Was soll gesendet werden - und was nicht?

Mediendialog der Tutzinger Akademien zur Medienethik im digitalen Zeitalter

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 05.12.2015

Von: Sebastian Haas

# Medienethik

Beim Tutzinger Medien-Dialog von Evangelischer Akademie Tutzing und Akademie für Politische Bildung wollen Medienexperten Antworten auf die Fragen finden, was bei der Berichterstattung zulässig ist. Was darf gedruckt oder gesendet werden, was besser nicht? Wann müssen ethische Grenzen aufgezeigt werden und wo sollen sie gezogen werden?


Erster Redner auf dem Podium: Professor Hans Mathias Kepplinger, der seit den 1970er-Jahren an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz die Publizistik-Forschung in Deutschland mitgeprägt hat. Sein Thema: Die Mechanismen der Skandalisierung in den Medien. Kurz gesagt wird ein Missstand erst zum Skandal, wenn frei entscheidende Menschen aus niederen Motiven und im Wissen um die negativen Folgen handeln und somit moralische Schuld auf sich laden. Schuld wiederum verlangt Sühne. Und diese Forderung nach Sühne, also der Beseitigung der (Schuld-)Ursachen, wird durch die Medien transportiert. Kepplinger erkennt dabei eine starke Tendenz zum Kampagnen-Journalismus, der das Publikum oftmals in die Irre führt, fragwürdige politische Entscheidungen verursacht und das Vertrauen in die öffentlichen Institutionen schwächt.

Frederik Obermaier arbeitet im Investigativressort der Süddeutschen Zeitung - ein Berufsfeld, in dem es wie in kaum einem anderen um das richtige Abwägen vor dem Veröffentlichen geht. Zwischen ihm und dem Publikum in der Akademie für Politische Bildung entwickelte sich ein intensives Gespräch über die verschiedenen Grenzen, denen ein investigativer Journalist gegenübersteht: fehlende Zeit, fehlendes Geld, unklare rechtliche Situationen, das Veröffentlichen von Vermutungen und Verdachten, Undercover-Recherchen, wenig auskunftsfreudige Behörden oder als geheim eingestufte Vorgänge.

Philosophisch und doch so nah am Leben ging es bei der Abend-Session unseres Mediendialogs zu: Prof. Dr. Alexander Filipovic von der Hochschule für Philosophie in München sprach über die Datafizierung des digitalen Wandels. Filipovic machte deutlich: Digitalisierung und emsiges Datensammeln können durchaus positive Auswirkungen haben (wie bei der Bekämpfung von Krankheiten), können aber auch auf Macht, Kontrolle und gar Steuerung des Einzelnen wie ganzer Gesellschaften abzielen. Die Politik sei gefordert, ihr Primat gegenüber der Internetwirtschaft selbstbewusst zu vertreten, die Medien-, Kommunikations- und Netzpolitik dabei nicht nur als Wirtschaftspolitik zu verstehen, und auch Ideologiekritik in Bezug auf die Digitalisierung zu üben.

Tag zwei des Tutzinger Mediendialogs "Grenzüberschreitungen - Medienethik im digitalen Zeitalter" beginnt mit dem Informationsdirektor des Bayerischen Rundfunks (BR), Thomas Hinrichs. Nach einer kurzen und kritischen Bestandsaufnahme der inzwischen multimedialen Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen BR kam Hinrichs auf die großen Herausforderungen dieser Arbeit zu sprechen: der Dialog mit den Usern/Zuschauern/Beitragszahlern, das Verteidigen der Rolle des gatekeepers (gerade im Vergleich zu Liveübertragungen in den sozialen Netzwerken), Verifikation und Faktenchecks im Zuge der beschleunigten Berichterstattung sowie das Ringen um das Vertrauen des Publikums. Um es kurz zusammenzufassen: Für den Informationsdirektor des BR bedeutet der Qualitätsjournalismus in seinem Haus, 24 Stunden am Tag bei den Nutzern zu sein, einen fairen Dialog zu führen und auch Fehler machen zu dürfen - diese dann aber transparent nach außen dar- und richtigzustellen.

Zum Abschluss des Tutzinger Mediendialogs 2015 "Grenzüberschreitungen - Medienethik im digitalen Zeitalter" kam auf dem Podium der Akademie für Politische Bildung geballte Erfahrung auf dem Gebiet der medialen (Selbst-)Kontrolle zusammen: Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserats; Elke Beck-Flachsenberg, stellvertretende Vorsitzende des BR-Rundfunkrats; der ehemalige Vorsitzende des Bayerischen Journalisten-Verbands Wolfgang Stöckel, ebenfalls Mitglied des Programmbeirats bei ARTE und Erich Jooß, Vorsitzender des Medienrats der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien.

Die medialen Kontrollinstanzen arbeiten für Außenstehende zwar im Hintergrund, können aber sehr wohl Erfolge aufweisen. Sei es, dass Dieter Bohlen seit einigen Jahren in der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" nicht mehr unkontrolliert "Versager" bloßstellen darf, dass manch brutale "Tatort"-Folge erst nach 22 Uhr gesendet werden darf oder dass sowohl Programmverantwortliche als auch Konsumenten genauer hinschauen, was gesendet wird.


Bildergalerie

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing


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