Es geht auch anders

Perspektiven für die sozio-ökonomische Bildung und Wissenschaft

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 17.03.2017

Von: Sebastian Haas

# Wirtschaft

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In der Wirtschaft ist es wie in der Politik: Simple Erklärungen stimmen selten mit der Wirklichkeit überein. So ist auch die wirtschaftliche Entwicklung gesellschaftlich eingebettet. Wie der Alltag der Menschen aussieht, wie ihre Entscheidungen ausfallen, ist auch, aber nicht nur das Ergebnis großer ökonomischer Entwicklungen oder politischer Prozesse. Aber auch die Art und Weise, wie wir leben, kann ganze Wirtschaftssysteme verändern.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Im gesellschaftlichen Handeln hat die Sozioökonomie ihren Ursprung. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für sozio*ökonomische Bildung und Wissenschaft sind wir der Frage nachgegangen, wie interdisziplinäres Denken, Pluralität und Ethik in der Vermittlung von Wirtschaftsfragen eine größere Rolle spielen können. Dass sie es sollten, vermittelten alle Vortragenden der Tagung und besonders leidenschaftlich Georg Tafner. „Ethik ist ein integraler Bestandteil der Definition von Wirtschaften“, meint der Professor an der Pädagogischen Hochschule Steiermark und Leiter des Bundeszentrums für Professionalisierung der Bildungsforschung (beides in Graz). Statt nur Zweckrationalität, Egoismus und Effizienz in den Mittelpunkt wirtschaftlichen Handelns zu stellen – wie es die Mehrheit der Ökonomen infolge der neoklassischen Schule tut – müssten menschliche Beziehungen mehr in den Mittelpunkt rücken. Schließlich besteht jedes Unternehmen aus Personen, Beziehungen, Kommunikation, stellen sich dort Fragen von Tugend und Moral. Oder anders formuliert: In der Wirtschaft sollte nicht nur gelten, was machbar, sondern auch, was sinnvoll und ethisch vertretbar ist. Dann wird auch (Konsum-)Verzicht zu einer wirtschaftlichen Tat.

(G)ewiss kann niemand ein großer Ökonom sein, der nur Ökonom ist – und ich bin sogar versucht hinzuzufügen, dass der Ökonom, der nur Ökonom ist, leicht zum Ärgernis, wenn nicht gar zu einer regelrechten Gefahr wird. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek (1899-1992)

Wirtschaftswissenschaft sollte sich also wieder mehr an mathematischer Objektivität orientieren und zur (selbst-)kritischen Auseinandersetzung mit den Wirtschaftsbeziehungen und Finanzströmen (einer critical financial literacy) anregen, darin waren sich die meisten Podiumsgäste einig. Besonders deutlich wurde dabei Silja Graupe, Vizepräsidentin der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues, die eine Abkehr von der „Indoktrination“ in den meisten volks- und betriebswirtschaftlichen Lehrbüchern fordert.

Die Umsetzung sozioökonomischer Bildung

Nachvollziehbare und berechtigte Wünsche mögen das sein, doch wie sieht es in der Praxis aus? Sascha Spoun, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg, hat sowohl an seiner jetzigen Universität als auch an der von St. Gallen die Lehre teils völlig neu konzipiert und neue Studiengänge eingeführt. Kontextstudium (früher nannte man das noch studium generale) lautet das Schlagwort, durch das die Studierenden „erst Akademiker werden“ und danach in bestimmte Fachbereiche vordringen. Das heißt für die Wirtschaftswissenschaft in Lüneburg und St. Gallen: in multi-disziplinären Studiengängen wird erst gelernt, wissenschaftliche Methoden anzuwenden, bestimmte Bewertungsmaßstäbe anzusetzen und vor allem selbständig zu denken, bevor man sich an die reine Betriebs- oder Volkswirtschaft macht. An der Universität Tübingen beispielsweise wurde kürzlich ein Lehrstuhl für Ökonomische Bildung und Wirtschaftsdidaktik eingerichtet. Dort unterstützt Professorin Taiga Brahm mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor allem Lehramts-Studierende dabei, „sich zu selbstständigen (Wirtschafts-)Bürgern zu entwickeln“.

Ganz ähnlich soll es sich an den Schulen verhalten. Wissen nicht mehr nur nach der Verwertbarkeit zu messen, dafür setzt sich der Politikdidaktiker Tonio Oeftering von der Leuphana Universität Lüneburg ein – und was für die politische Bildung gilt, soll damit auch für eine „emanzipatorische ökonomische Bildung“ gelten: denLernenden zur eigenen Mündigkeit zu verhelfen. Diesen Schritt hat man in Österreich bereits getan. Dort wird das Fach „Geografie und Wirtschaftskunde“ in allen weiterführenden Schulen ab der Unterstufe angeboten, in den Grundschulen gibt es „wirtschaftlich-lebensweltlich orientierten“ Sachkundeunterricht. „Die Wirtschaft wird als vom Menschen mitgestaltbar verstanden, Interessen, Einflüsse und Machtpositionen werden thematisiert“, erläuterte Christian Fridrich von der Pädagogischen Hochschule Wien. Eine andere Art des Unterrichts – und dementsprechend umstritten (vgl. die Debatte in der PRESSE und die Artikel aus dem Dezember 2015, dem April 2016 und Oktober 2016).


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