Smart, effizient, zügellos?

Wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändert

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 08.04.2017

Von: Sebastian Haas und Franziska Vogel

# Verfassungsfragen / Medien / Digitalisierung

Wie wir kommunizieren, wie wir uns fortbewegen, wie wir konsumieren, lernen oder politisch tätig sind – der Einsatz digitaler Informations- und Kommunikationstechnologie verändert das Eingespielte. Das ist einerseits spannend und kann sich positiv auf die Gesellschaft auswirken, andererseits herrscht große Skepsis vor Fremdbestimmung und dem Verlust der Privatsphäre.


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Informatik haben wir die Digitalisierung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und die technische Expertise mit der politischen Diskussion verknüpft. Schwerpunkte unserer Tagung waren Künstliche Intelligenz, die Digitalisierung der Infrastrukturen sowie die Auswirkungen der Digitalisierung auf Lernen und Verstehen. Und natürlich stand der Zusammenhang zwischen Digitalisierung, Gesellschaft und Politik auf dem Programm.

Gesellschaft 4.0

Aus einem soziologischen Blickwinkel betrachtete das Thema Armin Nassehi, Soziologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und ging damit der Frage der Kulturbedeutung der Digitalisierung nach. Unabhängig von welcher Zeit – der Mensch hat sich schon immer bei der Einführung einer neuen Technologie mitverändert, bis hin zum Verschwimmen der Grenzen zwischen Maschine und Mensch. Mit Blick auf die Gesellschaft wirft die Digitalisierung in erster Linie neue sozial-, bildungs- und wirtschaftspolitische Fragen auf: Wie verhält sich der Mensch online, wie persönlich? Wie kann der Mensch trotz neuer Technologien einen Mehrwertbeitrag leisten? Wie sieht der Arbeitsplatz der Zukunft aus?

Digitalisierung, Gesellschaft und Politik

Mit der Frage der politischen Steuerung kommender Technologien beschäftigte sich derstellvertretende Direktor des Digital Society Instituts an der ESMT, Martin Schallbruch. Er sieht die Digitalisierung und die Politik im Spannungsfeld von

  1. Nichtdeterminismus von Handlungen vs. Nachvollziehbarkeit als Legitimation politischen Handelns.
  2. Unklaren Verantwortungszuweisungen vs. genauen, rechtlichen Sphären
  3. Komplexität vs. Möglichkeit zur Teilhabe an der Politik als Grundlage der Demokratie.

Schallbruch plädiert daher für eine „digitale Vorneverteidigung", also die Weiterentwicklung der Digitalisierung auf der einen Seite und dieVerteidigung sozialer und demokratischer Aspekte auf der anderen Seite. Dabeisoll die Beurteilungs- und Handlungsfähigkeit durch IT-Sicherheit, Forschung, Digitalkompetenz oder Datenschutzgesteigert werden. Außerdem nannte Schallbruch den Begriff der „digitalen Daseinsvorsorge", was (statt der Privatisierung) die demokratische Kontrolle bestimmter Entwicklungen, wie z.B. in der Energiewende oder im autonomen Fahren, bewahren soll.

Ist die Politik zu naiv?

Die Teilnehmer unserer Podiumsdiskussion zur Rolle der Politik bei der Gestaltung der Digitalisierung waren sich einig: Auch die Volksvertreter gehen meist zu naiv mit dem technischen Fortschritt um, betrachten diesen vor allem aus dem Blickwinkel der Wirtschaftsentwicklung. Fragen der Bildung, des Datenschutzes, des Gemeinwohls und des Zusammenlebens mit der Technik würden nachrangig behandelt. Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, bezog sich auf das Positionspapier der G-20-Digitalminister vom 7. April 2017, das, als „roadmap“ betitelt, nicht viel anderes sei als eine Aneinanderreihung wirtschaftsfreundlicher Absichtserklärungen. „Probleme des Datenschutzes lösen sich anscheinend von selbst, Robotik kommt nicht vor, und über IT-Sicherheit verliert man kaum ein Wort – und das erst kurz nach den Hacks im Bundestag und der Telekom-Router.“

Auch der ehemalige Bundes-Datenschutzbeauftragte Peter Schaar vermisst eine Diskussion darüber, dass „die Prinzipien demokratischen Handelns von der Digitalisierung immer mehr ausgehöhlt werden. Soll die erst beginnen, wenn die Partei die Bundestagswahl gewinnt, die im Vorfeld die beste Datenanalyse der Wählerschaft gemacht hat?“ Ebenso wie Jens-Martin Loebel von der Universität Bayreuth (Sprecher des Fachbereichs „Gesellschaft und Informatik“ der Gesellschaft für Informatik) fordert er die Bürger auf: „Stellen Sie mehr Fragen in Bezug auf die Technik!“ Selbst aktiv werden scheint das Gebot der Stunde, zumal weder Kurz, noch Schaar, noch Loebel das deutsche Bildungssystem hinreichend auf den technischen Wandel vorbereitet sehen.

Stellt sich zuletzt die Frage: Welche digitalen Kompetenzen benötigen Politiker? Warum wirken sie – trotz aller Beratung durch diverse Initiativen aus Wissenschaft und Wirtschaft – oft so hilflos in Bezug auf Digitalisierung, Google, Facebook und Co.? Constanze Kurz erkennt zumindest einen Fortschritt: Man ist sich im Bundestag wie in den Landtagen der großen Bedeutung digitaler Technologien bewusst. Darüber hinaus träten die Netzpolitiker der Parteien kaum in Erscheinung.

Die Digitalisierung der Infrastrukturen

Ein stetig wachsender Teil der Wertschöpfung in Industriestaaten ist von der Digitalisierung nicht mehr zu trennen. Über die Folgen für einzelne Personen, Konzerne und Gesellschaft(en) diskutierten Stefan Ullrich, Sprecher der Fachgruppe „Informatik und Ethik" der Gesellschaft für Informatik, und Christian Fangmann vom IT-Dienstleister DXC Technology. Für Fangmann („Always http://Online. Tech Addict. Creative. Innovative" steht in seinem Twitter-Profil) ist die Sache eindeutig: „Der Einsatz digitaler Medien macht Arbeit attraktiver." Die in der öffentlichen Diskussion allgegenwärtigen Algorithmen machen ihm keine Angst, warum auch? „Diese sind zum Teil 300 Jahre alt, in Verbindung mit neuester Technik aber können Sie helfen, qualitativ hochwertige Entscheidungen zu treffen" – beispielsweise bei der Automatisierung von Arbeitsschritten. Dass die Digitalisierung noch nicht in allen Unternehmen gänzlich angekommen ist, sieht Fangmann übrigens nicht in technischen Problemen begründet, sondern in verfehltem Management.

Stefan Ullrich (er)klärt erstmal den Begriff: Ein Algorithmus ist nichts anderes als ein Lösungsvorschlag für ein bestehendes Problem. Also auch ganz analog. „Wie Socken sortieren." Besonders wichtig ist für ihn, dass die Nutzer die technischen Systeme, die sie nutzen, nicht nur vorgesetzt bekommen, sondern diese auch verstehen – wenn nicht sogar selbst an ihnen mitarbeiten. Der Mensch als Teil der Lösung also, vor allem weil es immer wichtiger wird, wie Unternehmen Produkte erzeugen (und nicht unbedingt, was sie erzeugen). Ganz vor dem Aussterben scheint die Tradition von Meistern und Schülern also nicht zu stehen.

Von 3D-Fernsehen, selbstfahrenden Autos und neuronalen Netzen

Den aktuellen Stand der Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz stellte Daniel Cremers vor, Ordinarius für Bildverarbeitung und Mustererkennung an der TU München, besonders in dessen Schwerpunktbereich, der 3D-Rekonstruktion. So können 3D-Fotos mit Tiefenkameras oder 3D-Videos durch mehrere Aufnahmen derselben Handlung entwickelt werden. Die Rekonstruktion erfolgt dann durch Algorithmen. Diese Technologien ermöglichen beispielsweise eine Kameraverfolgung in Echtzeit, die zur Orientierung durch 3D-Karten-Konstruktion in Autos dienen kann. Auch neuronale Netze können Autos steuern und Gefahren vorhersagen, berichtete Cremers Mitarbeiter Philip Häusser. Wie auch bei Neuronen können Pixel am Input eines „digitalen Neurons" andocken, sodass daraufhin verschiedene Aktivierungen festgestellt werden können, wie es bei der Bildklassifizierung der Fall ist. Auch für die Sprach- und Videoerkennung sowie die Identifizierung von Giften kann die Methode genutzt werden – vorausgesetzt, die Datenmengen für das Training sind groß genug.

Macht Digitalisierung schlauer? Oder dümmer?

Frank Fischer, Lehrstuhlinhaber für empirische Pädagogik und pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erläuterte, wie digitale Medien das Lernen und Verstehen beeinflussen – oder beziehungsweise, wie nicht: „Die menschliche Informationsverarbeitung ist nicht durch Maschinen beeinflussbar. Warum sollte eine Information auf einer Glasscheibe einen anderen Einfluss auf mich haben als die in einem Buch oder auf einer Tafel?", so Fischers zugespitzte These. Impulse zu besserem Verstehen aber kann die Technik anbieten. Werden beispielsweise Tablets in Schulen für zielgerichtetes Arbeiten, Übungsaufgaben oder Feedback-Runden genutzt, steigert sich die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler – sofern die Lehrer die Technik selbst beherrschen und kritisch hinterfragen können.

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Dr. Gero Kellermann
Tel: 08158 / 256-33
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