Industrie 4.0

Gibt es ein gutes Leben in der digitalisierten Welt?

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 13.08.2015

Von: Teresa Rupp

# Gesellschaftlicher Wandel, Wirtschaft, Globalisierung

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Eine Fernwartungszentrale in Deutschland steuert Maschinen, die in einer Fabrik in China stehen. Der Arbeitskollege ist aus Stahl und bekommt seine Anweisungen über ein Tablet und die Sicherheitsweste des Ingenieurs misst dessen Stresslevel. Was zum Teil bereits Realität ist, wirft viele Fragen auf: Wie sieht die Zukunft der Industrie aus? Was bedeutet das für die Arbeitswelt? Und was passiert mit den Menschen, die mit diesem Wandel nicht mithalten können? Die Akademie für Politische Bildung diskutierte diese und viele andere Fragen mit namhaften Wissenschaftlern und Akteuren.

Seit dem 18. Jahrhundert und der Erfindung von Wasser- und Dampfkraft hat sich die Arbeitswelt der Industrie fortlaufend weiterentwickelt. Über Arbeitsteilung und Massenproduktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts, gefolgt vom Einsatz von Elektronik und IT zu Beginn der 70er Jahre bis hin zur vierten Industriellen Revolution: Industrie 4.0 und dem Einsatz von cyberphysischen Systemen, sinnbildlich Roboter, die über das Internet gesteuert werden.

Trend zur Entpersonalisierung

"Ich glaube, dass alles, was automatisiert werden kann, auch in Zukunft automatisiert wird", prognostizierte Oliver Burkhard, Arbeitsdirektor bei der ThyssenKrupp AG. Ihm zufolge werden Mensch und Roboter kooperativ arbeiten. Es bilden sich zwei Arten von Beschäftigten: Diejenigen, die ausführen, was ihnen die Maschine sagt und diejenigen, die der Maschine sagen, was zu tun ist. Trotz allem vertrat Burkhard die These, dass nach der Digitalisierung eine Phase der Humanisierung folgen wird. Grund dafür sind unter anderem die Herausforderungen Demografie und Diversity. „Die Gesellschaft wird älter und bunter, damit müssen wir umgehen“ und,  Digitalisierung allein führt nicht zum Erfolg: "Man muss die richtigen Mitarbeiter suchen, nicht zwingend die Besten."

Mensch und Roboter

"Arbeit wird sich weitreichend wandeln!" stimmte auch Professor Hartmut Hirsch-Kreinsen von der TU Dortmund zu. Dies bedeute, dass repetitive Arbeiten zunehmend automatisiert und Facharbeit standardisiert würde. Die Entwertung von Fachqualifikation berge aber auch Chancen für neue Qualifikationen wie beispielsweise IT-Kompetenz. Es bedarf folglich einer Berufsbildung 4.0.  Schwierigkeiten sah dagegen Dr. Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied der IG Metall,  bei gerade dieser Zusammenarbeit von Mensch und Roboter. Stoß- und Quetschunfälle aber auch die psychischen Auswirkungen hätten Folgen für den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Das gleiche Problem stelle sich auch für den Faktor Mobile Arbeit, also die Entkopplung von Arbeit und Arbeitsstätte. Wie soll hierbei die Kontrolle durch einen Betriebsrat erfolgen?

Mehr Digitalisierung braucht mehr Sicherheit

Doch nicht nur die Kontrolle der Arbeit selbst stellt künftig ein Problem dar. Wenn hochsensible Produktionsdaten über das Internet an das andere Ende der Welt geschickt werden, bedarf es höherer Sicherheitvorkehrungen. "Die Security-Scheunentore sind sehr weit offen!", warnte Doris Aschenbrenner von der Universität Würzburg. Die Unternehmen stünden vor einem dauerhaften Trade-off zwischen Sicherheit und Maschinen bzw. Daten im Netz. Lösungen in Form von Know-how oder Sicherheitssoftware sind oftmals teuer, aber unverzichtbar. Wer seine Daten nicht schützen kann, hat einen Wettbewerbsnachteil und ist womöglich Wirtschaftsspionage oder Sabotage ausgeliefert.

Generation Baby-Boom versus Digital Natives

Unter den Arbeitnehmern treffen derweil zwei Generationen aufeinander. Die sogenannten "Digital Natives", die bereits in den Prozess der Digitalisierung hineingeboren wurden und damit aufgewachsen sind und diejenigen, für die ständige Erreichbarkeit, soziale Netzwerke und dergleichen Neuland sind. Wie können erfahrene und junge Mitarbeiter zusammengeführt werden? Ein Ansatz ist Qualifizierung 4.0 in Form von Weiterbildung. "Der Anspruch muss sein, viele derjenigen, die wollen, auf diesen Punkt zu bekommen", sagte Burkhard. Laut einer Studie der ING-Diba sind 18,3 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland durch die Digitalisierung bedroht. Hirsch-Kreinsen argumentierte dagegen: kurzfristig werde es zu Jobverlusten kommen, aber langfristig würden sich neue Aufgaben eröffnen, es komme zur Effizienzsteigerung und Produktinnovation.
Für die Gesellschaft stehen demnach drei Entwicklungsszenarien offen: Das Prosperitäts-, das Niedergangs- und das Polarisierungsszenario. Urbans abschließendes Fazit: "Keiner von uns weiß, was passieren wird."


Bildergalerie

Flickr APB Tutzing

Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing


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