It's the digitalization, stupid!

Die fortschreitende Vernetzung krempelt unser Leben um

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 21.11.2017

Von: Sebastian Haas und Luisa Schmid

Foto: Pixabay CCO/bsdrouin

# Verfassungsfragen / Partizipation / Bildung-und-Digitalisierung / Medienwandel / Soziale-Marktwirtschaft / Arbeitsmarkt / Globalisierung

Die Digitalisierung verändert und beschleunigt die politische Entscheidungs- und Willensbildung, und sie wirkt zunächst egalisierend. Die schnelle Verfügbarkeit von Informationen kann Transparenz befördern und eröffnet Möglichkeiten der Partizipation. Ihre Schattenseiten: Filterblasen und Konformitätsdruck, unkalkulierbare Auswirkungen auf das Arbeitsleben sowie unsere sozialen und kognitiven Verhaltensweisen. Wir haben die revolutionäre Wirkung des Internets auf die Gesellschaft(en) untersucht.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Erleben wir wirklich eine (digitale) Revolution? Wenn man dem Journalisten Richard Gutjahr glauben darf, dann in jedem Fall. „Was auf uns zukommt ist größer als alles, was wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben" – weil sechs Schlüsselfaktoren zusammenwirken:

  1. Digitalisierung – Sie sorgt dafür, dass Kommunikationsunternehmen inzwischen die wertvollsten Unternehmen weltweit sind.
  2. Vernetzung – Die dezentralen Infrastrukturen des Internets lassen sich nicht alle kontrollieren oder gar abschalten. Diverse Plattformen, Netzwerke und das Internet der Dinge beenden das Zeitalter der Massenmedien.
  3. Bandbreite – Wir stehen an der Schwelle zur 5G-Übertragungstechnik, die zehnmal schneller sein wird als das, was wir heute kennen.
  4. Big Data – Siehe Punkt 1. Wie heißt es doch? Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts.
  5. Automatisierung – Schon jetzt führen Menschen nur die Hälfte der Online-Kommunikation, und wenn bald unsere Haushaltsgeräte und noch mehr (Social) Bots mitreden, sinkt diese Quote rapide ab.
  6. Künstliche Intelligenz – Maschinen lernen, lernen sich selbst an, verbinden sich mit den Menschen. Vor diesem Hintergrund wirkt das Fazit Gutjahrs, bezogen auf die Entwicklung der traditionellen Medienbetriebe, beinahe gruselig: „Nur wer sich an den Wandel anpasst, wird überleben."

Überleben von Menschheit oder Maschine – so weit ging Philip Häusser in seiner Argumentation nicht. Der Informatiker, Physiker und Wissenschaftsjournalist (TU München) erläuterte, wie neuronale Netzwerke lernen, zum Beispiel Bilder zu erkennen oder einfache Konversationen zu führen. Doch ein Spiel gut zu spielen, womöglich sogar unfallfrei ein Auto zu steuern ist das Eine. Zu Lernen, zu verstehen und Schlussfolgerungen zu ziehen ist das Andere.

Am Verstehen der Zusammenhänge dieser Welt hapert es der Künstlichen Intelligenz noch gewaltig. Philip Häusser, Computerwissenschaftler und Moderator.

Roboter sind emotionslos, wobei manche zumindest Stimmungen erkennen und passend reagieren können. Autonom agierende Systeme (zum Beispiel das autonome Fahren) sollen nicht perfekt sein. Kleinere Ausrutscher helfen dabei das Vertrauen in die Maschinen zu stärken, erläutert Ingrid Isenhardt (RWTH Aachen). Doch was, wenn ein großer Fehler, ein Unfall passiert? Louisa Specht (Universität Passau) betont, dass der Hersteller die Verantwortung trägt, nicht der Nutzer.

Die Digitalisierung bringt viele Erleichterungen mit sich, doch ausgeprägte Medienkompetenz sollte nicht nur im Klassenzimmer von Bedeutung sein. Speziell am Arbeitsplatz kann die ständige Erreichbarkeit schnell zur Belastung werden und keiner ist gerne – oft auch während der Freizeit – an der „digitalen Leine", einer ständigen Kontrolle und Zwängen unterworfen.

Hybride Demokratien

Darüber hinaus ist der digitale Wandel auch in der Politik und dem Rechtswesen sichtbar geworden. Soziale Netzwerke werden zunehmend zu Mobilisierungsstätten und Orten der tagtäglichen politischen Information und Diskussion. Isabelle Borucki (Universität Trier) beschreibt das Problem anhand des Beispiels Facebook: Dort stehen zwei Milliarden Usern nicht einmal 20.000 Mitarbeiter gegenüber. Knapp 50 Prozent der Benutzer haben schon einmal Hasskommentare gelesen und allein in Deutschland werden jährlich 500.000 Beschwerden eingereicht.

Auch bei der Online-Kommentarfunktion müssten Verbesserungen vorgenommen werden. Eva Weber-Guskar (Universität Bern) schlägt das System der „totalen Anonymität" vor: Jeder Kommentar bekommt eine Nummer und kann somit nicht mit einem Profil oder gar einer realen Person in Verbindung gebracht werden. So erhofft sie sich eine sachliche und ehrliche Diskussion, vor allem aber auch weniger verbale Angriffe und Beleidigungen. In beiden Fällen ist eine Moderation bzw. eine Kontrolle wichtig, sodass schädliche Inhalte rechtzeitig gelöscht werden. Die Möglichkeiten der Online- sowie Offline-Partizipation bilden eine hybride Demokratie mit Chancen und Gefahren. Einerseits wird die Macht der Bürger durch Partizipation und Interaktion erweitert. Andererseits sind unvorstellbar viele sensible Daten im Umlauf. Das Internet darf nicht zum rechtsfreien Raum werden, um Missbrauch vorzubeugen sind Regulierungen nötig.

Herrschaft der Internetgiganten

In diesem Zusammenhang spricht Paul F. Nemitz (Principal Adviser to Director General for Justice and Consumers, Brüssel) von der „stalker economy" und meint damit Amazon, Apple, Google und Co. Diese Internetunternehmen sammeln, analysieren und verkaufen unsere Daten, um davon zu profitieren. Er spricht vom Verfassungsauftrag, Privatsphäre und persönliche Informationen zu schützen und nennt hier die strenge EU-Datenschutzverordnung (mit Sanktionsmechanismus). Außerdem rät Paul Nemitz „das Undenkbare zu denken": In Big Data und der Digitalisierung steckt ein immenses Potenzial, sofern die Macht bestimmter Akteure eingegrenzt wird.


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Das Phänomen Bitcoin - ein Artikel aus der APuZ (November 2017)

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