Lost in Virtuality?

Chancen und Risiken mobiler Medien bei Jung und Alt

Bayreuth / Tagungsbericht / Online seit: 12.05.2018

Von: Miriam Günther und Michael Schröder

Foto: PixabayCC0 / KristopherK

# Digitalisierung / Medienethik

54 Millionen Smartphone-Nutzer gibt es in Deutschland. Dabei benutzen über 28 Prozent der Erwachsenen mehrere Stunden täglich das Handy. Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit gilt dem Smartphone. So kam es zur Wortschöpfung „Smombie" für Menschen, die sich mehr und mehr von der Außenwelt abkapseln. Unsere Konferenz hat sich mit den gesellschaftlichen Problemen beschäftigt, die durch exzessive Nutzung des Smartphones entstehen können. Aber auch die Chancen und Möglichkeiten mobiler Medien für Bildung, Erziehung und die ältere Generation wurden untersucht.


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Den Anstoß zur Tagung gab die neueste BLIKK-Studie (Bewältigung - Lernverhalten - Intelligenz – Kommunikation) – Vanessa Jakob und Andrea Kirfel (Rheinische Fachhochschule Köln) berichteten über deren Ergebnisse und stellten fest: Kinder brauchen digitale Fürsorge. Prägnante Ergebnisse der Studie waren, dass etwa jedes zehnte zwei- bis dreijährige Kind ein Tablet oder Smartphone besitzt, jeder zweite Sieben- bis Vierzehnjährige ein Smartphone hat und rund 90 Prozent der jungen Teenager über eine Stunde täglich ein Smartphone nutzen. Knapp 70 Prozent der Kleinkinder können sich nicht weniger als zwei Stunden ohne Bildschirmmedien beschäftigen. Mögliche Folgen der übermäßigen oder zu frühen Nutzung von Bildschirmmedien bei Kindern und Jugendlichen sind Sprachstörungen, Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität. Jugendlichen nutzen vor allem YouTube, WhatsApp und Instagram - und laufen dabei Gefahr, sich in der virtuellen Welt der Freude und des Erfolges zu verlieren.

Medienerziehung beginnt früh

Hans-Jürgen Palme (SIN - Studio im Netz) setzt sich für eine lebenslange mediale Erziehung ein, und vor allem für die von Kindern. Der Bayerische Erziehungsplan (BEP) für die Vorschulerziehung biete dafür eine gute Grundlage und die Erzieherinnen seien hoch qualifiziert, sagte Palme. Hate Speech, Fake News und Cybermobbing sollten bereits in der Schule thematisiert werden. Medienerziehung ist ein wichtiges Instrument, um Grenzen und Chancen der neuen Medien zu zeigen, multimediales Orientierungswissen und eigenverantwortlichen Umgang mit den Verlockungen der digitalen Welt zu erlernen.

Kosmetiktipps und Vernetzung

Nicole Rauch, Medienpädagogische Referentin am JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, legte den Fokus ihres Vortrags auf die mobile Mediennutzung von Jugendlichen. Sie finden so Orientierung, Unterhaltung, Informationsbeschaffung für Freizeit, die Schule und das Weltgeschehen, aber sie auch eine Möglichkeit, Beziehungen zu pflegen und sich zur Geltung zu bringen. Die Internetnutzung wird zu 81 Prozent mit dem Smartphone getätigt; denn die mobile Kommunikation ist weder räumlich noch zeitlich begrenzt und unkompliziert. Eines der beliebtesten Medien bei jungen Leuten ist das eher passiv genutzte Youtube. Dort informieren sich die Jugendlichen gerne über aktuelle Themen, die von einzelnen Personen kommentiert werden, folgen Komikern, Computerspielern oder Lifestyle-Beratern.

Influencer wie LeFloid, Julien Bam, Bibis Beauty Palace oder Gronkh haben bereits mehrere Millionen Follower, Aufrufe pro Clip um die halbe Million bereits nach wenigen Stunden sind keine Ausnahme. Das sind Reichweiten unter Jugendlichen, von denen die klassischen Medien nur träumen können. Problematisch wird es, wenn Influencer diese Plattformen für rassistische und extremistische Parolen nutzen. Nicht immer durchschaubar seien die kommerziellen Interessen und die als Information verpackte Werbung, sagte Rauch. Aber: Es entsteht das Gefühl einer großen Netzgemeinschaft. Gleiches gilt für Handyspiele als Zeitvertreib, Wettkampf und Verbindung mit anderen. Auch Messenger-Dienste ermöglichen eine vielfältige Kommunikation. Allerdings vernachlässigt man schnell den Schutz der eigenen Daten.

Medienkompetenz für Senioren

Herbert Kubicek ist Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung Digitale Chancen. Sie erforscht die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung und setzt sich ein für den chancengleichen Zugang aller Menschen zum Internet. Insbesondere die Medienkompetenz der sogenannten Silver Surfer ist Kubiceks Anliegen. Denn: Die bis 69-Jährigen sind in der Mehrheit noch online, ab 70 kehrt sich das um und die über 80-Jährigen sind nur zu 10 Prozent im Internet unterwegs. "Kein Bedarf", das sagen zwei Drittel der Senioren, dazu kommen Bedenken in Bezug auf Datensicherheit und -schutz. Für Kubicek gibt es eine Reihe wichtiger Grundsätze, um die Medienkompetenz älterer Menschen auszubilden:

  • Kleine Lerngruppen – im Idealfall ein Trainer und ein Lehrling.
  • Positive Berichte anderer Nutzer ermuntern zum Nachmachen.
  • Die Komplexität der Nutzung muss schrittweise erhöht werden.
  • Schriftliches Begleitmaterial.
  • "Üben, üben und nochmals üben."

Die Tagung "Leben Smombies gefährlich? Chancen und Risiken mobiler Medien" war eine Zusammenarbeit mit der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien (EAM) des Deutschen Evangelischen Frauenbundes, Landesverband Bayern e.V. Sie fand am 28. April 2018 im Arvena Kongress Hotel in Bayreuth statt.


Weitere Informationen

Das BLIKK-Medienprojekt: Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien

Seniorinnen und Senioren in Netz - Informationen aus dem Bayerischen Sozialministerium

Mutter lernt Surfen - eine SPIEGEL-Reportage zum Internet für Senioren

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