Digitaler Wandel verändert Formate und Inhalte

Studienreise in den Medienbetrieb der Hauptstadt

Berlin / Tagungsbericht / Online seit: 27.04.2017

Von: Michael Schröder

# Zukunft-der-Medien / Medienwandel / Radio-und-Fernsehen / Print-und-Online

Bei einer Studienreise nach Berlin wurden mit Journalisten aktuelle Hintergründe und Probleme der Politikvermittlung durch Medien diskutiert. Obwohl die besuchten Medien und Gesprächspartner sehr unterschiedlich waren, zog sich doch ein roter Faden durch viele Redaktionskonferenzen und Diskussionen mit den Hauptstadtjournalisten: Die Geschwindigkeit des Nachrichtenumschlags nimmt weiter zu und der digitale Medienwandel verändert Inhalte und Formate.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Die Nachrichtenlage während des Seminars in der Osterwoche 2017 bot alles andere als Feiertagsruhe: Der US-Raketenangriff auf Syrien, die Situation nach dem Terroranschlag von Stockholm, der Bombenangriff auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund, das bevorstehende Verfassungsreferendum in der Türkei: Stoff für Schlagzeilen und heftige Diskussionen in den Redaktionen.

Der Raketenangriff auf Syrien war auch Thema bei „Anne Will“, unter anderem mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und dem ehemaligen US-Botschafter John Kornblum. Nach der Sendung erläuterte Redaktionsleiter Andreas Schneider im Studio, dass eine bereits fertig geplante Sendung mit zugesagten Gästen kurzfristig aus Gründen der Aktualität in den Papierkorb wanderte und die Redakteure mit ihren Recherchen von vorne begannen. Innerhalb kürzester Zeit stand der neue Plan – noch 48 Stunden bis zur Sendung: Adrenalin pur.

Diktatur der Geschwindigkeit

Gaby Sohl, taz-Redakteurin, beklagte diese „Diktatur der Nachrichtengeschwindigkeit“, gegen die eine gedruckte Zeitung, die vor allem vom Abonnement lebt, schwer ankommt: „Für einen Existenzkampf im Netz sind wir zu schwach.“ Aus anderer Warte kommt Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandradios und Vorstandsmitglied der Bundespressekonferenz, zu ähnlichen Ergebnissen. Er sieht die geringer werdende Vielfalt der Hauptstadtmedien kritisch, weil immer mehr Parlamentsredaktionen von den Verlegern zusammengelegt werden.

Philipp Wittrock ist stellvertretender Politikchef bei Spiegel online. 170 Journalisten arbeiten in Berlin und Hamburg für die online-Ausgabe. Ihre Währung sind die täglich rund 35 Millionen Klicks auf die Homepage des Spiegel. Der Anteil der mobilen Nutzung liegt derzeit bei etwa 50 Prozent und steigt weiter an. Er sagt: „Die Technik treibt die Formate vor sich her und verändert sie.“ Und er gibt zu, dass die Einflüsse des Boulevardjournalismus auf den Online-Journalismus zugenommen haben. Eine Geschichte würde im Netz anders präsentiert als im gedruckten Heft: „Politische Online-Journalisten arbeiten im Spannungsfeld zwischen journalistischem Anspruch und der Suchmaschinen-Optimierung.“

Newsletter zum Frühstück

Auch der bereits 1945 im amerikanischen Sektor von Berlin gegründete Tagesspiegel geht mit der Zeit: Die Themen der Online-Ausgabe sind längst fester Bestandteil der Blattplanung und der Redaktionskonferenzen. Lokale Themen stehen ganz vorn, auch wenn es inzwischen ein „Buch“ gibt, das sich speziell an die Bundestagsabgeordneten richtet. Für sie ist der Tagesspiegel Pflichtlektüre, wenn sie seriös und zuverlässig über die Politik in der Hauptstadt informiert sein wollen. Und mit dem Checkpoint, einem täglichen Newsletter morgens um 6 Uhr aufs Handy, hat Chefredakteur Lorenz Maroldt den Grimme Online Award 2015 nach Berlin geholt.

Nachricht bleibt Kerngeschäft

Keinen Redaktionsschluss kennt die Deutsche Presse Agentur dpa, die seit 2010 ihre Zentralredaktion im historischen Zeitungsviertel Berlins direkt neben dem Springer-Verlag hat. Schnelligkeit muss sein, aber darunter dürfen Qualität und Zuverlässigkeit auf keinen Fall leiden, sagt dpa-Sprecher Chris Melzer, der zuvor Büroleiter in New York war. Gerade im Zeitalter der Fake News sei die geprüfte Nachricht das Qualitätsmerkmal einer Agentur. Auch wenn es im Internet inzwischen viele Nachrichtenanbieter gebe, bleibt die schnelle Nachricht rund um den Globus das Kerngeschäft der unabhängigen dpa. 1300 Journalisten arbeiten weltweit für dpa, 3300 Artikel und 2200 Fotos werden pro Tag verbreitet.

Am Morgen danach ist das Bombenattentat auf den Mannschaftsbus der Borussia aus Dortmund mit einem verletzten Spieler das beherrschende Thema der zentralen BILD-Redaktionskonferenz mit per Video zugeschalteten Außenredaktionen. Man ist stolz darauf, die Nachricht am Abend 20 Minuten vor Spiegel online gehabt zu haben. Innerhalb mehrerer Stunden am Abend und in der Nacht wurde die gedruckte BILD mehrfach aktualisiert und umgebaut – insgesamt sechs Sonderseiten. Dabei fällt auf, dass das Menschliche im Vordergrund steht und auch bei der Planung für die nächste Ausgabe höchste Priorität hat.

Zauberwort Trimedialität

Birgit Schmeitzner arbeitet seit Herbst 2016 als Korrespondentin für den Bayerischen Rundfunk im ARD-Hauptstadtstudio. Davor war sie in Brüssel und Moskau. Trimedialität ist das Zauberwort der öffentlich-rechtlichen Zukunft im Konkurrenzkampf der Medien. Die ursprünglich streng getrennten Redaktionen von Hörfunk, Fernsehen und online sollen in neuen Strukturen zusammenwachsen. Die Themen werden zentral koordiniert und dann wird entschieden, über welchen Ausspielweg was gesendet wird. Das bedeutet für Radiojournalisten zukünftig auch, mit Fotos und Filmen zu arbeiten. Umstellungen, die den Nutzern zugutekommen sollen. Auch hier gilt: Qualität und Prüfung der Inhalte gehen vor Schnelligkeit.

Einen ganz anderen Blick auf das Verhältnis von Politik und Medien bot Jürgen Hofrichter. Er leitet die Wahlforschung von Infratest dimap und erstellt für die ARD monatlich den Deutschlandtrend. Seine Daten zeigen eine ambivalente Grundstimmung in der Bevölkerung vor der Bundestagswahl im September. Einerseits gebe es mehrheitlich eine positive Bewertung der wirtschaftlichen Lage sowie Zufriedenheit mit dem Funktionieren unserer Demokratie. Andererseits beobachten die Meinungsforscher aber auch eine zunehmende Verunsicherung über die Verhältnisse in Deutschland. Hofrichter sieht sehr wohl den sogenannten Schulz-Effekt bei der SPD. Es gebe eine Mobilisierung und Aufbruchsstimmung in der SPD. Die Sozialdemokraten würden nun öffentlich wahrgenommen als politische Alternative zur Union mit realen Chancen, den nächsten Bundeskanzler zu stellen. Ob dieser Trend dauerhaft anhalte, sei aber noch nicht klar. Für Demoskopen werde das Geschäft schwieriger, weil Wahlentscheidungen immer kurzfristiger getroffen werden. Und die ARD habe entschieden, kurz vor den Wahlen keine Umfragen mehr zu veröffentlichen.

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Dr. Michael Schröder
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