Science Fiction: vor allem die Welt von heute

Fortbildung zu Science Fiction und Fantasy, Politik und Utopien / Interview mit Perry-Rhodan-Machern

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 26.09.2016

Von: Dominik Kühl

Foto: Quimperlémediatheque via VisualHunt / CC BY

# Politische-Philosophie / Print-und-Online

Ist George Orwells „1984“ Science Fiction? Und wie lässt sich der Erfolg der Perry-Rhodan-Reihe erklären, die seit mehr als einem halben Jahrhundert Leser auf der ganzen Welt begeistert? All das war Thema einer Fortbildung, die etwas untypisch für unsere Akademie war – und gerade deshalb ein ausführliches Interview wert ist.


Perry Rhodan Akademie Tutzing

Was ist das Besondere an Science Fiction - und an Perry Rhodan? Dazu haben wir Uwe Anton, Autor der Perry-Rhodan-Reihe (rechts) und deren Chefredakteur Klaus Frick interviewt (Foto: Kühl).

Autor Friedhelm Schneidewind gab eine Einführung in die literarische Fantastik, sprach über Ursprünge, Traditionen, Zweck und Funktion von Science Fiction und Fantasy und zeigte, dass die Einordnung in Genres eine strittige Angelegenheit ist. Science Fiction müsse zum Zeitpunkt des Entstehens wissenschaftlich plausibel sein, wohingegen Fantasy übernatürlich sein muss. Über Utopien und Dystopien, das Leben als Science-Fiction-Autor im Allgemeinen und die eines Perry-Rhodan-Autors im Besonderen sprach Uwe Anton, Autor der Perry-Rhodan-Reihe, und deren Chefredakteur Klaus Frick vom Pabel-Moewig Verlag in Rastatt.

Herr Anton, Herr Frick, welchen Beitrag kann Science Fiction für die Gesellschaft leisten? Kann sie auf die Zukunft oder Erfindungen vorbereiten?

Frick: Politische Themen sind zwangsläufig in der Literatur enthalten, und so werden in unseren Büchern aktuelle Themen wie Fremdenhass oder Datenschutz behandelt. Für eine Futurologie halte ich Science Fiction aber nicht. Im Nachhinein sagt man zwar gern, dass zum Beispiel der Kommunikator aus Star Trek das Handy von heute vorweggenommen hat – aber eigentlich ist das Quatsch. Stattdessen ist unsere heutige Technologie weit über die damalige Science-Fiction-Vorstellung hinaus entwickelt, diese hat niemals Smartphones oder Ähnliches vorausgesagt. Nein, Science Fiction erzählt vor allem von der Gegenwart.

Anton: Da schließe ich mich dem Kollegen Frick an: Science Fiction hat nicht die Aufgabe, die Gesellschaft auf die Zukunft vorzubereiten. Sie fördert die kritische Beschäftigung mit der Gegenwart – mit dem Zusatz, dass man technische Neuerungen oder neue Welten als Spielwiese nutzen kann.

Frick: Richtig. Man kann anhand der Perry-Rhodan-Serie die Geschichte Westdeutschlands nacherzählen. Gesellschaftliche Einflüsse haben immer wieder eine Rolle gespielt. In den 1960er-Jahren ist in den Romanen von Unruhestiftern mit langen Haaren die Rede – die damaligen Autoren, damals um die 50 Jahre alt, haben sich offensichtlich über die Studentenbewegung aufgeregt. Heute sieht man, wie unmodern die Science Fiction eigentlich war, weil die Studentenbewegungen eigentlich das Moderne war.

Haben Sie alle Perry Rhodan Bücher seit 1961 – das sind mehr als 160.000 Seiten – gelesen?

Anton: Ja, so ziemlich alle.

Frick: Ja klar, vielleicht habe ich 15 Stück in meiner Jugend ausgelassen, aber da höre ich mir jetzt das Hörbuch an.

Gibt es gravierende Unterschiede zwischen den damaligen und heutigen Heften?

Frick: Natürlich. Die Autoren früher hatten eine irrsinnige Freiheit und konnten das Universum praktisch erfinden. Die heutigen Autoren der Reihe müssen sich stets danach richten, was ihre Vorgänger bereits geschrieben haben, um Widersprüche zu vermeiden. Dies zu meistern gelingt nicht immer – und den Lesern entgeht nichts!

Warum ist gerade die Perry-Rhodan- Reihe so erfolgreich?

Frick: Wenn man sich einmal auf Perry Rhodan eingelassen hat, liest man jede Woche und man will wissen, wie es weitergeht. Ein Heft ist etwa 60 Druckseiten dick – das ist eine gute Länge für eine Woche.

Welches Publikum sprechen Sie an?

Frick: Größtenteils sind unsere Stammleser Männer im Alter von 45 bis 55 Jahren, meist technisch interessiert, mit höherem Bildungsstand. Wir haben ein kleines Nachwuchsproblem, denn die Jugend interessiert sich kaum noch für Heftromane. Das Internet ist beliebter.

Herr Frick, was ist ihr Aufgabenfeld als Chefredakteur? Schreiben Sie auch selbst?

Frick: Ich sehe mich häufig in einem Spannungsfeld: Einerseits muss ich die inhaltlichen Fäden der Reihe zusammenhalten, andererseits habe ich Aufgaben eines ganz gewöhnlichen Abteilungsleiters einer kleinen Firma wie Personalführung, Marketing, Vertrieb und so weiter. Natürlich bestimme ich inhaltlich mit und es erscheint kein Exemplar, das nicht zuvor über meinen Tisch gegangen ist.

Die Perry-Rhodan-Reihe setzt sich aus aufeinander aufbauenden Geschichten zusammen. Wie lässt sich das bei mehreren Autoren und einer so großen Anzahl an Büchern organisieren?

Anton: Bei einer Autorenkonferenz werden die Ideen zusammengeworfen und ein Exposé-Autor entwirft die Basishandlung. Die große Story wird auf etwa 50 Einzelromane aufgeteilt – und die Autoren der einzelnen Folgen sind frei in den Details.

Und wie wird man Science-Fiction Autor?

Anton: Ich habe Germanistik und Anglistik studiert und wollte eigentlich Lehrer werden. Nach meiner Schulzeit habe ich jedoch viele selbstverfasste Geschichten verkaufen können und bin dabei geblieben.

Herr Frick, Herr Anton, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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Medien und Politik: Science Fiction und Fantasy in der Literatur


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