Afghanistan am Scheideweg

Hat Afghanistan die Chance auf eine demokratisch geprägte Zukunft?

München / Tagungsbericht / Online seit: 10.04.2014

Von: Sebastian Haas

# Afghanistan / Arabische-Welt / Terrorismus / Sicherheitspolitik

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Eine Impression aus der Diskussionsrunde: US-Diplomat John Crosby, Dr. Anja Opitz (APB Tutzing) und der afghanische Polit-Aktivist Akbar Borran.

Trotz der weiterhin äußerst angespannten Sicherheitssituation zieht die NATO einen Großteil ihrer Truppen aus Afghanistan ab. Danach wird, und nicht einmal das ist sicher, nur ein kleines Kontingent an militärischen Beratern im zentralasiatischen Land verbleiben. Sie sollen die lokalen Sicherheitskräfte ausbilden und in ihrem Bemühen unterstützen, den Terrorismus zu bekämpfen – ganz zu schweigen vom Schaffen eines Mindestmaßes politischer Stabilität.

Hat Afghanistan unter diesen Bedingungen weiter die Chance auf eine demokratisch geprägte Zukunft – oder werden Warlords und religiöse Fanatiker weiter die politische Ausrichtung des Landes bestimmen? Wie wird es sich ökonomisch und zivilgesellschaftlich entwickeln? Und wie wirkt sich der Abzug der westlichen Truppen auf die Sicherheitslage der ganzen Region aus? Diese Fragen haben wir im Amerikahaus München vor gut 60 Gästen mit drei Experten aus den verschiedensten Blickwinkeln besprochen: mit US-Diplomat John Crosby, mit Jörg Schlickmann aus dem Bundesverteidigungsministerium und mit dem afghanischen (Jugend-)Aktivisten Akbar Borran.

John Crosby hat 2010/11 ein Jahr in Afghanistan verbracht, war dort an verschiedensten Förderprojekten beteiligt und glaubt an die Stärke des Landes: die Einwohner sähen das Land auf dem richtigen Weg, die Wirtschaftskraft habe sich seit 2002 vervierfacht, das Telefonnetz erreiche nie dagewesene 90 Prozent der Bevölkerung. Oberstlt. i. G. Jörg Schlickmann beschäftigt sich seit vier Jahren mit dem Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte und ist bemüht, die Erfolge zu betonen: wer ausgebildet werde, bringe viel Mut und Opferbereitschaft für sein Land auf; und obwohl gerade Polizisten besonders oft Ziele terroristischer Gewalt seien, hätten sie es geschafft, die Wahlen im Frühjahr 2014 abzusichern. „Dass die Wahlbeteiligung bei dieser Sicherheitslage höher war als bei der Kommunalwahl in München oder bei den meisten US-Wahlen, sollte uns zu denken geben“, meint John Crosby.

Akbar Borran beobachtet die Entwicklung seines Heimatlandes deutlich kritischer als die Experten aus dem Westen. Er weist auf die weiterhin hohe Zahl an Zivilisten hin, die noch immer täglich in Afghanistan dem Terror zum Opfer fallen. Und er stellt kritische Fragen: Warum erhalten bei einer Wahl, deren Durchführung 200 Millionen Dollar gekostet hat, nicht alle rechtzeitig Wahlpapiere? Warum werden die Wahllokale trotz langer Warteschlangen – wegen nicht rechtzeitig gelieferter Wahlpapiere – pünktlich geschlossen? Warum hängt die afghanische Wirtschaft noch immer entscheidend von Geldspritzen von außen und einem augenscheinlich von der Regierung geduldeten Drogenhandel ab? Und warum sei das Wirtschaftssystem noch immer nicht an das der restlichen Welt angepasst? Borran erläutert: „Donnerstag und Freitag sind bei uns frei. Wenn Sie mir am Mittwoch Nachmittag etwas nach Afghanistan schicken, lesen Sie meine Antwort erst am Montag. Zieht man dann noch die Feiertage ab, dann können wir effektiv nur 60 Tagen im Jahr gemeinsam arbeiten.“

So zeichnete der afghanische Polit-Aktivist das Bild eines Landes, das noch immer von Korruption, Vetternwirtschaft und fehlenden politischen und sozialen Strukturen geprägt ist – und dem zusätzlich der Abzug aller US-Schutztruppen, Chaos und Bürgerkrieg drohen, sollte das Sicherheitsabkommen zwischen den USA und Afghanistan nicht unterzeichnet werden. Der grundsätzlich optimistische Amerikaner Crosby glaubt weiterhin, dass das Abkommen rechtzeitig zustande kommt. Klar ist: ohne werden alle NATO-Truppen das Land verlassen, abgesehen von einigen wenigen Ausbildern. „Eine Nachfolgemission ist unbedingt notwendig“, sagt Sicherheitsexperte Jörg Schlickmann. Zwar seien die Afghanen gut für den Kampf gegen Terroristen ausgebildet und leiteten bereits 95 Prozent dieser Einsätze. Nun aber müsse es darum gehen, die Logistik und Organisation für eine einsatzfähige und in das politische System eingebettete Armee aufzubauen.

Unser Diskussionsabend zu Afghanisan war eine Kooperation mit MEIA Research e.V.


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