Der demografische Wandel

Kooperationstagung der Akademie mit der Studienstiftung des deutschen Volkes

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 18.09.2014

Von: Barbara Freymüller

# Gesellschaftlicher-Wandel / Integration / Sozialstaat

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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Wir werden weniger, älter und bunter. Die Bevölkerungsentwicklung hat erheblichen Einfluss auf die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage in unserem Land. Deshalb hat die Akademie für Politische Bildung Tutzing in einer Kooperationstagung mit der Studienstiftung des deutschen Volkes  die vielfältigen Wirkungszusammenhänge sowie Herausforderungen und Chancen der Bevölkerungsentwicklung unter die Lupe genommen.

Herausforderung demografischer Wandel

Die ersten beiden Tage beschäftigten sich mit den Herausforderungen des demografischen Wandels. Stephan Sievert (Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung) zeigte Entwicklungen sowie Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und Europa auf. Demzufolge soll hierzulande bis 2050 die Lebenserwartung steigen, die Bevölkerung auf 75 Millionen schrumpfen und die Migration zunehmen. Vor allem die Alterung der Gesellschaft stellt aus ökonomischer Sicht die größte Herausforderung für die sozialen Sicherungssysteme dar. Zudem werden sich nach Ansicht Sieverts Ungleichheiten in verschiedenen Raumkategorien ergeben, d.h. einerseits profitieren vor allem Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg, andererseits kann der ländliche Raum die Abwanderung nicht mehr durch mehr Geburten ausgleichen. Sievert schloss seinen Überblick mit einem internationalen Vergleich zur Bevölkerungsentwicklung. Dabei stellte er starke nationale Unterschiede fest, denn Frankreich und Spanien können ein Bevölkerungswachstum verzeichnen; Deutschland hingegen gilt gemeinsam mit Japan als das "älteste" Land.

Wandel und Bevölkerungspolitik

Prof. Dr. Stefan Bauernschuster (ifo-Institut, München/Universität Passau) gab einen Überblick über zentrale Ergebnisse der Gesamtevaluation der ehe- und familienpolitischen Leistungen in Deutschland sowie über daran anknüpfende Forschung.  Er stellte die Diagnose „Deutschland – eine Land ohne Kinder“, da die Fertilitätsrate, auch im internationalen Vergleich, sehr niedrig ist. Dies sei jedoch bemerkenswert, da Deutschland überdurchschnittlich viel, insgesamt 200 Mrd Euro, für ehe- und familienpolitische Leistungen ausgibt, so Bauernschuster. Diese Leistungen zielen auf die Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der wirtschaftlichen Stabilität von Familien, Realisierung von Kinderwünschen sowie dem Wohlergehen von Kindern. Politiker aber interessieren sich für kausale Wirkungszusammenhange und Effekte, weshalb der Wissenschaftler einige ausgewählte Ergebnisse von Evaluationen vorstellte zur Kinderbetreuung, zum Betreuungsgeld oder Kindergeld vorstellte. Bauernschusters Fazit: Maßnahmen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern, haben scheinbar in einem zweiten Schritt positive Effekte auf die Erfüllung von Kinderwünschen.

Europa auf Wanderschaft

Dr. Carola Burkert (Arbeitsgruppe "Migration und Integration" am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB), Nürnberg) rundete den zweiten Tagungstag mit dem Vortrag "Europa auf Wanderschaft - Befunde zur Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union" ab. Dabei ging sie auf mehrere arbeitsmarktrelevante Aspekte ein. Der demografische Wandel führt zu einem Fachkräftemangel und somit einer gesteigerten Nachfrage in Deutschland, weshalb die Zuwanderung einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leistet. Die Zuwanderung nach Deutschland sei in den letzten Jahren deutlich angestiegen, wobei sich Großstädte als Zuwanderungsmagnet herausstellten, so Burkert. Die Mobilität innerhalb der EU nimmt zu, da es ein deutliches Arbeitslosen-, Lohn- und Wohlstandsgefälle zwischen den einzelen europäischen Mitgliedsstaaten gibt. Die EU-Zuwanderer erfahren in Deutschland zwar eine steigende Beschäftigung, jedoch zukünftig auch einen erhöhten Leistungsbezug. Die Migranten aus Bulgarien und Rumänien konzentrierten sich auf wenige, teilweise strukturschwache Kommunen und sind zudem unter dem Qualifikations- und Lohnniveau angestellt. Es gibt also viele Herausforderungen und Probleme, die es in nächster Zeit zu lösen gilt.

Abschließend beurteilte Carola Burkert die Wanderschaft in Europa eher als Chance statt als Bedrohung. Außerdem betonte sie, dass eine Migration nie ohne Integration stattfinden dürfe und den Fehlentwicklungen entgegengesteuert werden müsse. Dafür sei eine dementsprechende Willkommenstruktur und Willkommenskultur notwendig.

Auswirkungen des demografischen Wandels

Der demografische Wandel lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, weshalb die Stipendiaten der Studienstiftung in verschiedene Arbeitsgruppen eingeteilt wurden, um sich genauer mit den einzelnen Aspekten zu befassen und die Ergebnisse schließlich in einer Abschlusspräsentation dem gesamten Plenum vorzustellen. Thema der ersten Arbeitsgruppe war die "Selektive Migration und ihre Folgen für die Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen" (Leitung: Prof. Dr. Cornelia Kristen, Otto-Friedrich-Universität Bamberg). Dabei gingen die Teilnehmer verstärkt auf selektive Migration sowie die unterschiedlichen Einflussfaktoren und Unterschiede zwischen den einzelnen Migranten ein, wie die Bildung der Eltern oder andere Erwartungshaltungen innerhalb der Familien. 

"Binnenwanderung in Deutschland - Auswirkungen auf die regionale Sozialstruktur, Alterung und Wirtschaftskraft" (Prof. Dr. Klaus Friedrich) lautete der Titel der zweiten Arbeitsgruppe, die sich die Frage stellte: Wer wandert, weshalb und wohin? Dabei kamen die Studierenden zu dem Ergebnis, dass Wanderungen sowohl nach Alter als auch nach Geschlecht selektiv, auf kurze Distanzen sowie hauptsächlich auf prosperierende Regionen gerichtet sind, was sich nachteilig auf periphere ländliche Regionen auswirkt. Prof. Dr. Holger Bonin (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim) behandelte innerhalb seiner Arbeitsgruppe "Demografischer Wandel und die Zukunft der sozialen Sicherung" die Folgen der Alterung der Gesellschaft in Bezug auf die sozialen Sicherungssysteme. Die Gruppe kam zu dem Schluss, dass es sinnvoll sei, bestehende Instrumente zu optimieren und reformieren anstatt komplette Umwürfe des Systems zu fordern. Außerdem stelle der demografische Wandel einen langfristigen Prozess dar, auf den man sich einstellen sowie aktiv gestalten kann.

Der zweite Arbeitsgruppentag befasste sich mit dem Problem sowie Möglichkeiten, dem demografischen Wandel gerecht zu werden. Die Arbeitsgruppe der Boston Consulting Group betrachtete den demografischen Wandel als Herausforderung für die Volkswirtschaft. Es eröffnet sich für die Unternehmen ein neuer Markt - die sogenannten Golden Agers, die Vorteile, doch gleichzeitig Änderungen für den Absatzmarkt bieten. Zudem ist die Personalplanung von Unternehmen angehalten, Strategien und Reaktionen auf die zukünftigen, neuen gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen zu finden. Die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Ruth Rohr-Zänker rückte die Rolle der Kommunen und Regionen in den Mittelpunkt. Sie stehen neuen Herausforderungen in Bezug auf die räumliche Ungleichheit, die Ortsplanung sowie die Erhaltung der Infrastruktur in den schrumpfenden ländlichen Regionen gegenüber. Eine Willkommenskultur forderte schließlich Prof. Dr. Dietrich Thränhardt in der Arbeitsgruppe zu den Folgen von Zuwanderung für Deutschland.

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Dr. Andreas Kalina
Tel: 08158 / 256-56
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