China und die islamische Welt

Asien-Akademie nimmt wirtschaftliche, sicherheitspolitische und gesellschaftliche Verbindungen in den Blick

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 01.12.2015

Von: Corinna Korn

# Asien / Arabische-Welt / Iran / China

Prof. Dr. Markus Taube

Prof. Dr. Markus Taube sprach über chinesische Wirtschaftspolitik. (Foto: Korn)

Zwischen China und der islamischen Welt bestehen intensive kulturhistorische Verbindungen. Besonders arabische und persische Händler pflegten diese Verbindungen und verfestigten sie so über Jahrhunderte. Heute wird viel spekuliert: Welche Bedeutung hat die arabische und islamische Welt des Mittleren Ostens für China? Gibt es eine chinesische Mittelost-Politik oder geht es nur um Öl und Gas?

Unter Leitung von Dr. Saskia Hieber nahmen Teilnehmer der Asien-Akademie diese Fragen genauer unter die Lupe und  beschäftigten sich nicht nur mit sicherheits- und wirtschaftspolitischen Themen in China, Iran und den Golfmonarchien, sondern auch mit gesellschaftspolitischen und religionswissenschaftlichen Bereichen wie der Terrorismusproblematik. An praktischen Beispielen wurde dabei deutlich, was Prof. Dr. Claudia Derichs von der Universität Marburg gleich zu Beginn veranschaulichte: dass auch heute noch vielfältige Verbindungen zwischen Ostasien und der islamischen Welt bestehen, die Handelsbeziehungen, Tourismus, sicherheitspolitische Fragen und vieles mehr umfassen und so auch das Alltagsleben der Menschen durchdringen.

Chinas Wirtschaft vor dem Absturz?

Prof. Dr. Markus Taube von der Universität Duisburg-Essen zeigte auf, welche Rolle die Länder des Mittleren Ostens im Prozess der Neuorientierung der chinesischen Wirtschaft spielen. Ein kleiner werdender Arbeitskräftepool, irrationale Investitionstätigkeiten, ein Ende des nachholenden Wachstums und eine exzessive Übernutzung der Natur zwingen die größte Volkswirtschaft der Erde derzeit zu einem Umdenken. „Das alte Entwicklungsparadigma Chinas, das auf dem Adaptieren von Innovation basierte, funktioniert so nicht mehr“, meint Taube.  Stattdessen müsse sich das Land auf neue Formen der Wachstumsgenerierung einstellen, welche die chinesische Wirtschaft langsamer und nachhaltiger wachsen lassen – von einem Absturz könne jedoch keine Rede sein.

Die Staaten des Mittleren Ostens, so meint Taube, könnten China diesen Übergang möglicherweise erleichtern. Da Produktionsprozesse in China für viele Industrien zu teuer geworden sind, werden ganze Geschäftsmodelle exportiert. Zwar können Wissenschaftler bislang nur einen moderaten Anstieg chinesischer Investitionen im Mittleren Osten beobachten, diese erfolgen jedoch sehr zielgerichtet. Vor allem Bereiche mit hohen Folgeaufträgen seien betroffen, die als ‚Andockstellen‘ für chinesische Unternehmen fungieren können. Als wichtigstes Zielland identifizierte Taube den Iran, in dessen Hauptstadt Teheran chinesische Unternehmen derzeit beispielsweise eine neue U-Bahn bauen: „Im Iran kam es infolge westlicher Sanktionen zu einem Investitionsstau. China ist am ehesten bereit und in der Lage, das sich öffnende Zeitfenster zu nutzen und diesen Markt zu erschließen.“

Die „Neue Seidenstraße“ als ökonomische und geostrategische Initiative

In Zusammenhang mit den nötigen Veränderungen in der chinesischen Wirtschaftspolitik steht auch eine Initiative, die im Laufe der Tagung gleich mehrfach zur Sprache kam: die „Neue Seidenstraße“. Dieser Wirtschaftskorridor soll China auf dem Land- und auf dem Seeweg mit Europa verbinden. Hierbei handelt es sich, meint Taube, um ein Konzept, eine von China beeinflusste Wirtschaftsgemeinschaft zu starten. Der Mittlere Osten ist dabei signifikant involviert: „Diese Länder sind nicht mehr nur noch Rohstofflieferanten, sondern eine zentrale Region, in der China Stabilität braucht.“

Somit wird China in Zukunft wohl verstärkt als neuer Player im Mittleren Osten auftreten – eine Meinung, die auch Dr. Dr. Nele Noesselt vom Hamburger GIGA Institut für Asienkunde vertrat, die über Chinas außenpolitische Grundlagen referierte: „Chinas außenpolitischer Anspruch ist historisch gewachsen und basiert auf friedlichem Aufstieg und wechselseitigem Respekt.“ China erhebe keinen Anspruch auf eine weltweite Führungsrolle und lehne Interventionen ab. Dennoch kommt es laut Noesselt immer öfter zu Widersprüchen zwischen diesen Prinzipien und dem eigentlichen Handeln der Volksrepublik. Da chinesische Unternehmer mittlerweile weltweit tätig sind, soll auch der Schutz der eigenen Staatsbürger weltweit sichergestellt werden – was auch den Islamischen Staat mehr und mehr in den Fokus chinesischer Debatten rückt. "China verfügt heute über eine moderne und global ausgerichtete Außenpolitik mit Lösungsmodellen, die sich oftmals vom Westen distanzieren", sagt Noesselt. Denn die Volksrepublik füllt Lücken in Regionen, in denen sich der Westen zurückzieht. Projekte wie die neue Seidenstraße und der Export von Wirtschaftskonzepten sollen dazu beitragen, chinesische Standards zu den Standards der gesamten Region zu machen.

Die Asien-Akademie fand in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) statt.


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