Verfilmte Zeitgeschichte(n)

Zwischen Realität und Fiktion

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 17.09.2015

Von: Teresa Rupp

# Gesellschaftlicher-Wandel / Propaganda / Nationalsozialismus / Medienwandel / Radio-und-Fernsehen / Geschichte-der-Bundesrepublik

YouTube-Video

Experten beantworten im Video, inwieweit Filme die historische Wirklichkeit abbilden und wie Medien mit Geschichte umgehen sollten. (Video: Teresa Rupp, Schnitt: Corinna Korn)

Bewegte Bilder schaffen neue Welten, sie überwinden Raum und Zeit. Innerhalb von Sekunden findet sich der Zuschauer auf fremden Planeten oder mitten in den 1930er Jahren wieder. Wenn es um unsere Geschichte geht, dann hat Film eine vielfältige Wirkung. So dient dieses Medium bei der Darstellung von Zeitgeschichte sowohl der Unterhaltung als auch der Information. Zugleich lernen wir über den Film von der Vergangenheit, selbst wenn es sich um fiktionale Geschichten handelt, die über unseren Bildschirm flimmern. Der Film prägt so die Erinnerungskultur. Was wir über die Vergangenheit wissen, stammt häufiger von den teilweise erfundenen Geschichten im Fernsehen oder Kino als von Büchern zur Historie. Das Medium Film wirft deshalb viele Fragen auf: Wo verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion? Inwieweit schaffen Filme historische Wirklichkeit? Hierzu diskutierten in der Akademie für Politische Bildung namhafte Wissenschaftler.

1979 erlebt das deutsche Fernsehen mit der Serie Holocaust ein Medienereignis. Mit der Geschichte über die jüdische Arztfamilie Weiß ziehen die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges in neuer Form in die Wohnzimmer von über 20 Millionen Deutschen ein und damit in den öffentlichen Diskurs. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus im Fernsehen ist nichts Neues, die Art und Weise der Serie Holocaust dafür umso mehr.

Geschichtsdarstellung im Wandel

Darstellungen des Nationalsozialismus haben sich über die Zeit hinweg stetig verändert. Zentral ist die Frage: Was wird gezeigt, und was wird nicht behandelt? Diese selektiven Darstellungen sind Spiegel und Schöpfer in einem. Sie beeinflussen das Meinungsbild der Zuschauer und reflektieren gleichzeitig die Stimmung in der Gesellschaft. So sah man sich in der Nachkriegszeit in Deutschland noch weitgehend als Opfer des Nationalsozialismus. Jüdische Erinnerungen fanden somit noch keine Berücksichtigung. In den 60ern glitt die Aufmerksamkeit weg von der Frage der Täter hin zu den Ereignissen selbst, die leicht konstruierbar sind. Dann kam die Wende: „Die 70er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs und des Paradigmenwechsels“, sagte Professor Christoph Vatter von der Universität des Saarlandes. Die Identitäten waren ab sofort nicht länger homogen, sondern gebrochen. Das Fernsehen wurde offener. Überlebende und Opfer wurden verstärkt in den Fokus gerückt. Grund dafür ist zum großen Teil der Generationenwechsel. Die nunmehrigen Entscheidungsträger stammten nicht mehr aus der Tätergeneration, sondern gehörten zunehmend der Zwischengeneration „Hitlerjugend“ an und fragten „Was ist damals mit uns passiert?“. Hinzu kamen Darstellungen philosemitischer Prägung. „Das war der Versuch, die deutsch-jüdische Symbiose durch das Massenmedium wiederherzustellen“, erklärte Professor Wulf Kansteiner, von der Aarhus University in Dänemark. Parallel dazu stellte die 68er-Bewegung unangenehme Fragen. All diese Darstellungen bildeten das Fundament für das Medienereignis Holocaust und waren Anlass zu kontroversen Diskussionen.

Erinnerung versus Filmische Darstellung

Und das aus gutem Grund. Das Bildmedium stellt eine Herausforderung für das Gedächtnis dar. Was war zuerst da, der Film oder die Erinnerung? Kondensiert der Film kollektive Erinnerung oder speist er sich aus dieser? Die eigene Erinnerung wird mit dem Bild konfrontiert und vermischt. Aus diesem Grund muss stets der gesellschaftliche und filmische Kontext betrachtet werden. Dies zeigt beispielsweise der Flüchtlingstreck als Sinnbild für Flucht und Vertreibung. „Hierbei wurden Propagandaaufnahmen relativ unreflektiert in den gesellschaftlichen Diskurs übernommen“, stellte Alina Tiews von der Universität Hamburg fest. Zeitgenössische Fotografien, die teilweise aus der Wochenschau der Nationalsozialisten stammten, tradierten somit das Bild des Trecks in die Gegenwart. Von vielen Menschen konsumiert, nahm diese Momentaufnahme eine Funktion im Gedächtnisprozess ein. Das Bild wurde zur vermeintlichen Erinnerung und damit zur historischen Realität. Bildliche Darstellungen formen demzufolge maßgeblich die Wahrnehmung und Erinnerung. „Wir sollten uns als Medienprodukt sehen“, schlussfolgerte Kansteiner, „wir sind das Resultat dessen, was wir konsumiert haben.“


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