Im Spiegel von Migration und Flucht

Fachtagung: Soziale Arbeit - (k)ein Ort der Menschenrechte?

Tutzing/Benediktbeuern / Tagungsbericht / Online seit: 18.05.2017

Von: Sebastian Haas und Franziska Vogel

# Tolerante-Gesellschaft / Integration / Sozialstaat / Migration

Die Tagungsreihe „Soziale Arbeit – (K)Ein Ort der Menschenrechte?" blickt kritisch auf die Geschichte der Sozialen Arbeit und will sie auf ihre aktuelle Bedeutung befragen. Die dritte Veranstaltung untersucht Rolle und Selbstverständnis der Sozialen Arbeit im Umgang mit Flucht und Migration. Wie haben sich gesellschaftspolitische Strategien und Stereotype gegenüber Fremden und dem Leid „der Anderen" verändert? So machte der Zweite Weltkrieg mehr als 50 Millionen Menschen zu Geflüchteten, Zahlen, die heute – nicht zuletzt aufgrund der Kriege und Krisen in Syrien, im Irak, in Afghanistan und vielen Staaten Afrikas – wieder erreicht werden.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Zugleich wurden zum Schutz der Rechte von Geflüchteten rechtliche Standards im Rahmen der Vereinten Nationen etabliert. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich ein Diskurs über „Fremde" analog zur staatlich gesteuerten Migration aufgrund des Arbeitskräftebedarfs seit den 1950er Jahren. Im Zuge dieser gelenkten Migrationspolitik entstanden eigenständige neue Felder der Sozialen Arbeit, die den sich wandelnden sozialstaatlichen Ansprüchen einer „Integrationsgesellschaft" Rechnung tragen sollten. Schließlich bestand damals – und besteht noch heute – in weiten Teilen der Gesellschaft eine große Skepsis gegenüber Zuwanderern, die in der sozialen Arbeit und durch einen fortlaufenden Diskurs thematisiert werden muss.

Migranten? Menschen!

Wie kompliziert die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Flucht und Migration gerade für die Soziale Arbeit ist, erläuterte Luzia Jurt, Ethnologin an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zunächst einmal dreht sich die Diskussion immer um dieselben Fragen – Wer darf kommen? Wer muss gehen? Wie wird das Zusammenleben organisiert? Wer hat welche Rechte und Pflichten? – und vor dem Hintergrund, dass es immer heißt: „Es sind zu viele", ganz egal, ob der Anteil der Migranten in einem Ort bei 50, 25, fünf oder null Prozent der Bevölkerung liegt. Dabei wurden und werden die unterschiedlichsten Individuen über ihren wirtschaftlichen, nationalen oder religiösen Status zu homogenen Gruppen stilisiert: Gastarbeiter, Flüchtlinge, Expats, Saisonarbeiter, „die" Türken, Jugoslawen, Russen, Araber, Afrikaner und Muslime. „Diese Fremdzuweisungen bestimmen das Selbstverständnis der Menschen, ihre Möglichkeiten und Zwänge", so beschreibt Luzia Jurt heute, was ihr Landsmann, der Schriftsteller Max Frisch, bereits 1965 formuliert hat: „Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen." Nur wer aktiv mit diesen Menschen in einen Dialog tritt, kann deren eigene Sorgen, Nöte und natürlich auch Strategien erkennen und verstehen lernen.

Ein Gespräch zwischen Annette Eberle und Susanne Nothhafft von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und den drei Frauen, Sükran Aslan, Gönül Yerli und Nuschin Rawanmehr, die als Migrantinnen bzw. Geflüchtete nach Deutschland kamen, drehte sich alles um die Frage: Wie fühlt man sich als Ausländer in Deutschland? Es zeigt sich, dass es sehr stark vom Kontext abhängig ist, wie sehr man sich "anders" fühlt oder einem das Gefühl gegeben wird, "anders" zu sein. Dabei spiele vor allem der Wohnsitz eine Rolle, Nordrhein-Westfalen sei "besser als Bayern". Probleme auf dem Arbeitsmarkt oder bei der Wohnungssuche beklagen alle drei Frauen, ein Gefühl der Gleichheit verspüren sie nur unter Freunden und Gleichgesinnten. Außerdem sei die Stimmung stark von der Tagespolitik beeinflusst: Nach Terroranschlägen oder auch im Zuge der neuesten Leitkulturdebatte („Wir sind nicht Burka") werde wieder man "anders angeschaut, anders behandelt".

Das Integrationsgesetz als Lösung?

Für das Ziel der umfassenden Integration fanden sowohl Gabriele Stark-Angermeier (Bundesvorstand des Deutschen Berufsverbands für Soziale Arbeit) als auch Landtagsabgeordnete Christine Kamm (Grüne) das neue bayerische Integrationsgesetz wenig hilfreich bis abträglich, da es durch umfassende Ermessenspielräume zu manchen Erschwernissen in der praktischen Arbeit führen werde. Der CSU-Landtagsabgeordnete Joachim Unterländer wollte den Blick nun nach vorne wenden, an die konkrete Integrationsarbeit gehen und Hindernisse auch in der wertvollen ehrenamtlichen Integrationsarbeit beseitigen.

Aufbruch und Transit

Warum die Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg immer durchlässiger wurden, erläuterte unser Zeithistoriker Michael Mayer. Die Ursachen sind klar: Vermehrter wirtschaftlicher Austausch, Einsparungen im Grenzschutz sowie mehr Tourismus und Druck seitens der Bevölkerung, nicht zu lange an der Grenze warten zu müssen. Trotzdem mussten die Grenzen gesichert bleiben, Paßfälscher und Schlepperbanden bekämpft werden, wie zum Beispiel durch die Einführung von individuellen Sicherheitscodes in deutschen Pässen. Nur Grenzbeamte konnten die darin hinterlegten Vermerke überprüfen - absolut fälschungssicher. Im anschließenden Workshop ging es um konrekte "Grenzfälle" wie einen Inder, der in den 1950er-Jahren nach Großbritannien reisen wollte. Dies wurde ihm verwehrt. Und was tat er? Reiste nach Kenia, nahm dort die koloniale Staatsangehörigkeit an und hatte keine Probleme an der britischen Grenze mehr.

In die Tagung eingebunden war auch ein Kulturprogramm: Die Filmemacherin Ulrike Bez stellte in ihrem Film „Töchter des Aufbruchs" Migrantinnen aus unterschiedlichen Generationen in Deutschland vor. Salome Fritz, Hannah Mühlfelder und Hannah Krüll-Ruopp, alle aktuelle bzw. ehemalige Studentinnen an der KSFH, eröffneten ihre Ausstellung „Leben im Transit", die von Begegnungen mit Menschen auf der Flucht erzählt. Christiane Huber indes baute in den Räumen der KSFH die Wanderbank auf – ein Projekt der Bahnhofsmission Bayern und tatsächlich eine Sitzbank, auf der Menschen unterschiedlicher Herkunft und in verschiedenen Lebenssituationen zusammenkamen, miteinander redeten und aus ihrem Leben erzählten.

Die Fachtagung „Soziale Arbeit – (k)ein Ort der Menschenrechte: Im Spiegel von Flucht und Migration" vom fand vom 10. bis 12. Mai 2017 statt. Kooperiert haben wir mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abt. Benediktbeuern (KSFH), und dem Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit e.V.

 


Weitere Informationen

Bericht der Tagung im Merkur: Integration damals und heute

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Dr. Michael Spieker
Tel: 08158 / 256-57
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