Mündig in der smarten Welt

Ilse Aigner, Constanze Kurz und Georg Eisenreich zur Selbstbestimmung im Informationszeitalter / 6.8. auf ARD-alpha

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 05.08.2016

Von: Sebastian Haas und Christine Petrus

# Verfassungsfragen, Digitalisierung

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Die Bedeutungsmacht der Informationstechnologien reicht bis zur Weltpolitik. Technische, juristische oder moralphilosophische Kenntnisse allein reichen für einen angemessenen Umgang mit ihnen nicht mehr aus. Technische Expertise muss mit der politisch-gesellschaftlichen Dimension verknüpft werden. Akademie für Politische Bildung und Gesellschaft für Informatik haben daher eingeladen, über die Selbstbestimmung im Informationszeitalter zu diskutierten.


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Flickr APB Tutzing

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Professor Peter Liggesmeyer, Präsident der Gesellschaft für Informatik, sowie deren Münchner Regionalgruppensprecher Wolfgang Glock erinnerten zum Tagungsbeginn an die eigene gesellschaftliche Verantwortung. Liggesmeyer bezeichnete die Informations- als branchenübergreifende Querschnittstechnologie und betonte: „Informationssysteme, Mobile Systeme, Embedded Systems oder Smart Ecosystems, alle sind auf Daten angewiesen.“ Hannes Schwaderer, Präsident der Initiative D21 und Intel-Geschäftsführer, stellte sich der Frage: benötigt die Gesellschaft Informatikkompetenz? Schließlich hat die Informationstechnologie mittlerweile in fast jedem Geschäftsbereich Einzug gehalten, ist ein weiter wachsender Wirtschaftsfaktor und treibe die Entwicklung neuer Berufsbilder voran (siehe: der data scientist).

Prof. Dr. Klaus Mainzer, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TU München, sprach über die Entwicklung von Informations- und Kommunikationsnetzen zu intelligenten Infrastrukturen, sowie von Fahrerassistenzsystemen bis zur intelligenten Mobilitätsinfrastruktur. Dabei beschwichtigte er: „Industrie 4.0 bedeutet keine menschenleere Fabrik.“ Nichtsdestotrotz müsse man sich fragen, wie Big Data in intelligenten Infrastrukturen zu meistern sei – denn „Amazon weiß heute bereits, was wir morgen einkaufen werden“.

Kritik an Digitalisierung muss erlaubt sein

Beim Akademie-Sommergespräch (hier in der Mediathek der Denkzeit auf ARD-alpha) „Politik – Gesellschaft – Digitaler Wandel“ diskutierte Ilse Aigner, die Bayerische Staatsministerin für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, mit Constanze Kurz, der Sprecherin des Chaos Computer Clubs; eine Diskussion geprägt von einer Vertrauenskrise in die Gestaltungsmacht der Politik gegenüber der scheinbar übermächtigen Informationstechnologie, die das gesellschaftliche Leben digitalisiert und in weiten Teilen auch kommerzialisiert. Constanze Kurz hofft darauf, dass die politisch Handelnden auch weiterhin die Sorgen derer ernst nehmen, die sich kritisch und wertegebunden gegenüber der Digitalisierung positionieren. Ilse Aigner betont natürlicherweise die Bedürfnisse der Wirtschaft und hofft, dass die (bayerischen) Unternehmen in einer weltweit vernetzten Welt ihrer eigenen Geschäftsmodelle Herr bleiben – dafür sorgten als erster Schritt unter anderem europäische Gesetzesinitiativen zur Datensicherheit wie die Datenschutzgrundverordnung.

Zwischen den Damen auf dem Podium entwickelte sich eine Diskussion über Finanzierbarkeit, rechtliche Fallstricke und Kontrollabgabe beim autonomen Fahren, bei dem der Autofahrer mehr und mehr zum passiven Nutzer wird, der immenses Vertrauen in seine Dienstleister haben muss. Eng mit diesem Thema verbunden ist das der persönlichen Kommunikation, zu dem Constanze Kurz eine klare Meinung hat: „Es ist kein Naturgesetz, diese immer mehr in werbefinanzierte Dienste zu verlagern und profiliert zu werden.“ Es gibt immer Alternativen, die dem Einzelnen helfen, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung auch in einer digitalisierten Umgebung zu wahren. Diese Alternativen aufrecht zu erhalten, ist eine der wichtigsten Aufgaben für Politiker wie Ilse Aigner. Ob das nun auf nationaler, europäischer oder gar globaler Ebene gelingen kann, oder in Zusammenarbeit oder gegen die großen (Daten- und Digital-)Konzerne – die nicht nur im Silicon Valley, sondern auch in München, Berlin oder Zürich mit immensen Geldbeträgen einige der besten Programmierer, Juristen, Kommunikatoren, Start-Ups oder längst etablierte Unternehmen an sich binden – wird in den kommenden Jahren eine der großen Fragen der Wirtschafts- und Verfassungspolitik bleiben.

Informatik verstehen! Nur wo, wann und wie?

Nachdem die Tagungsteilnehmer in Workshops über Digitale Souveränität und Cyber Security bzw. über das Leben in vernetzten Städten diskutiert hatten, wurde den Teilnehmern des Abschlusspodiums die Frage gestellt: Welche Bildungsangebote benötigt es für einen verantwortungsvollen Umgang mit Informatik? Oder zugespitzt: Ist die Gesellschaft auf die Digitalisierung vorbereitet?

Nicht wirklich, auch wenn die ersten Schritte gemacht sind – so kann das gemeinsame Fazit lauten des Bayerischen Bildungs-Staatssekretärs Georg Eisenreich, der Geschäftsführerin der Initiative D21 Lena-Sophie Müller, des IT-Trainers Tobias Schrödel sowie des Fachbereichs-Sprechers „Informatik und Gesellschaft“ der Gesellschaft für Informatik Jens Martin Loebel. Nach Einschätzung Eisenreichs sei die Digitalisierung „nicht zu verhindern, sie wird die Welt verändern, also bedarf es des mündigen Bürgers“. Daher sei auch die Einführung eines Medienführerscheins an bayerischen Schulen wichtig, um Medienkompetenz zu erlernen. Jens Martin Loebel bemerkte kritisch: der Umgang mit einem Tablet führe nicht automatisch zu Informatikkenntnissen, genauso wie der Taschenrechner allein nicht Mathematik unterrichte.

Das Akademiegespräch am See  „Politik – Gesellschaft – Digitaler Wandel“ mit Ilse Aigner, Constanze Kurz und Ursula Münch können Sie in der Denkzeit auf ARD-alpha ansehen (Mediathek).


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