Zurück an den See

Zeithistoriker Michael Mayer kommt wieder an die Akademie

Tutzing / Akademie / Online seit: 20.07.2015

Von: Liza Soutschek

Nach einem halben Jahr in der Wüste in Arizona kehrt Michael Mayer an den Starnberger See zurück.

Vor einem halben Jahr hatten sie kurzerhand ihre Arbeitsplätze getauscht: Der APB-Zeithistoriker Michael Mayer ging vom See in die Wüste, nach Phoenix an die Arizona State University. Der in den USA lebende Geschichtswissenschaftler Volker Benkert kam dafür als Gastdozent aus der Wüste an den See, an die Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Nach sechs Monaten kehren nun beide wieder an ihre ursprünglichen Stellen zurück. Volker Benkert hat sich bereits von der Akademie verabschiedet. Im Gespräch erzählt Michael Mayer jetzt von seinen Erfahrungen.

Freuen Sie sich wieder hier am Starnberger See zu sein oder vermissen Sie die Wüste?

Es ist auf jeden Fall wunderschön wieder am See zu sein. Allein die Farben: Dieses Grün und das Blau des Himmels und des Sees um sich zu haben, das ist schon fantastisch. In der Wüste ist man ja eher  von Brauntönen und relativ wenig Vegetation umgeben. Natürlich kann es auch dort sehr schön sein, etwa wenn die Kakteen im Frühjahr über und über mit kleinen weißen Blüten bedeckt sind. Das Leben in Arizona war auf jeden Fall sehr spannend. Trotzdem freue ich mich, wieder hier zu sein.

Was genau haben Sie in den USA gemacht?

Ich war von der Arizona State University als Fellow eingeladen und habe dort in erster Linie an dem Projekt "Democratization and Emotionalization of Democracy in the Federal Republic of Germany and the USA from 1949 until 1990" gearbeitet.  Mein Habilitationsvorhaben, das ich im Rahmen des Projekts weiterverfolgt habe, trägt den Titel „Demokratisierung der Demokratie in der Bundesrepublik, Großbritannien und den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Kurz gesagt geht es darum, zu untersuchen, ob bei Staaten, bei denen Demokratie draufsteht, auch wirklich Demokratie drin ist. Ein Beispiel ist etwa die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen: Tatsächlich wurden erst im Verlauf der 60er Jahre Gesetze erlassen, die besagen, dass Männer und Frauen gleich bezahlt werden müssen. In der Praxis änderte sich in der Folgezeit trotzdem wenig. Auch im Öffentlichen Dienst wurden Frauen lange Zeit eben nicht gleich behandelt. Ich frage deshalb: Wie demokratisch sind unsere Staaten eigentlich und werden die Rechte, die in der Verfassung und den Gesetzen festgeschrieben sind, tatsächlich gewahrt?

Was hat Ihnen an der Arbeit an der Universität in Arizona gefallen, was eher nicht?

Die Arbeitsbedingungen waren sehr gut, vor allem die Bibliothek. Ich habe dort so viele Bücher bestellt, dass die Leute mich am Ende schon persönlich kannten: The Famous Michael Mayer, so haben sie mich immer begrüßt, wenn ich Tag für Tag meine 30 Bücher abgeholt habe. Die Möglichkeiten dort habe ich voll ausgeschöpft. Natürlich ist die Arbeitsweise zum Teil auch ganz anders als hier und einige Dinge fand ich schon problematisch – gerade, wenn man einen europäischen Blick auf die Dinge hat: Zum Beispiel führt die massive Drittmittelfinanzierung dazu, dass die Wissenschaftler oft gar nicht mehr zum Forschen kommen. Im Grunde sind sie immer damit beschäftigt, neue Gelder zu akquirieren. Generell ist auch der Bildungsgrad der Bevölkerung in den USA niedriger als in der Bundesrepublik. Wenn ich den Kollegen dort von der Akademie für Politische Bildung erzählt habe, erhielt ich häufig die Antwort: So etwas bräuchten wir eigentlich auch. Die wichtige Rolle, die die politische Bildung für die Gesellschaft spielt, ist mir in den USA noch einmal sehr bewusst geworden.

Hat sich der Austausch aus Ihrer Sicht gelohnt?

Ja, für mich persönlich hat sich der Austausch auf jeden Fall gelohnt. Schon weil ich dort einfach ein halbes Jahr intensiv an einem Thema arbeiten konnte. Hier an der Akademie verfolgen wir immer viele Projekte gleichzeitig. Das ist natürlich sehr schön, es macht die Arbeit reich. Aber die Möglichkeit, sich einmal sechs Monate Tag für Tag nur einem Projekt zu widmen, das ist fantastisch. Man kann da sehr in die Tiefe gehen. Diese Intensität wünsche ich mir manchmal auch an der Akademie. Aber das ist durch die Vielfalt hier natürlich nicht so einfach und auf die möchte ich auch nicht verzichten.

Sollten wissenschaftliche Austausche also auch zukünftig stattfinden, sollte die Akademie Ihre und Volker Benkerts Idee weiterverfolgen?

In jedem Fall. Ich denke, das bringt allen Seiten sehr viel. Volker Benkert hat ja zum Beispiel einige wichtige neue Impulse ins Haus gebracht und kann seine Erfahrungen wiederum mit in die USA nehmen. Ich selbst habe in Arizona ebenfalls viele Erfahrungen gemacht, die sich auf meine Arbeit an der Akademie auswirken werden. Insgesamt ist es sicher für alle Seiten ein ausgesprochen fruchtbarer Austausch gewesen. Ich bin unserer Akademiedirektorin wirklich sehr dankbar, dass sie den Austausch unterstützt hat und auch die internationale Öffnung der Akademie weiter voranbringt.

Welches Projekt steht bei Ihnen als nächstes an?

Ganz aktuell ist das die Tagung „Realität und Fiktion – Verfilmte Zeitgeschichte(n)“, die vom 1. bis 4. August in der Akademie stattfinden wird. Ich freue mich schon sehr darauf, wieder eine Tagung hier am See leiten zu können. Gerade zu einem Thema, von dem ich weiß, dass es sehr großen Anklang findet. Bei unserem Filmgespräch am See, das wir am Sonntag, den 2. August, im Rahmen der Tagung veranstalten, gibt es übrigens noch einzelne freie Plätze.


News zum Thema


q