muss über die Grenzen der Landeshauptstadt hinausschauen. Gleichwertige Lebensbedingungen in der Stadt und auf dem Land zu schaffen ist der Kern der politischen Agenda des Bayerischen Landtags", sagt Akademiedirektorin Ursula Münch. Die Veranstaltung knüpfte deshalb an die beiden Akademiegespräche aus dem Jahr 2014 an. "Boomtown München - Ödnis auf dem Land? Bayern im demografischen Wandel" und "Die Macht der Algorithmen. Selbstbestimmung trotz(t) künstlicher Intelligenz" lauteten damals die Titel.

Unsere Podiumsgäste

Prof. Dr. Diane Ahrens studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Passau, an der sie auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war und im Jahr 2000 promoviert wurde. Im Anschluss arbeitete sie für die Siemens AG unter anderem im Bereich der Prozessoptimierung und der Entwicklung von Konzernstandards für die weltweite Logistik des Unternehmens. 2003 wurde sie zur Professorin für internationale Unternehmensführung mit dem Schwerpunkt Logistik an die Hochschule Hof berufen und übernahm 2009 die Professur für Internationales Management an der Technischen Hochschule Deggendorf, deren Technologie Campus Grafenau sie seit 2012 leitet. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte sind  Zukunftsstrategien für den ländlichen Raum, die sie im Rahmen des Pilotprojekts "Digitales Dorf" unter anderem im Gemeindeverbund Spiegelau-Frauenau untersucht. Diane Ahrens ist zudem Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Fachvereinigungen und Sprecherin der Bundesvereinigung Logistik für die Region Ostbayern.

Dr. Anne Margarian studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus an der Christian- Albrechts-Universität zu Kiel und promovierte 2010 am Institut für Ressourcenökonomie der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2004 bis 2009 wirkte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Thünen-Institut für Betriebswirtschaft an der Evaluation der Europäischen Politik für Ländliche Räume mit. Im Rahmen einer DFG-Forschergruppe war sie zudem von 2006 bis 2008 mit Fragen des Strukturwandels im Agrarsektor befasst. Seit 2009 arbeitet Anne Margarian am Thünen-Institut für Ländliche Räume in Braunschweig. Dabei war sie unter anderem mit der Begleitforschung zum Modellvorhaben "LandZukunft" des Bundeslandwirtschaftsministeriums betraut. Zu ihren aktuellen Forschungsschwerpunkten zählen der Strukturwandel der ländlichen Wirtschaft und die damit verbundenen Fragen der Digitalisierung. Sie ist zudem in die kontinuierliche wissenschaftsbasierte Politikberatung des Thünen-Instituts eingebunden.

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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing


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