Ten Years After

Eine Zwischenbilanz der Finanz- und Weltwirtschaftskrise

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 17.07.2017

Von: Sebastian Haas

Foto: CC0 Pixabay

# Euro / EU-Binnenmarkt / China / Globalisierung

Mit dem Platzen der Immobilienblase 2007 und dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 begann die Wirtschafts- und Finanzkrise. Es folgten etliche Bankenzusammenbrüche – die weltweite Rezession konnte nur mit Hilfe beispielloser staatlicher Rettungsaktionen und einer extrem lockeren Geldpolitik seitens der Zentralbanken aufgefangen werden. Dennoch haben viele Länder das Produktionsniveau der Vorkrisenzeit nicht wieder erreicht, die Finanzmärkte bleiben fragil und die Verschuldungs- und Eurokrise ist noch lange nicht bewältigt. Wir haben eine Zwischenbilanz der nunmehr zehn Jahre andauernden multiplen Krise gezogen.


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Gabriel Felbermayr, Direktor des Zentrums für Außenwirtschaft des ifo-Instituts, erläuterte, dass die derzeitige Tendenz zu Ent-Globalisierung und Protektionismus für ausfuhrorientierte Gesellschaften negative Folgen haben kann. Deutschland zum Beispiel erwirtschaftet 35 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts aus dem Export (der weltweite Schnitt liegt bei ungefähr 20 Prozent, in den USA lediglich bei neun), was – noch – vergleichsweise hohe Löhne, sichere Jobs und niedrige Preise bedeutet.

Ten Years after: China

Auch in China, dessen Wirtschaftsleistung zu über 40 Prozent aus Exporten kommt, hatte mit einem massiven Abzug von Investitionen aus dem Ausland zu kämpfen, fand aber wie üblich einen eigenen chinesischen Weg. Wie Markus Taube (Universität Duisburg-Essen) erklärte, hat Chinas Führungsriege ein massives Konjunkturprogramm auf die Beine gestellt und in dessen Folge alte Partei-, Kommando- und auch Indoktrinations-Strukturen gestärkt. Die Nachfrage blieb gleich, die Preise sanken – wohin nun mit überschüssigen Rohstoffen und Produkten, Geld und Immobilien? Darauf hat man noch keine Antwort gefunden, und so lange droht immer das Platzen der nächsten großen Blase.

Ten Years after: Panama Papers

Frederik Obermaier gehört zum Investigativ-Team der Süddeutschen Zeitung und hat mit insgesamt 400 Kolleginnen und Kollegen in München und weltweit ein System von Steueroasen aufgedeckt: die sogenannten Panama Papers. Dafür gab es den Pulitzer-Preis als Anerkennung für die journalistische Leistung, aber was hat die Recherche darüber hinaus gebracht? „Die Diskussion über Steueroasen geht weiter", berichtet Obermaier und verweist auf Anti-Offshore-Gesetzgebung, auf verstärkte Offenlegungspflichten für Politiker und Transparenzregister, auf Steuerabkommen und Datenankäufe durch Steuerbehörden. „Wer eine Briefkastenfirma gründet und Schutzmauern um sein Vermögen baut, muss mittlerweile Angst haben", meint Obermaier – und sieht dabei in der Europäischen Union noch großen Handlungsbedarf, die Beispiele der Steueroasen Niederlande, Malta, Zypern oder Luxemburg zeigen es.

Ten Years After: IWF und Eurozone

Der Volkswirt Ulrich Fritsche lehrt an der Universität Hamburg und analysierte die Rolle des Internationalen Währungsfonds bei der Stabilisierung der Eurozone. Seiner Ansicht nach haben die bestehenden Ungleichgewichte und Konstruktionsfehler des Euroraumes eine konstruktive Rettungspolitik verhindert – nun begnüge man sich mit einem Stop-and-Go aus Sparen, Neuverhandlungen, Schuldenerlassen und expansiver Geldpolitik. Nichts Neues übrigens: Auch Großbritannien habe dieses muddling through in den Krisenjahrzehnten der 1970er und 80er-Jahre betrieben – und um die Eurokrise zu beenden, werde es ebenfalls einer Kombination aus verschiedenen Lösungsansätzen benötigen, „die dann funktionieren, egal, wie verfassungspolitisch umstritten sie sein mögen".

Unsere Tagung zur Zwischenbilanz der Finanz- und Weltwirtschaftskrise fand vom 14. bis 16. Juli 2017 statt. Ebenfalls auf dem Podium: der Wirtschaftshistoriker Harold James von der Princeton University (seine Ausführungen zu Weltwirtschaftskrisen in den Berichten "Schulden und Verantwortung" und "Globalisierung"); über Reformen und Reformoptionen für den Euro, den Banken- und Finanzsektor sprachen die Ökonomen Wolfgang Wiegard – von 2001 bis 2011 einer der Wirtschaftsweisen – und Christoph Kaserer (Technische Universität München). Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Diskussion über die kommenden Herausforderungen für Wirtschaft und Politik, an der unter anderem der Ökonom und Autor Daniel Stelter sowie der Politikberater Janis A. Emmanouilidis (European Policy Centre, Brüssel) teilnahmen.


Weitere Informationen

ifo-Schnelldienst 17/2017 mit einem Schwerpunkt zu unserer Tagung

Doppelmoral der Europäer: Die Ergebnisse des G20-Gipfels in der Analyse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – und mit Gabriel Felbermayr (ifo)

Protektionismus-Debatte: Was Wissenschaftler von „fairen Zöllen" halten (Wirtschaftswoche)

Ein Interview mit Christoph Kaserer zur Bankenregulierung auf der Homepage des Genossenschaftsverbands Bayern

Ein Interview mit Gabriel Felbermayr über die Wirtschaftsstrategie von US-Präsident Donald Trump (im Januar 2017 für DIE ZEIT)

Buch: Panama Papers – Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Abstract (The Economist): This Time Is Different – Eight Centuries of Financial Folly by Carmen M. Reinhart & Kenneth S. Rogoff

Acht Jahrhunderte voller Finanzkrisen: Besprechung des Standardwerks von Reinhart & Rogoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

"Von billigem Geld zusammengehalten" - ein ZEIT-Interview mit Daniel Stelter zur Eurozone

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