Das macht die Macht mit uns

Formen, Figuren und Obsessionen eines gesellschaftlichen Konstrukts

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 21.09.2014

Von: Barbara Freymüller und Sebastian Haas

# Theorie / Ethik-und-Journalismus / Propaganda / Politische-Philosophie / Religion-und-Politik / Ethik-und-Politik

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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Macht. Wer sie hat, braucht keine Kompromisse einzugehen. Wer im Banne der Macht anders denken und leben will, dem droht im harmlosesten Falle nur der Liebesentzug. Ist Macht immer „böse an sich“, wie Burckhardt behauptet hat, oder ist sie nötig, um Ideen, Wissen und Herrschaftsinstrumente zu ordnen? Auf Einladung der Akademie für Politische Bildung Tutzing und der Evangelischen Akademie Tutzing haben Wissenschaftler, Journalisten und Künstler, Manager, Psychoanalytiker und mehr als 100 Gäste darüber diskutiert, was Macht ist und wer sie woher und wozu hat.

Professor Otfried Höffe (Eberhard Karls Universität Tübingen) thematisierte in seinem Vortrag die „Macht des Verborgenen – Das Geheimnis in der Demokratie“. Geheimhaltung widerspricht seiner Meinung nach der offen konstituierten Demokratie. In Bezug auf die aktive Politik seien Kategorien wie Vertraulichkeit und Ehrlichkeit zentral, sie sind notwendig für Vertrauen in die politisch Handelnden. Denn sobald ein Politiker – aufgrund privater oder beruflicher Unehrlichkeit – seine Glaubwürdigkeit verloren hat, erleidet er einen Vertrauensverlust und die Wiederwahl steht auf dem Spiel. Diese Bedeutung der Ehrlichkeit erkannte bereits Immanuel Kant, indem er sie als „unumgängliche Maxime der Politik“ beschrieb. Da die Bürger oft schon das Vertrauen in die Politiker verloren hätten, fragte sich Höffe, ob Politiker von vornherein Falschaussagen machen dürften.

Eine weitere Kernfrage des Tübinger Philosophen: Wie viel Transparenz verlangt und wie viel Diskretion benötigt die Demokratie? Einerseits setzt Demokratie ein gewisses Maß an Offenheit und Wahrheit voraus, andererseits sei Transparenz kein Selbstzweck, sondern müsse dem Gemeinwohl dienlich sein. Macht in der Politik liegt demnach in strategischem Handeln und auch der Geheimhaltung. Dem mündigen Bürger jedoch ist man die Wahrheit schuldig - wohl aber nicht in politischen Reden, die Höffe mit Duftkerzen vergleicht, die ebenso zur Vernebelung sowie Versüßung der Umwelt beitragen.

Die Macht Gottes

Der Theologe Prof. Rolf Schieder verabschiedete sich von weltlichen Formen der Macht und Verführung und näherte sich der Macht innerhalb verschiedener Gottes-Verständnisse. Denn die Trinitätslehre rückt die Beziehung in den Mittelpunkt, das Machtverhältnis lasse sich als ein Verhältnis freier Menschen mit Gott verstehen. Im Gebet werden sich die Menschen der Macht Gottes bewusst, weshalb dies die ehrlichste Kommunikationsform sei und eine Konfrontation mit der Macht Gottes ermögliche. Schieder stellte zudem eine Ähnlichkeit zwischen Gott und Geld fest, da die Macht beider erst im kommunikativen Vollzug und im Glauben daran existent wird.

Die großen Theoretiker der Macht

Arendt, Godin, Habermas, Hegel, Hobbes, Hume, Mill, Montesquieu, Smith, Weber – das sind nur zehn von hunderten politischen Denkern, die sich seit Jahrhunderten mit den Formen der Macht im Staat auseinandergesetzt haben. Professor Dirk Lüddecke (Universität der Bundeswehr München) erklärte deren Sicht auf die staatliche Gewalt. So ist vom geradezu allmächtigen Staat der frühen Neuzeit, dem Leviathan, der Militär, Recht, Wirtschaft und öffentliche Meinung bestimmte, nicht mehr viel geblieben. Heute bestimmen scheinbar die Verwicklungen der internationalen Politik und die globalisierte Weltwirtschaft, wo die Grenzen staatlichen Handelns liegen.

Andere Perspektiven auf den Machtbegriff bieten Niklas Luhmann und Michel Foucault, frei nach dem Motto: „Wenn Macht immer nur unterdrückend wäre, würde ihr dann gehorcht werden?“ Macht ist demnach eine soziale Konstruktion, auf die wir uns selbst einlassen, und die nicht ausgeübt werden muss – wie Professor Karsten Fischer (LMU München) erklärte. Sie formt Wissen, stößt einen Diskurs an und sorgt dafür, dass wir eine private Altersvorsorge abschließen, weil Demografen und Politiker auf den gesellschaftlichen Wandel hinweisen, oder dass das Kind auf Anraten der Eltern eben nicht auf die Straße rennt.

Die dunkle Seite des Sports

Auf die Meisten übt der Sport eine große Faszination aus, und damit auch Macht, da die Massenmedien in diesem Bereich ihre Wächterfunktion freiwillig abgelegt zu haben scheinen. Der hoch kommerzialisierte Sport ist geradezu abgekoppelt von der kritischen Betrachtung, es dominieren Heroen, Hymnen und Fankultur. „In diese perfekte Medienwelt passt nur eines nicht hinein: die Realität“, meint Thomas Kistner, bei der Süddeutschen Zeitung zuständig für Sportpolitik. Er erinnert an Doping (Armstrong, Pep Guardiola) und Dopingverdacht (Bolt), Steuerhinterziehung (Hoeneß) und Wettbetrug, Spielmanipulation und verdeckte Absprachen. Auch die Politik sonnt sich gerne im Glanz des Erfolgs (Merkel in der Fußballer-Umkleidekabine) oder fällt in dessen Schatten unbequeme Entscheidungen (Mehrwertsteuererhöhung während des „Sommermärchens“ 2006). Wo ist die Kritik? Von einem Großteil der sogenannten Sportjournalisten, die früher selbst als aktive Sportler Teil dieses Systems waren, ist sie jedenfalls nicht zu erwarten.

Die Macht des Spiels

Dr. Jochen Wagner (Evangelische Akademie Tutzing) sprach bezüglich der Macht des Spielens von einem „Inteam/Intim-Sein“ zwischen Konkurrenz und Kooperation. Die Macht des Spielens, sei es ein Instrument, Fußball oder das Liebesspiel, liege dabei im Spielen selbst, da es um um eine intuitive, unproduktive Handlung gehe. Der homo ludens sieht im Spiel einerseits eine Motivation und einen sozialen Sinn, andererseits die Verletzlichkeit des Körpers und das Scheitern. Nach Wagner versöhnt das Spiel den Menschen in sich, befriedigt sein Bedürfnis und nährt die Lebenslust. Rainer Karlitschek, Dramaturg an der Bayerischen Staatsoper, erläuterte die Macht der Gefühle in der Oper. Musik besitze eine charismatische Macht, eine affektive Kraft, die den Worten Elemente des Gefühls hinzufüge – bereits Orpheus betörte mit der Musik die Götter der Unterwelt. Häufig greift die Oper das Thema Macht oder Machtmissbrauch (La Traviata) selbst auf, bei Verdi beispielsweise werden auch die Rezipienten zu einem bestimmten Handeln verführt. „Die Emotion ist somit ein Killerinstrument“, resümiert Karlitschek. 

Die Macht des Mannes, gerade in der Wirtschaft

Dass Macht im wahrsten Sinne des Wortes in den Schoß fallen kann, zeigt das Beispiel des Mannes, der noch bis vor kurzem geradezu willkürlich Macht über alles Weibliche ausüben konnte. Professorin Christina von Braun (Humboldt-Universität Berlin) beschrieb, dass – vereinfacht gesagt – die Entwicklung des Alphabets und des Geldes dafür sorgte, den sexuell potenten Mann zu zähmen und ihm über Jahrtausende die Rolle des geistig Mächtigen zuzuweisen. Heute ist die männliche Dominanz eigentlich nur noch in der Weltwirtschaft ungebrochen. Und so war es natürlich ein Mann (Professor Meinhard Miegel vom Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung) der die Machtmechanismen der Wirtschaft mit denen der Politik, Religion und Gesellschaft verglich. Die Beraterinnen Dorothea Assig und Dorothee Echter beschäftigen sich seit Jahren mit Codes, Ritualen und Mechanismen im internationalen Topmanagement. In mehreren Punkten beschrieben sie, was Erfolg, Einfluss und Reputation ausmacht.

  • Zunächst ist Macht im Topmanagement von außen undurchschaubar, weil Strukturen und Regeln undurchschaubar sind
  • Ein Aufstieg ist immer begründet in der inneren Ambition, und nicht in übertriebenem Ehrgeiz („Macht wird nicht erkämpft, sondern gewährt und entzogen“)
  • Nicht unbedingt die beste Leistung entscheidet über das Ansehen, sondern die Art und Weise, wie darüber gesprochen wird – und wie man sich selbst kommuniziert
  • Interessant für andere wird erst, wer freundlich, großzügig, dankbar und wertschätzend ist („wer sich Anerkennung wünscht, muss Anerkennung geben“)

Die Macht des schönen Scheins

Glamour, Luxus und Schönheit ziehen uns an – darüber referierte die Autorin, Fashion- und Lifestyle-Beraterin Katrin Riebartsch. Die Menschen sind fasziniert von Schönheit und Vollkommenheit (bei Platon: das Wahre und Gute). In der westlichen Gesellschaft besitzen sowohl Schönheit (Ebenmäßigkeit, Schlankheit, Jugendlichkeit, Vitalität), Mode und Stil einen hohen Stellenwert, äußere Merkmale sind ein Symbol für soziale Zugehörigkeit und dienen zugleich der Ausgrenzung. Kleidung, Schmuck und Frisur gelten als Mittel zur Selbstdarstellung sowie nonverbalen Kommunikation. Medien navigieren uns durch den „Lifestyledschungel" und Luxusprodukte stellen dabei die Speerspitze des schönen Scheins dar. Nach Ansicht von Katrin Riebartsch besitzt der schöne Schein jedoch keine Macht, er verführt lediglich.

Die Macht des Unbewussten

Der bekannte Autor und Psychoanalytiker Dr. Wolfgang Schmidbauer verwies auf Sigmund Freud, der sich mit dem Konflikt zwischen Rationalem und Irrationalen beschäftigte. Das Ich gewinne mehr Macht und Kontrolle über das Unbewusste. Es herrsche ein Zusammenspiel zwischen Bewusstem und Unbewusstem, bei dem die Fähigkeit, sich zu disziplinieren, immer wichtiger wird und die schnellen Affekte im Unterschied zur kritischen Prüfung der Affekte gezügelt werden sollen. Die größte politische Gefahr bestehe in der Möglichkeit der Medien, an schnelle Affekte zu appellieren sowie in der Steuerungsmacht des Unbewussten, die von der politischen Führung zum Machterhalt genutzt werden könne, meint Schmidbauer. 


Weitere Informationen

Foucault-Blog der Universität Zürich

Foucault in den "Klassikern der Philosophie" (PDF)

Texte und Rezensionen zu Luhmann im Systemagazin

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