Filmgespräch am See

Diskussion zum Thema Realität und Fiktion: Verfilmte Zeitgeschichte(n)

Tutzing / Akademie-Gespräch Tagungsbericht / Online seit: 03.08.2015

Von: Miriam Zerbel

Podiumsrunde

BR-Filmjournalist Moritz Holfelder fragt nach Realität und Fiktion verfilmter Zeitgeschichte. Es antworten: Michael Verhoeven, Gabriele Rose und Fred Breinerdorfer (v.l.)

Sind fiktionale historische Filme und Geschichts-Dokumentationen Gegensätze? Wie lässt sich Zeitgeschichte verfilmen? Und schaffen Filme historische Wirklichkeiten? An der Antwort auf diese Fragen versuchten sich unter der Moderation des BR-Filmjournalisten Moritz Holfelder im Filmgespräch am See die Produzenten Professor Michael Verhoeven und Professor Fred Breindersdorfer sowie die Historikerin und Regiesseurin Gabriele Rose.

Der Zugang zu historischen Stoffen setzt persönliches Interesse voraus, darin waren sich alle drei Diskutanten einig. Wie intensiv diese Auseinandersetzung sein kann, schilderte Rose, die sich häufig mit mittelalterlichen Persönlichkeiten befasst, mit dem plastischen Hinweis:  „Da liegt auch im Urlaub Lucas Cranach der Jüngere mit in der Hängematte. Ich muss den Persönlichkeiten nahe kommen.“

Dass solche Verfilmungen nicht objektiv sein sollen, bekräftigten die Drei ebenfalls aus ihrer Erfahrung heraus. „Ich wollte die Menschen bewegen, eingreifen, die Wahrnehmung beeinflussen“, sagte Verhoeven mit Blick auf seinen Film „o.k.“, in dem es um Kritik am Vietnamkrieg geht. Der Streifen sorgte auf der Berlinale 1970 für einen Skandal, der Wettbewerb wurde damals abgebrochen.

Für Breinersdorfer muss ein historischer Film eine solide authentische Basis haben. „Wir interessieren uns für Dinge, die den Historikern egal sind, zum Beispiel: Wie könnte die Person gesprochen haben? Wie hat es damals gerochen?“ Schwierig wird es, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt. Die Historikerin Rose, die sich vor allem mit Dokumentationen befasst, nähert sich ihren oft mittelalterlichen Stoffen in erster Linie über historische Quellen. „Was ist mein Erzählsatz?“, ist dennoch ihr Leitmotiv für eine individuelle Annäherung an das Thema. Lediglich Quellen abfilmen, das gehe gar nicht, ist auch Verhoeven überzeugt.

Individuelle Vorstellungen und historisch recherchierte Wirklichkeit – wo liegen die Grenzen?

Mit seiner Frage, inwiefern sich der Blick auf historische Ereignisse verändert, sobald es keine Zeitzeugen mehr gibt, löste Holfelder eine Debatte über die Geschichtsmächtigkeit von historischen Filmen aus. Verhoeven schilderte ausführlich, welch langen Atem es braucht,  um Projekte wie seinen Film über die Weiße Rose verwirklichen zu können, der letztlich zum erfolgreichsten Kinofilm des Jahres 1982 avancierte. Nachdem die Familie von Hans und Sophie Scholl jahrelang einen Film über die beiden abgelehnt hatte, gewährte sie Verhoeven schließlich doch zumindest Einblick in die Briefe und Tagebücher der Scholl-Geschwister. Kurz danach wurden diese Quellen veröffentlicht. Mehr als 20 Jahre später konnte Breinersdorfer für sein Drehbuch zu „Sophie Scholl  - Die letzten Tage“ auf eine ganz andere, viel breitere Quellenbasis zurückgreifen.

Ganz konkret wurde es zum Schluss. Die drei Podiumsgäste diskutierten die Szene, in der die Flugblätter der Weißen Rose in den Lichthof der Münchner Universität segeln. Breinersdorf ließ Sophie Scholl die Blätter quasi im Übermut schubsen, für Verhoeven war es ein Versehen, Rose würde jede Möglichkeit zeigen wollen. Für alle drei war aber klar: man darf sich nicht auf eine historische Variante festlegen.

ARD-alpha hat die Diskussion aufgezeichnet. Sie können das Filmgespräch am See in der Denkzeit nachsehen (Mediathek des Bayerischen Rundfunks).


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