Afrika: Kontinent im Umbruch

Welche Folgen hat das enorme Bevölkerungswachstum für Wirtschaft und Politik?

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 18.11.2017

Von: Luisa Schmid

# Ökologie und Nachhaltigkeit / Entwicklungspolitik / Globalisierung / Migration

Das alte Bild von Afrika: Armut trotz Ressourcen, Despoten, Konflikte und Flucht - es ist nur ein Teil der Realität. Der junge, selbstbewusste, vielfältige Kontinent besteht aus aufstrebenden Wirtschaftsnationen und Gesellschaften und verändert sich rasant. In Kooperation mit dem Landesverband Bayern des Katholischen Deutschen Frauenbundes e.V. (KDFB) und den Evangelischen Frauen in Bayern (EFB) haben wir Chancen und Risiken dieser Umbrüche analysiert: Hat sich Afrika so sehr verändert, oder nur unsere Sichtweise auf den Kontinent?


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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Das enorme Bevölkerungswachstum wird zu einer riesigen Herausforderung. Es leben circa 1,1 Milliarden Menschen in 54 afrikanischen Staaten, doch bis 2050 soll sich diese Zahl verdoppeln und wohl (noch) mehr Menschen werden in Armut leben. Jann Lay (GIGA Institut für Afrika-Studien) warnt: „Wachstum frisst Wachstum." Der Schlüssel für mehr Wohlstand liegt in der Beschäftigung. Es müssen ungefähr zwanzig Millionen neuer, stabiler und besser bezahlter Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch Johannes Poppele von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstreicht diese Notwendigkeit: Vielen Arbeitnehmern fehle die Absicherung.

Der Wert der Familie

Im Falle einer persönlichen Krise spielen familiäre Strukturen deshalb eine maßgebliche Rolle – nicht zu vergleichen mit der europäischen Kernfamilie. Die Familie ersetzt die Sozialversicherung und federt negative Ereignisse ab. So führt beispielsweise die GIZ ein Programm in Ostafrika durch, das die Aus- und Fortbildung von Arbeitskräften zum Ziel hat. Bildung und speziell die Förderung von Mädchen und Frauen müssen mehr in den Fokus rücken, meint daher auch die kenianische Pfarrerin Margaret Obaga. Sie beschreibt Bildung als das beste Entwicklungsinstrument für eine Nation.

Tabea Häberlein (Universität Bayreuth) erklärt, dass Heiraten in vielen afrikanischen Regionen eher als Prozess zu verstehen ist. Die Arrangements werden meist im Baby- bzw. Kindesalter von benachbarten Stämmen getroffen. Beide Verlobte wachsen somit eher wie Geschwister auf und könnten sich als Erwachsene auch gegen eine Eheschließung entscheiden. Mit der Geburt des ersten Kindes gilt eine Heirat dann als vollzogen. Im Ernstfall können Ehen auch geschieden werden. (Viele) Kinder sind Teil der Identität Afrikas. Was nicht heißt, dass alle Kinder auch bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen und erzogen werden. „Fremdüberlassung" ist eine häufig praktizierte Form im ruralen Subsahara-Afrika.

Hunger und Migration

Margitta Minah (Seminar für Ländliche Entwicklung) erläuterte, dass wegen unproduktiver Nutzung der Flächen und die arbeitsintensive Subsistenzwirtschaft selbst viele Landwirte Afrikas Hunger leiden - und insgesamt etwa zwanzig Prozent der gesamten afrikanischen Bevölkerung. So verwundert es auch nicht, dass Judith Altrogge (Arnold-Bergstraesser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung) keinen Umbruch im Migrationsverhalten feststellen kann: Die Zahl der Vertriebenen innerhalb des Kontinents ist schon immens hoch, die überwiegende Mehrheit der Migranten verlässt den Kontinent freiwillig. Die Entscheidung, die Heimat zu verlassen, treffen Betroffene normalerweise nicht alleine. Wieder spielt die Familie die zentrale Rolle: Sie wägt die Risiken gemeinsam ab, legt Geld zusammen, nicht selten verschuldet sie sich dadurch.

Afrikanische Lösungen

Durch die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, eine bessere Kooperation sowie Koordinierung in Politik und Ökonomie können „afrikanische Lösungen" umgesetzt werden: Armutsbekämpfung, Bildung und das Schaffen wirtschaftlicher Perspektiven. Jann Lay kritisiert in diesem Zusammenhang vor allem die „unehrliche Fluchtursachenbekämpfung" vonseiten der Industrienationen. Auch die Entwicklungszusammenarbeit greife noch zu kurz. Der Vizepräsident der Deutschen Afrika Stiftung und ehemalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages Johannes Singhammer betont: Keiner kann (und soll) alleine Afrika retten. Doch sieht er Deutschland in der Pflicht, den afrikanischen Bürgern zwar zu helfen, aber dabei auf Augenhöhe zu begegnen. Das Schicksal Europas hänge stark von dem des Nachbarkontinents ab. Ganz nach dem Motto: „Geht es Afrika schlecht, so kann es auch Europa nicht gut gehen."

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