Arbeit und (Un)Gleichheit

Wie können alle vom Wirtschaftsaufschwung profitieren? Diskussionen über Mindestlohn, Migration und Mentoren

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 12.06.2017

Von: Wolfgang Quaisser

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# Integration

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Die ungleiche Verteilung der Einkommen, Löhne und Vermögen nimmt – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – zu, und damit wird der Ruf nach stärkerer Regulierung und Umverteilung lauter. Doch auch staatliche Maßnahmen können gesellschaftlich problematische Folgen haben, wie die Zunahme von unsicherer Beschäftigung und Leiharbeit im Zuge der Agenda 2010. Können gezielte Eingriffe helfen, zum Beispiel den Arbeitsmarkt an die aktuellen Migrationsbewegungen anzupassen? Wie können gering Qualifizierte zu „besseren" Beschäftigungen kommen und ebenfalls vom Wirtschaftsaufschwung profitieren?


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Diese Fragen standen im Zentrum der Tagung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB) und dem Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS). Ulrich Walwei, der Vizedirektor des IAB, erläuterte, wie schnell und wie gut die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Wenn hier Erfolge ausblieben, könnte sich der harte Kern der Arbeitslosigkeit in Deutschland vergrößern und dauerhafte soziale Konflikte entstehen. Wenn andererseits die Arbeitsmarktintegration gelänge, wäre es zumindest teilweise möglich, den Mangel an Fachkräften zu mildern. Wunder seien aber nicht zu erwarten, da eine große Zahl von Flüchtlingen ungünstige Voraussetzungen hinsichtlich einer Arbeitsaufnahme (u.a. keine Sprachkenntnisse, einen schlechten bzw. nicht-kompatiblen Bildungs- und Ausbildungsstand) aufwiesen.

Rechtssicherheit, Sprache und Qualifizierung entscheidend

Helfen würde es, so Walwei, wenn man die Rechts- und Planungssicherheit für geflüchtete Menschen verbesserte, wenn die Teilnahme an Integrationskursen durch „Fördern und Fordern" unabhängig vom Aufenthaltsstatus verbindlich wäre, der Spracherwerb kontinuierlich gefördert, eine Einstiegsqualifizierung als Vorbereitung für eine Vollausbildung und als Brücke in die Arbeit ermöglicht würde. Optimal wären auch eine berufsbegleitende Weiterbildung und sog. „Kümmerer" (Coaches, Lotsen und Mentoren) zur Unterstützung der Neuankömmlinge. Dabei gebe es jedoch kein Patentrezept, denn die Gruppe der Geflüchteten sei zu heterogen, weshalb passgenaue betriebsnahe Ansätze mit flexiblen aufstiegsorientierten Ausbildungskombinationen entwickelt werden müssten.

Wachsender Niedriglohnsektor in Deutschland

IAB-Direktor Joachim Möller fragte, ob die positive Arbeitsmarktentwicklung der letzten Jahre mit einer steigenden Lohndifferenzierung und einem im europäischen Vergleich stark ausgeprägten Niedriglohnsektor erkauft worden sei. Der Forscher verwies jedoch auf Untersuchungen, die belegten, dass der Anstieg der Ungleichheit nicht mit der Trendwende am Arbeitsmarkt zusammengefallen, sondern schon seit Mitte der 1990er Jahre zu beobachten sei. Die zunehmende Differenzierung der Löhne sei vielmehr durch stärkere Unterschiede zwischen und innerhalb der Firmen zu erklären, die auch durch die Globalisierung und neue Technologien verstärkt werde. Zudem zeigten Ländervergleiche, dass Volkswirtschaften mit ganz unterschiedlichen Ausprägungen von Ungleichheiten (gut) funktionieren. Indirekt schloss Möller daraus, Deutschland könne durchaus mehr Gleichheit ohne Beschäftigungsverluste realisieren.

These: Mindestlohn wirkt positiv

Letztlich war diese Überlegung auch der Ausgangpunkt für die im Januar 2015 erfolgte Einführung des Mindestlohnes, der inzwischen bei 8,84 Euro liegt. Operation geglückt, meint Joachim Möller: Die Löhne im Niedriglohnbereich seien gestiegen, ohne dass es große Arbeitsplatzverluste gegeben habe. Allenfalls in Teilen Ostdeutschlands seien geringe negative Wirkungen zu vermuten, die jedoch durch die insgesamt günstige Beschäftigungslage in Deutschland kompensiert würden. Überschreite man jedoch eine „rote Linie" bei der Höhe des Mindestlohnes, könnten Arbeitsplätze verloren gehen.

Gegenthese: Mindestlohn erhöht kaum das Einkommen der „Working Poor"

Kritischer beurteilte Marcel Thum, der Leiter der ifo-Niederlassung Dresden, den Mindestlohn. Die Aufstocker, d.h. diejenigen, die ergänzend zum Lohn finanzielle Leistungen vom Jobcenter erhalten, seien am meisten vom Mindestlohn betroffen, erzielten aber durch ihn kaum eine Erhöhung ihrer Nettoeinkommen. Die Arbeitgeber würden dagegen stark belastet, doch eigentlich werde das sozialpolitische Ziel verfehlt, denn die bestehende Grundsicherung verhindere bereits „Armut in Arbeit". Eine auf Existenzsicherung abzielende Mindestlohnpolitik würde dagegen, so Thum, die günstige Beschäftigungsentwicklung gefährden. Der Mindestlohn verhindere zudem eine schnelle Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt, denn sie seien meist weniger qualifiziert und wären vielfach nur zu niedrigen Löhnen einzustellen.

Dimensionen der Ungleichheit

Für die Key-Note-Speech der Tagung konnte Anton Losinger, der Weihbischof von Augsburg, zum Thema „Dimensionen der Ungleichheit" gewonnen werden. Der führende Sozialethiker der Katholischen Kirche stellte er heraus, dass Gerechtigkeit wieder zu einem Kernthema der gesellschaftspolitischen Kontroverse geworden sei. Der Sozialstaat leiste zwar Beachtliches, um Ungleichheiten zu korrigieren, doch angesichts des demographischen Wandels müsse deutlich mehr in Bildung investiert werden. Zudem müssten die Arbeitnehmer verstärkt am Produktivkapital beteiligt werden.


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