Bildungsdebatten in Deutschland

Vortrag von Professor Jan-Hendrik Olbertz über gute Schule

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 12.10.2015

Von: Corinna Korn

# Bildung / Bildung-und-Digitalisierung

Der langjährige Kultusminister Prof. Dr. Olbertz über das, was seiner Meinung nach eine gute Schule ausmacht.

Bildung ist ein nie endendes Diskussionsthema, nicht nur in der Politik, sondern auch unter Schülern, Lehrern und Eltern. Laufend werden alte und neue Streitfragen debattiert: Wie viele Jahre Schulzeit sind nötig? Wie kann Kindern Allgemeinbildung vermittelt werden? Wie viel Autorität braucht die Schule? Neu hinzugekommen sind außerdem Fragen der Heterogenität als Problem oder gar Potenzial im Schulalltag oder Diskussionen über eine zunehmende Akademisierung der Lehre.

Im Rahmen der Tagung „'Faule Säcke' oder Leistungsträger der Nation? Die Rolle des Lehrers in der Gesellschaft“ hat Professor Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin und langjähriger Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, bei einer öffentlichen Abendveranstaltung einen Überblick über Bildungsdebatten in Deutschland gegeben. Anhand der Strophen des Kinderliedes „Brüderchen, komm tanz` mit mir“ veranschaulichte Olbertz das „Hin und Her“, also die seiner Meinung nach zunehmende extreme Polarisierung der Diskussionen.

Wissensbasierte, sinnvoll reduzierte Lehrpläne

In seinem Vortrag sprach Olbertz eine breite Palette an Bildungsfragen an: Neben der Wichtigkeit von Allgemeinbildung betonte er das gleichzeitige „Elend der Stofffülle“, bei dem sich über die Jahre nichts außer der Schreibweise mit drei „f“ geändert habe. Der ehemalige Kultusminister plädierte für wissensbasierte Lehrpläne, die mit Hilfe von Fächern wie Geschichte, Sprachen und Kunst kulturell angereichert werden – denn „wer seine eigenen Wurzeln nicht mehr kennt, wird alles Fremde als Bedrohung wahrnehmen“.

Auch das Stichwort Leistung wird laut Olbertz in den politischen Debatten einmal gering-, dann wieder hochgeschätzt. Doch ohne Streben nach Leistung fehlten dem sozialen Lernen Anlass und Potenzial. „Man kann Schüler so zwar vor einer Schmach bewahren, man bringt sie aber auch um den Erfolg einer erbrachten Leistung“, machte Olbertz deutlich. Auch der permanente Wechsel zwischen acht- und neunjährigem Gymnasium entsteht seiner Meinung nach dadurch, dass die Politik zu sehr der öffentlichen Meinung folgt, anstatt auf diese Meinung Einfluss zu nehmen.

Diskussion über Inklusion im Schulalltag

Während seines Vortrags erntete Olbertz an vielen Stellen zustimmenden Applaus. So zum Beispiel, als er den „fast schon beunruhigenden Totalitarismus der ‚political correctness‘“ unserer Gesellschaft anprangerte. In der Diskussionsrunde allerdings ließ es sich das Publikum nicht nehmen, die Ansichten des Erziehungswissenschaftlers durchaus auch kritisch zu hinterfragen. Vor allem das aktuelle Thema der Inklusion an Schulen traf auf reges Interesse. Olbertz plädierte für eine „Schule für jede(n)“, bei der unter Einbeziehung der Förderschulen jeder Schüler nach seinen persönlichen Stärken gefördert werde. Ohne zusätzlich bereit gestelltes Personal müssten in Inklusionsklassen die Schwächeren den Preis bezahlen, da ihnen keine optimale Förderung zuteilwerden könne.

Als Fazit hielten die Teilnehmer fest, dass Schule Kinder derart bestärken müsse, dass sie eines Tages selbst eine starke Gemeinschaft bilden können. Dafür müsse allem voran dem Kerngeschäft von Schule nachgegangen werden: gutem Unterricht bei sinnvollen und vor allem sinnvoll reduzierten Lehrplänen.


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