Spagat zwischen Helfen und Berichten

Susanne Glass und weitere Journalisten diskutieren über Flucht, Flüchtlinge und die Rolle der Medien

Bayreuth / Tagungsbericht / Online seit: 09.05.2016

Von: Michael Schröder

# Ethik-und-Journalismus / Migration

Heinrichs Denk Glass Tutzing Medien Flucht

Flüchtlinge und Asyl waren seit dem Sommer 2015 das beherrschende Medienthema. Journalisten mussten sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht einseitig positiv berichtet hatten. Bei unserer Tagung in Bayreuth nahmen dazu Stellung: (v.l.) die freien Journalisten Julius Heinrichs und Hubert Denk, Tagungsleiter Dr. Michael Schröder sowie Susanne Glass, heute Leiterin des ARD-Studios Israel (Foto: Meyer).

Journalistinnen und Journalisten sind seit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht mit der Frage konfrontiert, ob sie zu einseitig positiv über das Thema Flucht und Asyl berichtet haben. Gibt es einen „Mainstream-Journalismus“, bei dem kritische Fragen oder negative Aspekte keinen Platz haben? Unter welchen Bedingungen arbeiten die Journalisten an den Grenzen? Welche Folgen hat der massive Einsatz von Social Media durch Migranten, Helferkreise oder extremistische Meinungsmacher?

Als Bundeskanzlerin Merkel die Grenzen für die am Budapester Ostbahnhof gestrandeten Flüchtlinge öffnete, war Susanne Glass Studioleiterin der ARD in Wien und damit zuständig für die Berichte aus 12 Ländern in Südosteuropa. Über ein halbes Jahr später sagt sie: „Das Thema hat uns damals überrollt. Ständig haben wir uns überlegt: Wie gehen wir mit diesem schwierigen Thema um? Welche Bilder senden wir? Und was zeigen wir nicht?“

Ihr journalistische Grundhaltung beschreibt sie so: „Ich möchte nicht Teil einer Geschichte – part of the game – werden. Ich will Beobachterin und möglichst neutrale Berichterstatterin bleiben.“ Aber wie will man das durchhalten, wenn eine Flüchtlingsfamilie verzweifelt in einer fremden Stadt nach einer Unterkunft sucht? Nur filmen oder eingreifen und helfen? „In dem Moment hat sich die Geschichte verändert“, sagt Glass, die seit Jahresbeginn das ARD-Studio in Tel Aviv leitet. Man könne immer nur Einzelschicksale darstellen, nie die ganze Geschichte erzählen. Und die Auswahl der Protagonisten habe etwas Subjektives: Wen kann man ansprechen? Stehen Dolmetscher zur Verfügung oder kommt man mit Englisch weiter? Zu groß ist die Versuchung, nur englischsprechende, akademisch gebildete Flüchtlinge herauszugreifen und damit ein schiefes Bild der Wirklichkeit zu zeichnen.

Angeschlagenes Vertrauen

Verzerrte Wirklichkeit – das Problem sieht auch Hubert Denk, freier Journalist („Bürgerblick“) in Passau. Er hat die Flüchtlingsströme im Sommer und Herbst 2015 vor Ort im Grenzgebiet zu Österreich beobachtet. Ein Spagat zwischen „Helfen“ und „Berichten“ sieht auch er: „Wir haben die Chance, dorthin zu gehen, wo unser Publikum nicht hinkommt. Dieses Privileg dürfen wir nicht missbrauchen.“ Julius Heinrichs, der als freier Journalist in Leipzig arbeitet, sagt: „Einen ‚Willkommensjournalismus‘ darf es nicht geben.“ Damit meint er einen Journalismus, der sich Fragen verschließt, um ja nicht anzuecken. Heinrichs beobachtet Formen von Selbstzensur, aus Angst, mit kritischen Berichten über Flüchtlinge den Rechtsextremen in die Hände zu spielen. Er befürwortet stattdessen einen Journalismus, der unvoreingenommen hinschaut und keine Aspekte ausblendet, und sagt: „Lasst uns Zweifler nicht sofort als Nazis abstempeln. Lasst uns auch unangenehme Fragen stellen.“

Fragmentierte Diskussion

Eine Verschärfung des Diskurses über die Themen Flucht und Asyl in sozialen Netzwerken beobachtet Caja Thimm. Digitalen Hass habe es seit der Erfindung des Internets gegeben, jetzt sei es nur viel leichter, ihn zu teilen, sagt die Medienprofessorin aus Bonn. Es gebe eine „Filterblase“, in der eine fragmentierte und nur noch auf die eigene Gruppe bezogene Diskussion stattfinde. Von anderen bekomme eine solche „Exklusionsgruppe“ nichts mehr mit, die Öffentlichkeit werde zum Feind erklärt („Lügenpresse“). Eine Gegenstrategie sei die Schaltung von bezahlten, nicht wegklickbaren Anzeigen vor rechtsextremistischen Youtube-Clips, in denen Flüchtlinge ihre Geschichte erzählen und so eine „Counter Speech“ zu den rassistischen Hasstiraden von Pegida-Funktionären halten. Dass soziale Netzwerke auch Positives bewirken können, hat Lena Odell bewiesen. Als im September 2015 Tausende von Flüchtlingen am Münchner Hauptbahnhof ankamen, hat sie spontan eine Facebook-Gruppe gegründet. So wurde unkompliziert und effektiv ehrenamtliche Hilfe organisiert und Helfer mobilisiert.

Das Fazit der Tagung: Tabuisierungen darf es beim Flüchtlingsthema nicht geben. Sonst wird aus freiem Journalismus Agitation und Propaganda. Stattdessen sollten die immer kruder werdenden Posts in den einschlägigen Facebook-Gruppen öffentlich gemacht werden. Ihre Urheber radikalisieren sich ja auch und werden mehr, weil oft Gegenöffentlichkeit fehlt. Angesichts des wachsenden Misstrauens des Publikums steht die Glaubwürdigkeit der Medien allgemein auf dem Spiel. Gegensteuern ist angesagt. So kann aus der Krise eine große Chance für Qualitätsjournalismus werden.

Unsere Tagung in Bayreuth haben wir in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien durchgeführt.

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Dr. Michael Schröder
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Mitleid wecken oder Angst schüren? Flucht als Thema in den Medien


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