Kalkül macht kein gutes Kino

Fremde im Film: Filmgespräch am See mit Sebastian Schipper, Nicolette Krebitz und Matthias Koßmehl / Gemeinsam mit dem Fünf-Seen-Filmfestival

Tutzing / Akademie-Gespräch Tagungsbericht / Online seit: 01.08.2016

Von: Sebastian Haas

# Kultur

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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Zum dritten Mal luden wir gemeinsam mit dem Fünf-Seen-Filmfestival in die Akademie zum Filmgespräch am See. Das Thema „Fremde im Film“ bot den Regisseuren Nicolette Krebitz (Wild), Sebastian Schipper (Victoria) und Matthias Koßmehl (Café Waldluft) den Boden für eine angeregte Diskussion über Ängste, Wahnsinn und politische Haltung. Ansehen können Sie das Filmgespräch am See in der Denkzeit auf ARD-alpha (über die Mediathek abrufbar).

Fremd(es) im Film kann es aus drei Perspektiven geben: eine für den Zuschauer ungewohnte Inszenierung; etwas Unbekanntes, das eine Handlung bestimmt; und ein Gefühl der Fremdheit, das die Figuren in einem Film umgibt. Dabei haben die drei Regisseure in ihren aktuellen Werken verschiedene Ansätze gewählt: Matthias Koßmehl hat in seiner Dokumentation „Café Waldluft“ gezeigt, wie pragmatisch (und auch herzlich) eine bayerische Wirtin mit Fremden in ihrer Heimat – nämlich Flüchtlingen, die bei ihr untergebracht sind – umgeht. Sebastian Schipper vermittelt in „Victoria“ eine Grundsolidarität innerhalb der jungen Generation, die er bei den Älteren vermisst, ganz nach dem Grundsatz, die Probleme der anderen nicht zu seinen eigenen zu machen.

Fremd ist für jeden etwas anderes

Nicolette Krebitz wiederum zeigt in „Wild“, wie sich das Wilde und Fremde in das Leben jedes Einzelnen drängen kann – denn hier baut eine junge Frau eine Beziehung zu einem Wolf auf und entfremdet sich so von der menschlichen Gesellschaft. Um sich zu einem Thema wie diesem eine eigene Meinung zu bilden, gegen kulturelle, gesellschaftliche und politische Konventionen zu verstoßen, ist es Krebitz‘ Meinung nach nötig, „kulturhistorisch alles vom Schreibtisch zu wischen“. Sich ganz einer fremden Sache auszuliefern werde so zu einem mutigen Schritt, „für den man belohnt wird“. So kann das Wilde in einem selbst für andere anziehend wirken. Oder eben doch befremdlich, wenn nicht sogar beängstigend. „Wenn man einen Menschen nur lange genug betrachtet“, meint Sebastian Schipper, „entdeckt man den Freak, den Außenseiter in ihm.“

Angst als Triebfeder des Kinofilms

Dass diese Themen gerade im Kino gut funktionieren, hängt nach Ansicht Schippers damit zusammen, dass dieses seine Stärke aus der Begegnung mit Angst, Dunkelheit und Unbekanntem speist. Doch geht es nur um allgemeine Ängste – oder dürfen Filme auch aktuelle politische Diskussionen und Debatten, den Zeitgeist widerspiegeln? Dokumentationen müssen es sogar, und Spielfilme ebenso, wie Sebastian Schipper meint: „Es ist ein politischer Akt, vielschichtige Geschichten zu erzählen, Aktuelles zu problematisieren und Gefühle aus der Gesellschaft einfließen zu lassen.“ Umso wichtiger ist also – meint Matthias Koßmehl – dass sich ein Filmemacher mit einer gehörigen Portion (politischer) Haltung, einem klaren Motiv und „einem gewissen Wahnsinn“ an seine Produktion macht. Oder anders formuliert: Kalkül macht keine guten Filme.

Das Filmgespräch am See findet seit 2014 als Teil des Fünf-Seen-Filmfestivals in den Räumen der Akademie für Politische Bildung statt. Wir danken Festival-Intendant Matthias Helwig, seinem Team und den Kolleginnen und Kollegen von ARD-alpha für die gute Zusammenarbeit. Die Akademie für Politische Bildung freut sich schon auf die Neuauflage.

Ansehen können Sie das Filmgespräch am See in der Denkzeit auf ARD-alpha (über die Mediathek abrufbar).

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Filmgespräch am See: Fremde im Film


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