(K)eine Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Akademiegespräch im Landtag mit BR-Intendant Ulrich Wilhelm und Diemut Roether

München / Akademie-Gespräch / Online seit: 22.04.2018

Von: Miriam Günther und Sebastian Haas

Foto: Bildarchiv Bayerischer Landtag / Rolf Poss

# Zukunft-der-Medien / Digitalisierung / Rundfunk

Kritik an den Medien und an der Arbeit von Journalisten ist beileibe kein neues Phänomen, doch haben die Breite und die Schärfe der Vorwürfe in den letzten Jahren merklich zugenommen. Besonders im Fokus steht (wieder einmal) der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Seine Daseinsberechtigung wird grundsätzlich infrage gestellt.


Denn egal ob in Deutschland oder in der Schweiz, in Polen oder Ungarn, in vielen Ländern Europas wird um diesen Pfeiler der Medienlandschaft heftig gerungen, wobei die Kritiker aus unterschiedlichen Lagern kommen und oft gar der Regierung angehören. Der Vertrauensschwund in Teilen der Gesellschaft, Finanzierungsfragen und der Wandel des Nutzerverhaltens sind enorme Herausforderungen für diesen Pfeiler der Medienlandschaft.

Beim 55. Akademiegespräch im Bayerischen Landtag haben wir den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angesichts gesellschaftlicher Veränderungen in den Fokus gestellt – mit dem derzeitigen ARD-Vorsitzenden und Intendanten des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, sowie Diemut Roether, verantwortliche Redakteurin beim Fachdienst epd medien.

Regionales ist gefragt

Wilhelm erkennt einen tiefen Graben: Einerseits der Diskurs in geregelten Bahnen, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die breite Öffentlichkeit und im Dienste der Demokratie anbietet (und mit dem nach Angaben der aktuellen ARD-Vertrauensstudie pro Woche 94 Prozent aller über 14-Jährigen erreicht werden); andererseits das permanente Selbstgespräch in den Filterblasen und Echokammern (vor allem) der Netz-Inhalte. Berechtigte wie unberechtigte Kritik an Finanzierung, Struktur und Angeboten öffentlich-rechtlicher Medien habe es schon immer gegeben, doch selten sei sie so gut organisiert gewesen wie heute. Dem setzt Ulrich Wilhelm entgegen: Die „neuen Riesen" wie Netflix, Amazon und Co. deckten weder Regionalität noch Sparteninteressen ab; dafür eine Plattform zu bieten sei kein Zeichen von Borniertheit, sondern das Einlösen der Nachfrage nach eben diesen Angeboten.

In der anschließenden Diskussion betonte Diemut Roether die fehlende Diversität unter Journalisten: Frauen seien immer noch unterrepräsentiert, deutschlandweit hätten nur vier Prozent der Journalisten einen Migrationshintergrund. Auch sie sollte man in Führungspositionen befördern. Außerdem kritisierte die Redakteurin das „Klüngeln" zwischen öffentlich-rechtlichen Journalisten und Politikern. Der Landtagspräsident ist in Bayern per Gesetz auch Vorsitzender des BR-Verwaltungsrats. Was tut man im Falle eines Amtsmissbrauchs? Wilhelm entgegnete, dass es auf die persönliche Verantwortung ankomme und Journalismus so frei wie möglich von parteiischen Auffassungen sein sollte. Eine mögliche Lösung könnten hier vom Publikum nominierte Rundfunkräte sein, um die Gremien für die Öffentlichkeit zu öffnen. Beim WDR sei dies bereits der Fall, sagte Roether.

Wo ist die Vision?

Die Fachjournalistin kritisierte Politiker, die zwar nachvollziehbar maßvolles Wirtschaften und sorgsamen Umgang mit Gebühren verlangen, gleichzeitig aber keine politische Vision für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Systems hätten. „Es ist zu billig zu sagen: Es muss gespart werden." Für junge Zielgruppen gebe es keine Strategie. Dem widersprach Wilhelm – zumindest für den Bayerischen Rundfunk („Wir haben den erfolgreichen Youtube-Kanal der Jugendwelle Puls"). Aber in der föderalen Struktur sei es schwierig, eigen- und selbstständige Sender auf einen gemeinsamen Weg zu bringen.

Ein starkes Argument gegen die Abschaffung der ARD lieferte Wilhelm mit der Feststellung, dass vor allem regionale Inhalte von den öffentlich-rechtlichen Sendern hochwertig aufbereitet werden. Er legte auch ein Bekenntnis zur kulturellen Arbeit der Sendeanstalten ab und nannte als Beispiel die Orchester und Archive: „Das sind Schätze, die sonst ersatzlos wegfallen." ARD und ZDF – einschließlich vieler anderer Programme wie Deutschlandfunk, ARTE, Phoenix, 3sat, Kika und ARD-alpha – müssten als öffentliche Güter begriffen werden, die wie Schulen und Krankenhäuser solidarisch gemeinsam finanziert werden müssen.

Ulrich Wilhelm Bayerischer Landtag Akademiegespräch Foto Rolf Poss

Die Podiumsgäste

Ulrich Wilhelm (Jahrgang 1961/Foto oben) hat die Deutsche Journalistenschule mit dem Redakteursdiplom abgeschlossen. Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Passau und München und arbeitete währenddessen als freier Journalist. 1991 trat Wilhelm in den Staatsdienst ein. Nach verschiedenen Aufgaben im Bayerischen Innenministerium und in der Bayerischen Staatskanzlei wurde er 1999 zum Pressesprecher des Ministerpräsidenten und der Bayerischen Staatsregierung berufen. 2004 erfolgte seine Ernennung zum Amtschef des Bayerischen Wissenschaftsministeriums. Im folgenden Jahr wechselte er als Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung und Regierungssprecher im Rang eines Staatssekretärs nach Berlin. 2010 wählte ihn der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks zum Intendanten; er trat dieses Amt im Februar 2011 an und wurde 2015 für eine zweite Amtszeit bis 2021 wiedergewählt. Seit 2013 ist Ulrich Wilhelm Mitglied des Executive Board der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Anfang 2018 hat er für zwei Jahre den Vorsitz der ARD übernommen.

Diemut Roether (Jahrgang 1964) studierte Journalistik, Deutsche Sprache und Literatur, Politik, Geschichte und Informationswissenschaften in Dortmund und Madrid. Von 1993 bis 2000 war sie Redakteurin bei ARD-aktuell. Sie arbeitete zudem als Seminarleiterin in der Evangelischen Medienakademie Berlin. Seit Oktober 2002 ist Roether Fachredakteurin für Medienthemen bei epd medien, einer Publikation, die sie seit Juli 2009 als Verantwortliche Redakteurin leitet. 2011 wurde sie mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet. In ihrer Begründung betonte die Jury, Roether und ihr ebenfalls ausgezeichneter Kollege Michael Ridder hätten „immer wieder ihre Stimme erhoben, klare Positionen bezogen und medienpublizistische Akzente gesetzt, die in Erinnerung blieben und manchen forderten, den eigenen Standpunkt besser zu reflektieren und zu kommunizieren".

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