500 Jahre Utopia - Was war, was bleibt?

Akademie-Kurzanalyse 1/2016

Tutzing / Publikation / Online seit: 30.11.2016

Von: Thomas Schölderle

Im Jahr 1535 wurde er enthauptet, später als Märtyrer verehrt. Aber weltberühmt wurde der junge Humanist Thomas Morus mit einer kleinen Schrift, die im Dezember 1516 auf den noch überschaubaren Buchmarkt kam: „Utopia“ – die Schilderung einer bisher unbekannten Insel. Vordergründig ein scheinbar mustergültiges, glückliches Staatswesen, auf den zweiten Blick ein höchst interpretationsbedürftiges Werk, zeitkritisch, hintersinnig und ironisch, voller Scherze und Satiren. Generationen von Kommentatoren haben sich über den Text gebeugt. Viele Geheimnisse hat die Schrift bis heute dennoch bewahrt.


Morus, der später noch englischer Lordkanzler werden sollte, prägte mit seinem Werk nicht nur einen neuen Schlüsselbegriff politischen Denkens, sondern schuf auch das Musterbild einer ganzen Literaturgattung, die den Buchtitel sinnigerweise sogleich als Name für sich nutzte. Irgendwann machte sich das Wort dann selbstständig. Im 19. Jahrhundert diente es als Kampfbegriff, als böser Vorwurf an die Adresse des ideologischen Feindes – und zwar in allen politischen Lagern. Später beherbergte die Bezeichnung so unterschiedliche Phänomene wie totalitäre Gewaltdiktaturen und Orwells 1984, religiöse Heilserwartungen und Science Fiction, Raum-und Zeitprojektionen, Idealstaaten, elysische Felder und neurowissenschaftliche Visionen. Der Traum von einer besseren Welt ist so alt wie Menschheit. Auch Utopien sind Teil dieser Sehnsucht. Wie die besseren Welten aussehen, darüber wird der Streit nach 500 Jahren kaum enden. Aber seit 500 Jahren besitzt das Nirgendwo zumindest einen Platz auf der Landkarte.

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