Heldentod: Der Tunnel und die Lüge
Zeitzeugengespräch bei den Deutsch-deutschen Filmtagen Hof/Plauen
Hof/Plauen / Tagungsbericht / Online seit: 11.12.2017
Von: Michael Schröder
Foto: Jürgen Stader
# Zeitgeschichte
Im Rahmen der Deutsch-Deutschen Filmtage in Hof und Plauen wurde der Dokumentarfilm "Heldentod – der Tunnel und die Lüge" von Britta Wauer (2001) gezeigt. Im Anschluss daran fand ein Zeitzeugengespräch mit dem Fluchthelfer und Tunnelbauer Joachim Neumann statt.
Im Oktober 1964 gelangten 57 Ost-Berliner durch einen Tunnel nach West-Berlin. Es ist die größte Massenflucht in der Geschichte der Mauer, aber sie findet ein tragisches Ende. Es ist die Geschichte des Grenzsoldaten Egon Schultz und einer Lüge im Kalten Krieg.
DDR-Propaganda versus Wahrheit
Als DDR-Grenzsoldaten in der Nacht zum 4. Oktober 1964 die Flucht entdecken, fallen Schüsse. Dennoch erreichen die Flüchtlinge und ihre Helfer unverletzt West-Berlin. Tot ist aber ein Grenzsoldat: der 21 Jahre alte Unteroffizier Egon Schultz. „Westberliner Frontstadtbanditen" hätten ihn „meuchlings ermordet", hieß es in der DDR-Propaganda. Egon Schultz wurde zum Volkshelden. Über 100 Schulen, Straßen und Kinderheime trugen seinen Namen. Mehr als zehn Jahre nach der deutschen Einheit fanden sich in der Gauck-Behörde Dokumente, die belegen, dass alles ganz anders war: Der tödliche Schuss kam aus der Kalaschnikow eines DDR-Grenzsoldaten. Der vermeintliche Todesschütze hatte Schultz nur an der Schulter getroffen. Er starb 1992, ohne die Wahrheit zu erfahren. Der Obduktionsbericht blieb bis 1990 in der DDR unter Verschluss.
Im gezeigten Dokumentarfilm aus dem Jahr 2001 von Britta Wauer äußern sich die Fluchthelfer erstmals öffentlich. Im Film sind Originalaufnahmen der Flucht zu sehen, die von Kameramann Thomas Mauch gedreht wurden. Später wurde er berühmt mit „Fitzcarraldo" von Werner Herzog. Wauers Film erhielt unter anderem den Deutschen Fernsehpreis.
Zeitzeugengespräch
Nach der Vorführung unterhielt sich Michael Schröder mit dem Zeitzeugen, dem Fluchthelfer und Tunnelbauer Joachim Neumann (78). Er sprach über sein Studium in der DDR und seinen Entschluss zur Flucht nach dem Mauerbau 1961. Er floh mit einem Schweizer Pass. Zurück ließ er seine Freundin, seine Eltern und seine Schwester. In West-Berlin schloss er sich einer Gruppe von Fluchthelfern an, die Tunnel unter der Mauer hindurch gruben. Als Tiefbau-Student kannte er sich aus und konnte beim Bau helfen. An sechs Tunneln war er beteiligt, vier davon waren erfolgreich. Der „Tunnel 57" unter der Bernauer Straße war etwa 150 Meter lang. Neumann gelang es, sowohl Schwester und Freundin – seine spätere Ehefrau – in den Westen zu holen. Seine Eltern konnten 1967 als Rentner in die Bundesrepublik ausreisen.
Ironie der Geschichte: Nach seinem Studium war Neumann als Tiefbau-Ingenieur an großen Tunnelbauprojekten beteiligt, unter anderem beim Berliner Tiergartentunnel und dem Tunnel unter dem Ärmelkanal.
Die Akademie war zum ersten Mal Partner dieser Veranstaltung, eine Fortsetzung im Jahr 2018 ist geplant.
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