Armut in Deutschland

Verbreitung, Wachstum und Auswirkung eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 17.03.2015

Von: Carina Schmotz und Simone Rehm

# Gesellschaftlicher-Wandel / Tolerante-Gesellschaft / Integration / Sozialstaat / Arbeitsmarkt

Armut in Deutschland

Tagungsleiter Michael Spieker (links) mit den Referenten Michael David und Anne Lenze

Was ist Armut? Und ab wann ist man arm? Schon die Wahrnehmung des Phänomens führt zu Streit. Zuletzt wurde dies nach der Veröffentlichung des 4. Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung deutlich. Gibt es die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich, und welche politischen Herausforderungen gehen damit einher? Mit dem Thema Armut beschäftigt sich auch die Akademie für Politische Bildung und klärt in Kooperation mit Experten aus verschiedenen Fachgebieten über die tatsächliche Verbreitung und die Gründe von Armut auf.

Armut ist relativ

"Die meisten Armen sind keine verelendeten Gestalten", stellte Michael David vom Zentrum für Migration und Soziales des Bundesverbandes der Diakonie Deutschland klar. Stattdessen charakterisierte er Armut als „relativ normales Phänomen“. Wer weniger als 60 Prozent unter dem Medianeinkommen zum Leben hat, gilt als armutsgefährdet. Dies trifft auf 16,1 Prozent der Deutschen zu. Jedoch könne weder klar definiert werden, wer als arm gelte, noch könne eine Erhebung das Vorkommen von Armut genau abbilden. Es kann beispielsweise zwischen relativer und absoluter Armut unterschieden werden, genauso wie es Erhebungen gibt, die ergeben, dass sogar 20,3 Prozent der deutschen Bevölkerung an erheblicher materieller Entbehrung leiden. Stereotype verlieren an Bedeutung, wenn man sich vor Augen hält, dass Armut einen solch großen Teil der Deutschen betrifft.

Gründe sind vielfältig

Oftmals führen Lebensumbrüche in die Armut. Ein Jobverlust stellt das Hauptrisiko dar. Krankheit und Trennung gelten ebenfalls als heikle Situationen. Alleinerziehende sind doppelt so hoch gefährdet, zu verarmen. Genauso wie Bürger, die als "ausländisch" wahrgenommen werden, etwa auf Grund ihres Aussehens oder ihres Namens, meint David. Und ob der Weg aus der Armut gelingen kann, ist hauptsächlich an die soziale Infrastruktur geknüpft. Die Chance, der Armut zu entfliehen, ist in reichen Kommunen größer als in sozialen Brennpunkten.

Die Politik vergrößert den Kreis der Hartz-IV-Empfänger, denn auch Maßnahmen wie die Erhöhung des Renteneintrittsalters und die gleichzeitige Senkung des Rentenniveaus sind Gründe für Armut. "Es ist inzwischen kein Zustand, in dem sich nur wenige Außenseiter befinden", so Prof. Dr. Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt. Sie sieht in Hartz IV weniger die Entscheidung der Politik ein menschenwürdiges Existenzminimum zu gewährleisten, als einen Akzeptanzlohn zu schaffen, der angibt, bei welchem Lohnniveau die Bereitschaft besteht Arbeit aufzunehmen. Nach Litauen hat Deutschland den größten Niedriglohnsektor der EU. 19,5 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten beziehen Niedriglöhne.

Spaltungspotential in der Bevölkerung

Obwohl bei der Familiensicherung Regelsätze aufsummiert werden (und so der Anreiz sich in den Niedriglohnsektor zu begeben, geringer sein müsste), gibt es bei Familien einen hohen Prozentsatz an sogenannten Aufstockern. Prof. Dr. Helga Spindler informierte über die Situation und Probleme von armen Familien, deren Dunkelziffer sehr hoch sei. Dies kann mehrere Gründe haben. Zum einen herrscht Unwissen über Unterstützungsmöglichkeiten, oder die Angst vor Stigmatisierung ist zu groß. Auch der Weg zur Unterstützung kann ein Hindernis darstellen, wie im Falle des Kinderzuschlags für Erwerbstätige, den Spindler als „technisches Konstrukt, das Bürokratiemonster für alle ist“ bezeichnete. Generell sieht Spindler ein tiefes Spaltungspotential der Gesellschaft. Gerade denen, die nahe am Regelsatz leben, fehlt oft die Akzeptanz für Menschen, die Sozialhilfe beziehen. Auch eine Abwertung von nicht bzw. nicht voll arbeitenden Elternteilen ist eine Folge solchen Denkens.

Theologe Prof. Dr. Matthias Möhring Hesse philosophierte über den normativen Gehalt, den schon der bloße Begriff der Armut beinhaltet. Jedoch wird der Begriff zunehmend als Form der gesellschaftlichen Ausgrenzung verstanden und nicht mehr nur als Situation des „zu wenig“. Eine Problematik der Armut ist diese Exklusion aus der Gesellschaft: "Man ist zwar ein Teil der deutschen Gesellschaft, aber gehört dennoch nicht vollständig dazu.“ Auch die Politiken, die auf Inklusion abzielen, wie die Aktivierungspolitik, bergen Gefahren, die zur noch stärken Ausgrenzung führen können, anstatt automatisch zum Ziel der Inklusion.

Armut als gesellschaftliches Thema

Wie Armut in den „Flaggschiffen des medialen Systems“ reflektiert wird, untersuchte Dr. Wolfgang Storz, ehemaliger Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Er analysierte 974 Texte von 2008 bis 2012 zum Themenkomplex Armut und Reichtum in SZ, FAZ, Spiegel und ZEIT. Auffällig war, dass der "Blinde Fleck" des Journalismus der Reichtum sei und als eigenständiges Thema nicht in den Zeitungen existiere, sondern nur im Zusammenhang mit Armut. "Die Allzeitlösung der Zeitungen für Bedürftige ist immer: Bildung und Arbeit. Die Ursachen für Armut lassen sich in Fehlverhalten der Betroffenen, der Globalisierung und der ungerechten Politik zusammenfassen", so der Kommunikationsexperte. Das Resümee von vier Jahren Analyse ist, dass Armut medial nicht prominent ist und wenn erwähnt, sich hauptsächlich durch "Schubladendenken" auszeichnet.

Dass Armut nicht nur monetär sein kann, darauf legten Joachim Unterländer, MdL (CSU) und Johanna Rumschöttel, Altlandrätin (SPD), bei einem abschließenden Gespräch mit den Tagungsteilnehmern Wert. Sie spannten den Bogen zu aktuellen Entwicklungen in Bayern und konkreten Projekten zur Armutsbekämpfung.


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