Protest und Populismus

Gesellschaften im Wandel des 20. Jahrhunderts

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 22.10.2014

Von: Beryll Kunert und Sebastian Haas

# Demokratiegeschichte / Partizipation / Propaganda / Politische-Bildung

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Sagt Ihnen diese Form von Protest noch etwas? Bilder aus Wackersdorf, Ende der 1980er-Jahre (Quelle: Oliver M. Gruer-Lavin/Wikimedia Commons).

Welchen Unterschied gibt es zwischen Protest und Populismus? Sind sich die Bewegungen ähnlich? Zumindest setzen sich beide mit gesellschaftlichen Umbrüchen und Modernisierung auseinander, antworten aber unterschiedlich. Die Akademie für Politische Bildung Tutzing hat gemeinsam mit der Universität Mannheim zu einer epochal, geografisch und disziplinär übergreifenden Tagung zu Geschichte und Gegenwart von Protest eingeladen.

Der Mannheimer Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte Philipp Gassert fasste zu Beginn die Gemeinsamkeiten zwischen sozialen (also Protest-) und populistischen Bewegungen zusammen: beide widersprechen dem gesellschaftlichen oder politischen status quo und wollen einen sozialen Wandel herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen; beiden geht es um Partizipation, wenn sie auch verschiedene Wege dorthin einschlagen; beide protestieren gegen Eliten und intransparente Machtstrukturen. Marcus Gräser (Institutsvorstand für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Linz) beschrieb den Agrarpopulismus in den USA um 1900 als Bewegung ohne institutionelle Folgen, die mit ihrer Führungsfigur William J. Bryan lediglich über zwei Jahrzehnte politisch einflussreich blieb. Susanne Hertrampf (Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung) skizzierte die Anfänge des Frauenprotests im Deutschen Kaiserreich und dessen teils internationale Vernetzung.

Personen, Emotionen, Anti-Haltung

Dietmar Hüser von der Universität des Saarlandes sprach zu Pierre Poujade, der in den 1950er-Jahren in Frankreich die Partei der Poujadisten durch seine kernigen Reden und Tabubrüche zum Wahlerfolg führte. Genau wie heute Jean-Marie Le Pen, der sich selbst in der Tradition der Poujadisten sieht, bediente sich Poujade populistischer Methoden und Rhetorik. Die Charakteristika einer populistischen Bewegung seien vor allem eine Anti-Haltung und die Personalisierung und Emotionalisierung der Politik. Markus Kienscherf (FU Berlin) sieht Populismus vor allem als Prozess von institutionellen Akteuren oder von Akteuren außerhalb des politischen Systems. Populistische Revolten und soziale Bewegungen in den USA seit 1968 beschrieb er als Repressiven Populismus. Repressive Mobilisierung zeichne sich durch eine Fixierung auf die Arbeiterschaft, die Dämonisierung der Eliten und des Staates, Verschwörungstheorien und apokalyptische Voraussagen aus.

Populismus als Geschäftsmodell

Einen Sonderfall stellt nach Ansicht von Reinhild Kreis (Universität Mannheim) die Protestkultur der 1970er- und 1980er-Jahre in Deutschland dar. Denn trotz stetiger Zunahme des Protests kamen die Bewegungen mit ihren verschiedenen Anliegen hierzulande fast gänzlich ohne Populismus aus. Im Gegensatz dazu beschäftigte sich Stefan Köppl mit einem der größten Populisten unserer Zeit: Silvio Berlusconi. Dieser betreibe Populismus als Geschäftsmodell und inszeniere sich gleichzeitig als Opfer des Staates. Das Beispiel Italien zeige, dass eine charismatische Führungskraft für populistische Bewegungen wichtig ist. Begonnen bei Umberto Bossi sei Beppe Grillo nur der letzte Auswuchs dieses Phänomens. Außerdem sei die Aktion der Mani pulite zu Beginn der 1990er-Jahre durch die große mediale Inszenierung eine Art "Anti-Populismus-Populismus" gewesen.

Michael Schoenhals und Falk Bomsdorf berichteten beide aus reicher persönlicher Erfahrung von verschiedenen Protestkulturen im Ausland. Schoenhals (Universität Lund) zog Parallelen zwischen den Protestbewegungen in China und der DDR: beide hätten zu deren Unterdrückung vor allem auf ihren Stab Inoffizieller Mitarbeiter gesetzt. Zum Abschluss gab der ehemalige Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung Moskau, Falk Bomsdorf, tiefe Einblicke in die russische Kultur und Politik. Er kritisierte hierbei vor allem das staatlich gelenkte russische Fernsehen als einzige Informationsquelle für die Bürger.


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