Future is back in town

Stadtplanung und Stadtentwicklung in der Diskussion - Wie sieht die Stadt von morgen aus?

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 28.03.2015

Von: Beryll Kunert

# Kommunalpolitik / Partizipation / Ökologie und Nachhaltigkeit

Zukunftsstadt Wikimedia Commons/Daniel Case

Wie sieht die Stadt von morgen aus? (Wikimedia Commons/Daniel Case)

Stadt ist eine Lebensform. Auf engem Raum entfalten und überlagern sich Lebenskonzepte. Stadtplaner, Ingenieure, Architekten, politische Entscheidungsträger und die Bürger vor Ort stehen vor Herausforderungen: bei der Planung, Umsetzung und Anordnung von Gebäuden, bei der Gewährleistung einer geeigneten Infrastruktur und eines sozialen Miteinanders sowie hinsichtlich des Umweltschutzes. Diese Fragen wurden in der Akademie für Politische Bildung in Kooperation mit der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau gemeinsam mit Politik, Forschung und Stadtplanung diskutiert.

"Eine Stadt ist ein Organismus" - sagte Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher aus Wien. Man müsse Städte anders begreifen lernen und soziokulturelle Aspekte mehr beachten. Kooperative, integrative Lebensgemeinschaften, die praktisch ein Dorf in einer Stadt darstellen, sei ein Lebenskonzept, das in Deutschland noch völlig unbekannt ist. Horx zeigte kreative Wege innovativer Städteplaner auf, wie die gänzliche Begrünung der Stadt Singapur oder die Bewegung des 'New Urbanism'; diese hat beispielsweise in Frankfurt am Main der Zersiedelung entgegen gewirkt und durch die Vitalisierung des Museumsufers ein anderes Stadtbild erzeugt. Horx ist der festen Überzeugung: Mit kreativen Ideen und Selbstorganisation der Bürger, dem Mut der Politik und dem Wissen der Ingenieure kann in der Stadt der Zukunft viel bewegt und gestaltet werden.

"Wir sind eine hochmobile Wissensgesellschaft"

Steffen Braun (Fraunhofer IAO) ist der Überzeugung, dass wir uns auf vielen verschiedenen Handlungsfeldern (ökonomisch, wirtschaftlich, sozial, etc.) in einem Transformationsprozess befinden. So entsteht beispielsweise durch die Digitalisierung eine gänzlich neue Wirtschaftsbranche. Genauso kann eine einzige Erfindung die Struktur einer ganzen Stadt verändern: Die erste U-Bahn 1863 in London, veränderte die Mobilität und brach so alte Schranken auf. Für die Städteplaner sei in nächster Zeit vor allem die Digitalisierung der Stadt, beispielsweise durch Programme, mit welchen man ein Geschäft nach Sonderangeboten abscannen kann, eine Herausforderung. Es sei noch zu diskutieren wo und in welcher Form digitale Technik im realen Raum sinnvoll ist. Braun stellt bereits entwickelte Zukunftstechnologien wie Dachfarmen und recycelte Häuser vor und erklärt: "Technik kann uns auch wieder menschlicher machen."

Diesen Punkt greift Annette Spellerberg (Technische Universität Kaiserslautern) auf. Sie stellte ein Projekt vor, in dem ältere Bürger eines Ortes eine Art Tablet erhielten, über das sie kommunizieren konnten. Durch diese Kommunikationsplattform entstand mehr Nachbarschaftshilfe, wurden Ausflüge organisiert und ganze Projekte realisiert.  

Mobilität und Bebauung in der Stadt der Zukunft

Ein wichtiges Thema in der Stadt der Zukunft ist die Mobilität. Schadstoffemission, CO2-Ausstoß, Raumnot, Lärm und die Überdimensionierung der Straßeninfrastruktur sind Folgen der hohen Anzahl privater Autos. Weert Canzler (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) stellt als zukünftige Lösung das Konzept der Intermodalen Mobilitätsleistungen vor: Einen Reiseweg, der verschiedene, möglichst umweltschonende Verkehrsmittel optimal miteinander verbindet. Beispielsweise kann eine App genutzt werden, die vom Leihfahrrad über den ÖPNV hin zur Mitfahrgelegenheit alle Reisevarianten beinhaltet und den schnellsten oder energieneutralsten Weg vorschlägt. Das Prinzip lautet hier vor allem: Nutzen statt besitzen, wie beispielsweise beim car-sharing.

In zwei Workshops konnten die Teilnehmer der Tagung anschließend mit fachkundigen Referenten intensiv diskutieren: Im Workshop zu Städtischem ÖPNV und Individualverkehr in der Zukunft plädierte Gebhard Wulfhorst (Technische Universität München) für eine intensivere Nutzung der vorhandenen technischen Möglichkeiten. Carl-Friedrich Eckhardt (BMW Group) beteuerte die Technik zu alternativen Verkehrskonzepten sei bereits vorhanden, die Umsetzung verzögere sich lediglich durch die Politik. Der zweite Workshop beschäftigte sich mit dem Thema, wie Planen und Bauen in der Stadt der Zukunft aussehen könnte und sollte. Norbert Gebbeken (Universität der Bundeswehr München) ist der Überzeugung, dass sich der Planungshorizont der Stadtplanung auf 50 bis 100 Jahre erstrecken müsse. Eine andere Herausforderung für Stadtplanung ist es die Urbanität einer Stadt zu wahren, so Annette Spellerberg. Baukultur müsse beachtet, historische Stätte gewahrt und bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden.

Bürgerbeteiligung und Planung

"Das alles aber bitte ohne große Veränderung meines unmittelbaren Umfelds" - so pointiert Florian Pronold (Parlamentarischer Staatssekretär Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) in der Podiumsdiskussion die vorherrschende Meinung der Bürger. Was aber höhere Akzeptanz beim Bau von Stromtrassen und Windrädern schaffe, sei die Beteiligung der Bürger. Prozesse, die Bürger mehr in planerische Entscheidungen einbinden seien schwierig, müssten aber verändert und zukünftig mehr genutzt werden. Dem widerspricht Johann-Dietrich Wörner (Vorstandsvorsitzender DLR) insofern, dass Beteiligung lediglich Identifikation mit dem Projekt schaffe; Akzeptanz sei aber gelegentlich auch die Entscheidung anderer Leute anzunehmen. Trotzdem sei Bürgerbeteiligung enorm wichtig und wünschenswert. Dem stimmt auch der dritte Podiumsgast, Siegfried Dengler (Leiter Stadtplanungsamt Nürnberg), zu. Dennoch koste Bürgerbeteiligung Zeit und Geld. Einig war man sich in einem: Die Zukunft beginnt heute.


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