Jugendarbeitslosigkeit und Frühverrentung

Arbeitsmarktpolitische Herausforderungen in Deutschland und Europa

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 17.04.2015

Von: Miriam Zerbel

# EU-Binnenmarkt / Sozialstaat / Soziale-Marktwirtschaft / Arbeitsmarkt

Länger arbeiten oder erst gar keine Ausbildung bekommen? Darüber diskutierten (v.l.) Dr. Ulrich Walwei IAB, Dr. Wolfgang Quaisser APB und Professor Jürgen Jerger IOS

Robust, so bezeichnet die Bundesagentur für Arbeit aktuell die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Auch in diesem Jahr rechnet die Agentur mit sinkenden Erwerbslosenzahlen. Und selbst die Jugendarbeitslosigkeit ist zumindest in Deutschland eigentlich kein Thema:  die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen ist so niedrig wie schon lange nicht mehr, die Zahl der Erwerbstätigen so hoch wie nie zuvor.  Und doch verbergen sich unter der relativ guten Oberfläche Prozesse, die Experten Sorgen machen. 

In Kooperation mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung  (IAB) in Nürnberg und dem Institut für Ost- und Südosteuropaforschung  (IOS) in Regensburg diskutierten Wirtschaftswissenschaftler in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing  Herausforderungen durch Jugendarbeitslosigkeit und Frühverrentung. Dabei warnte  Dr. Hans Dietrich vom IAB, die Übergänge in Ausbildung und Beruf seien schwieriger als früher und verwies auf folgende Fakten: Demnach verlassen 5 bis 8 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss. Der wirtschaftliche Wandel sowie der technische Fortschritt wiederum reduzieren die Beschäftigungsmöglichkeiten nicht  formal Qualifizierter. Zudem bleiben in dieser Gruppe stabile Erwerbsverläufe eher die Ausnahme, die Zahl befristeter Beschäftigungsverhältnisse und das Risiko, arbeitslos zu werden, ist dagegen mit rund 30 Prozent recht hoch. Ferner sind mit niedrig qualifizierten Beschäftigungen auch niedrige Einkommen verbunden.

Mit Blick auf den Ausbildungsmarkt stellte Dietrich fest, dass mit einer steigenden Zahl von unbesetzten Ausbildungsplätzen auch ein Anstieg in der Zahl nicht versorgter Bewerber einhergeht. Im europaweiten Vergleich allerdings ist die Erwerbstätigkeit deutscher Jugendlicher, die jünger als 25 Jahre sind, erstaunlich hoch. Ebenso untypisch ist die Relation der Jugendarbeitslosenquote zur Erwachsenenquote. Während sie in Deutschland fast identisch ist, haben Jugendliche im restlichen Europa ein nahezu doppelt so hohes Risiko ihren Job zu verlieren wie Erwachsene. Dennoch: „Wenn der Konjunkturverlauf bei uns umschwenkt“, so Dietrich, „dann kommen die Probleme.“

Eine Rolle spielt selbst bei jungen Leuten die Gesundheit. Rund zehn Prozent der arbeitslosen Jugendlichen litten unter erheblichen seelischen Belastungen, konstatiert der IAB-Forscher. Häufig würden diese Probleme zu spät erkannt, was zu Schwierigkeiten führe, in Beschäftigung zu kommen.  Der Knackpunkt für die jungen Leute, ganz gleich ob mit oder ohne seelische Erkrankungen, sei es, überhaupt an einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Sobald sie das geschafft hätten, stiegen ihre Chancen, sagte Dietrich, denn dann förderten die Betriebe ihre Auszubildenden.

Gesundheit  Älterer fördern

Die Beschäftigungssituation älterer Erwerbstätiger stellt sich dagegen ganz anders und insgesamt ungünstiger dar als die jüngerer Leute, sagte Dr. Ulrich Walwei, stellvertretender Direktor des IAB . Er beleuchtete die andere Seite des Arbeitsmarkts, den Übergang in die Rente. Walwei stellte fest: Durch die demographische Entwicklung wächst zum einen der Anteil  älterer  an den Erwerbspersonen.  Für eine nachhaltige Fachkräftesicherung spielen zum anderen die Chancen älterer Beschäftigter am Arbeitsmarkt eine immer wichtigere Rolle.

„Keine andere Gruppe hat von den Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt in jüngster Zeit so stark profitiert wie die Älteren“, erklärte Walwei. Alles gut also? Nicht ganz und gar: Weil Wissenschaftler sich unter anderem dadurch auszeichnen, genauer hinzuschauen, kommt der Forscher zudem Schluss: Je älter die Personen sind, desto weniger integriert sind sie in den Arbeitsmarkt. Oder wie Walwei es auf den Punkt bringt: „Wenn ich als Älterer arbeitslos bin, dann habe ich ein Problem.“ Schon in der Gruppe der 55- bis 59-jährigen nimmt demnach der Anteil an Langzeitarbeitslosen zu.

Deshalb fordert der Wissenschaftler angesichts der demographischen Entwicklung zu weiteren Verbesserungen auf. Ansatzpunkte könnten sein: Verstärkt in den Betrieben auf die Gesundheit achten, Erfahrungswissen intelligent einsetzen sowie flexiblere Übergänge in die Rente gestalten.  Potential sieht Walwei vor allem bei Migranten und Frauen.

Erfahrungswissen nutzen

„Alte werden in Zukunft wichtiger als Junge sein, weil sie mehr sind“. Mit dieser zunächst provokativen Aussage machte Professor Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim darauf aufmerksam, wie dramatisch sich das Verhältnis von Jung und Alt in den kommenden 15 Jahren verändern wird. 

Ängste vor einer Automatisierung der Berufe teilt Bonin nicht. Lediglich Tätigkeiten, nicht Berufe seien automatisierbar.  Allerdings veränderten neue Technologien auch die Arbeitsplätze und stellten neue Anforderungen. An die Arbeitgeber appellierte Bonin, das Erfahrungswissen der älteren Generation als Gegenpol zu den Nachwuchskräften zu nutzen. Die Arbeitnehmer rief er dazu auf, mobil und flexibel zu bleiben.

„Demographie ist kein Tsunami“

Auch Professor Axel Börsch-Supan, einer der führenden deutschen Arbeitsmarktforscher, beschäftigte sich mit der Frage: Wie lange arbeiten wir? – Rente mit Arbeit? In der demographischen Entwicklung sieht der Direktor des Munich Center for the Economics of Aging weniger einen Tsunami oder eine ökonomische Herausforderung: „Das Problem sind die zeitinkonsistenten Verhaltensweisen der Politik, ähnlich wie beim Klimawandel.“

Um die Beschäftigungsquote zu erhöhen, verwies Börsch-Supan auf die positiven Erfahrungen in Dänemark und kritisierte zugleich, dass von der Rente mit 63 in Deutschland lediglich die Geburtsjahrgänge von 1953 bis 1964 profitierten. Seine Forderung: ein flexibles Rentenalter, das aber finanziell nicht so unattraktiv sein dürfe wie die aktuellen Teil- oder Frühverrentungsmodelle. 

Schließlich räumte Börsch-Supan noch mit einigen Mythen im Zusammenhang mit den Reformen auf. Die Behauptung `Die Alten nehmen den Jungen die Jobs weg´, sei in einer Volkswirtschaft logisch nicht haltbar. Ebenso wie die Annahme, Ältere seien nicht so produktiv. Mit zunehmendem Alter nehme zwar die Zahl der Fehler zu, aber deren Schwere ab, im Gegensatz zur Produktivität jüngerer Beschäftigter. Ferner blieben länger Arbeitende in ihren Gedächtnisleistungen fitter.

Wie die Wirtschaft bereits das Potential eines globalisierten Arbeitsmarktes nutzt, erklärte Valerie Holsboer, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Systemgastronomie. In dieser Branche arbeiten seit Jahrzehnten über 100 Nationen im Team zusammen. In der Integration lägen enorme Chancen. Die Integrationskompetenz der Systemgastronomie komme aktuell insbesondere auch bei der Beschäftigung von Asylbewerbern und Geduldeten zu Gute.


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