Die Evolution des Bildungssystems

Denken am See: Wie Aus- und Weiterbildung an die veränderte Arbeitswelt angepasst werden können

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 20.08.2017

Von: Sara Borasio

# Gesellschaftlicher-Wandel / Arbeitsmarkt

2008 hat die Bundeskanzlerin die Bildungsrepublik Deutschland ausgerufen. Doch noch immer verlassen zu viele Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Der Übergang in eine Berufsausbildung bleibt für Jugendliche mit Hauptschulabschluss oder Migrationshintergrund schwierig. Gleichzeitig nimmt die Anzahl der Studienanfänger zu. Aber was braucht die Gesellschaft? Wer fragt die Jugendlichen nach ihren Wünschen und Erwartungen an die Zukunft? Kann unser Bildungssystem überhaupt bei so divergierenden Interessenlagen reformiert werden? Oder braucht es nicht eine Bildungsrevolution? Auch dieses Jahr bot die Tagung „Denken am See" viel Raum für Diskussionsphasen und Denkanstöße.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Das deutsche duale Ausbildungssystem genießt einen sehr guten Ruf. Die Tatsache, dass Deutschland trotz mittelmäßiger Akademikerquote wirtschaftlich sehr gut aufgestellt ist, könne man als Indiz für die Stärke der beruflichen Bildung in Deutschland sehen, so Friedrich Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn. Allerdings müsse man das duale Ausbildungssystem hinterfragen, denn es passe nicht mehr zu vielen der Berufen, die von ihm repräsentiert sind. Jüngere Generationen hätten Anforderungen an die Flexibilität der Ausbildung und Entscheidungsfreiheit, die im dualen System so nicht abrufbar sind. Eine neue Justierung könne man eventuell im deutschen, beziehungsweise europäischen Qualifikationsrahmen ansetzen.

Die Auswirkung der Digitalisierung

Jörg Lorz, Betriebsratsvorsitzender der Daimler AG in Kassel, meint, dass Berufsbilder dynamisch an die veränderten Anforderungen angepasst und weiterentwickelt werden müssen. Das Lernen durch digitale Medien und neue Lernformate gewinne auch in der Berufsausbildung eine immer höhere Bedeutung. Daimlers Datenbrillen etwa, in denen Handgriffe per Video erklärt werden, träfen als Lehrhilfsmittel auf hohe Resonanz. Die Digitalisierung sei ein offener Prozess, daher müsse auch die Anpassung von Bildungsinhalten und -angeboten als flexibler und gemeinsamer Prozess angelegt sein. Allerdings treten viele der Digitalisierung skeptisch gegenüber. Wie Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim DGB, feststellte: „Die Propheten streiten", was die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt betreffe. Arbeitsplätze könnten wegfallen, zugleich gäbe es vermutlich eine gesteigerte Produktivität.

Wir sollten nicht angstvoll auf Prognosen starren, sondern die Arbeitswelt gestalten. Wie Werner Widuckel (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) anmerkte, sei es nicht unbedingt eine Tragödie, wenn bestimmte Arbeitsbereiche wegfielen. Die Babyboomer-Generation werde nicht demografisch ersetzt, so dass es in einigen Bereichen zu einen Arbeitskräftemangel kommen wird, welcher durch Automatisierung ausgeglichen werden könne. Digitale Qualifikationsanforderungen blieben ein sehr wichtiges Thema, allerdings benötigten nicht alle eine Weiterbildung, um weiterhin ihre Arbeit auszuüben. Es gebe Einfacharbeiten, bei denen eine Automatisierung viel zu teuer wäre, und die demnach nicht verschwinden werden. Denkleistungen mit wenigen Variabeln hingegen würden vermutlich ersetzt werden. Dies würde aber nicht sofort zu einer Massenarbeitslosigkeit führen, da in einer digitalen Welt neue Stellen und Arbeitsformen entstehen. „Wie sich die Qualifikationsstrukturen entwickeln werden ist branchenabhängig zu sehen", meint Widuckel.

Evolution statt Revolution

Die Trennung von beruflicher und akademischer Bildung, die wachsende sozioökonomische Kluft und der feste Sockel der Ausbildungslosigkeit sind nur einige der Herausforderungen der Bildungswelt, welche Matthias Anbuhl erläuterte. Es gebe jedoch auch Möglichkeiten, dies zu verbessern, in dem man beispielsweise eine Ausbildungsgarantie für alle Jugendlichen einführt, ein Weiterbildungssystem etabliert und lebenslanges Lernen finanziell fördert. Für diese Schritte sei allerdings der Begriff „Revolution" vollkommen unpassend. Jörg Lorz stimmte zu. Es gehe darum, mit einer Bildungsoperation die existierenden Strukturen zu verbessern. Das Fazit der Tagung? Werner Widuckel brachte es auf den Punkt: „Es braucht eine Evolution und keine Revolution."

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Dr. Wolfgang Quaisser
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