„Komm, Freund, ins Offene“

Politische Bildung in der digitalen Wissensgesellschaft

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 29.06.2014

Von: Sebastian Haas und Dan Prume

# Bildung / Medienwandel

Schillling-Münch-Schröder

Thorsten Schilling von der Bundeszentrale für politische Bildung und Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, eröffneten unsere Tagung "Politische Bildung in der digitalen Wissensgesellschaft" mit skeptischen und vor allem anregenden Vorträgen. Rechts im Bild unser Tagungsleiter Dr. Michael Schröder (Foto: Haas).

Einen Bericht über die politische Bildung in der digitalen Wissensgesellschaft mit Hölderlin zu überschreiben, ist mutig. Mutig ist auch, dass sich in der Akademie für Politische Bildung Tutzing eine engagierte Gruppe politischer Bildner trifft, um die Konsequenzen des digitalen Wandels für die politische Bildung zu diskutieren.

Es wäre ja schließlich einfach, die Botschaften einer Akademie für Politische Bildung weiter lediglich vom Podium herab, per Print und Presse verteilt an die Nutzer zu bringen. Doch die revolutionären Umwälzungen der Kommunikation durch die Partizipationsmöglichkeiten des Web 2.0 haben natürlich Konsequenzen für Inhalte, Methoden und Formate der politischen Bildung. Wie verändern digitale Medien das Lernen? Erleichtern sie den Zugang zu Veranstaltungen und erhöhen damit die Bereitschaft zur Partizipation? Was müssen wir tun, um mit unseren Inhalten weiter ernst genommen zu werden? Das haben sich Experten aus der ganzen Bildungsrepublik vom 27.-29. Juni 2014 an der Akademie gefragt.

Die digitale Gefahr

Wer Thorsten Schilling, Fachbereichsleiter Multimedia bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zuhört, dem läuft es zunächst kalt den Rücken herab: die digitale Eiszeit ist angebrochen, das Vertrauen in den freiheitlichen Fortschritt des World Wide Web zerstört, das Internet ein autoritäres System der Desinformation durch Internetriesen und Geheimdienste, permanente Überwachung, institutionalisierte Paranoia, Selbstbestimmung lediglich eine Folge von Gnadenakten – fast wie früher in der DDR. Und doch ist die digitale Kultur effizient, transparent, innovativ, wissenschaftsnah, sozial, unendlich und begeisternd. Was kann helfen, diesen Gegensatz zu überwinden? Thorsten Schilling hat ein paar Anregungen parat:

  • Deutlich machen, dass der Einzelne auch online der Souverän seiner Selbst sein muss.
  • Das Grundgesetz lesen, dieses „höchst subversive Dokument“, das „vor dem Zuschlagen der großen Mächte“ schützen kann.
  • Radikale Subsidiarität und Gewaltenteilung im Internet, politisch denkende Naturwissenschaften sowie Open-Source-Lösungen – oder anders gesagt: die Technik muss sich wieder an einer politisch denkenden Gesellschaft orientieren.

Der Ruf nach der Feuerwehr

Auch Akademiedirektorin Prof. Dr. Ursula Münch erkennt große Bewährungsproben für die politische Bildung. (Rechts-)Extremisten und Populisten dominieren beispielsweise die politische Diskussion in Frankreich; den deutschen Behörden – wenn nicht sogar der ganzen Gesellschaft – kann spätestens seit den Taten des NSU der Vorwurf gemacht werden auf dem rechten Auge blind zu sein; dazu kommt, dass die politischen Repräsentanten vermehrt als inkompetent, überfordert, unglaubwürdig, eigennützig und ohnmächtig wahrgenommen werden. Was also tun, damit sich die Bevölkerung nicht gänzlich von der Politik abwendet? Die Angebote der politischen Bildung der zunehmend fragmentierten Gesellschaft anpassen und dieser deutlich machen, dass nicht anonyme Strukturen das politische Leben bestimmen, sondern noch immer eigene Entscheidungen.

Siegfried Schiele, der 28 Jahre lang die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg geleitet hat, referierte zur Geschichte der Landeszentralen und der immerwährenden Auseinandersetzung um und mit Institutionen, Ressourcen und politischen Interessen. Der Direktor der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Harald Parigger, nahm vor allem die Schulen in den Fokus: in fächerübergreifendem, projektbezogenen Unterricht liegt seiner Meinung nach die (einzige?) Chance, mit nur einer Oberstufen-Stunde Sozialkunde eine fundierte Basis zur Einübung demokratischen Denkens zu schaffen. „Pubertierenden Jugendlichen können Sie die Werte des Grundgesetzes jedenfalls nicht mit einem halbstündigen Referat vermitteln“, sagte Parigger. Er denkt an Simulation, Debatte, Mentoring, Besuche von Gremiensitzungen – und all das ergänzt durch das Werkzeug (nicht Spielzeug!) digitaler Angebote. Siegfried Schiele stimmt zu, schränkt aber ein: „Die in den Landesverfassungen garantierte Mindestausstattung an Staatsbürgerkunde ist nicht gewährleistet.“

Nachdem Boris Brokmeier vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (dem auch die Akademie für Politische Bildung Tutzing angehört) das Projekt Blended Learning Democracy vorgestellt hatte, zeigte die freie Kommunikationstrainerin Ute Demuth auf, wie Social Media als Inhalt und Methode der politischen Bildung funktionieren kann. Demuth warnte vor der Vorstellung, auf Plattformen wie Facebook neue Teilnehmer für Bildungsveranstaltungen rekrutieren zu können – zumindest aber erreicht man Personen, die im wahren Leben keine Tagungsräume betreten. Die digitalen Medien sind, meint Demuth, „ein Glücksfall für die politische Bildungsarbeit“. Denn durch die Vernetzung in der digitalen Welt sei Partizipation auch über den Seminarraum hinaus möglich. Doch warnte die Berlinerin, das es zum Beispiel unverantwortlich sei, Schüler auf Facebook zu locken („das Internet ist zur Zeit ein grundrechtsfreier Raum“). Schulen könnten aber alternative Plattformen schaffen, eigene Server nutzen und somit im deutschen Rechtsraum agieren.

Prof. Manuela Pietraß, Dekanin an der Universität der Bundeswehr München, stellte sich in ihrem Vortrag den Herausforderungen für die Medienpädagogik im digitalen Zeitalter. Die Medienwissenschaftlerin präsentierte eine Theorie, die drei Ordnungswelten vorsieht: Tatsachen, Beschreibungen – und Simulationen. In Letzterer bewegen wir – statt uns selbst – Avatare als Netzidentität durch das Web. Eine Gefahr dieser dritten Ordnungswelt liegt in der Gleichsetzung der Virtualität mit Fiktion, wie bei sogenannten Facebook-Partys oder Cybermobbing. Die Medienpädagogik als Teil der politischen Bildung muss daher alle drei Ordnungswelten in die Medienerziehung einbeziehen.

Was sich das Fernsehen von YouTube abschaut

Thomas Neuschwander vom Bayerischen Rundfunk skizzierte die Entwicklung vom Bildungsprogramm „Telekolleg“ über „BR alpha“ bis zum Projekt GR!PS des nun umbenannten ARD-alpha. Er sagte, dass der eindimensionale Frontalunterricht des Telekolleg aus den 1970er Jahren nicht ausreiche, um die Kinder und Jugendlichen zu erreichen. Heute orientiere man sich vermehrt an erfolgreichen YouTube-Kanälen, also: der gewünschten Zielgruppe auf Augenhöhe begegnen, Videos von höchstens drei Minuten Dauer, kleine vernetzbare Einheiten – und Joint Ventures für qualitativ hochwertige Produkte.

Unsere Tagung Politische Bildung in der digitalen Wissensgesellschaft ist eine Veranstaltung im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2014: Die digitale Gesellschaft.

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Dr. Michael Schröder
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