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Tutzinger Mediendialog unter anderem mit dem Grünen-Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 08.12.2013

Von: Sebastian Haas

# Medienethik

Journalismus in Echtzeit – passt das zusammen? Verhindert die schnelle Nachricht Tiefgang und Reflexion, gerade in Zeiten der andauernden Krisenberichte? Wie sich das Dilemma zwischen Schnelligkeit und Qualität lösen lässt, wurde beim Tutzinger Mediendialog 2013 diskutiert.


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Politik und Medien in Berlin - darüber diskutierten mit unseren Tagungsleitern Dr. Axel Schwanebeck (Evangelische Akademie Tutzing, links) und Dr. Michael Schröder (rechts): BR-Korrespondent Achim Wendler, Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter und Bundestags-Vizepräsident Johannes Singhammer (CSU).

Wie wirkt sich die Beschleunigung der Berichterstattung auf die Politik aus, gerade in der nervösen Zone Berlin, wo die Abgeordneten unter ständiger Beobachtung stehen, die Reporter am besten stündlich neue und aktualisierte Neuigkeiten in die Welt bringen sollen? Überfordern die Journalisten die Politiker? Oder umgekehrt? Das diskutierten auf dem Podium der Akademie für Politische Bildung Tutzing der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter, Bundestags-Vizepräsident Johannes Singhammer (CSU) und BR-Korrespondent Achim Wendler. 

In den Wirren schneller Berichte sehen die Politiker kein generelles Problem. Alle Parteien sollten sich im Klaren darüber sein, dass die Medien über Zwischenstände im Gesetzgebungsprozess berichten und verschiedene Zwischentöne vorkommen – wir befinden uns also in einem ständigen Gewöhnungsprozess für Medien, Politik und Rezipienten. Johannes Singhammer weist darauf hin, dass gerade die Hinterbänkler im Parlament aktiv versuchen (müssen), mit eigenen Vorschlägen, Diskussionsbeiträgen – und Querschüssen – in den Medien erwähnt zu werden. Die andere Seite der Medaille erklärte Journalist Achim Wendler: „Die Politiker haben eine größere Auswahl an Mikrofonen, in die sie sprechen können. Die wachsende Journalistenschar aber will die Personen, die etwas zu sagen haben, und so wächst die Konkurrenz." Die Menge und Vielfalt der Berichterstattung erklärt sich nach Meinung Anton Hofreiters auch durch die unterschiedliche Gewichtung der Relevanz. Zugespitzt: interessiert sich Spiegel Online nicht für ein Thema, wird es eben im eigenen Blog verarbeitet.

Der Bayerische Rundfunk - Fit fürs Web?

Was hatte der Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens über den Ausbau des Senders als trimediale Rundfunkanstalt zu berichten? Zunächst den ehrlichen Befund, dass der BR mittlerweile zur „No-go-area für Kids" geworden ist – weil man nicht auf das Alleinstellungsmerkmal verzichten will, auch zur besten Sendezeit Information statt reiner Unterhaltung zu liefern. Mit „viel gutem Willen, wenig Mitteln und meist mehr schlecht als recht" habe man über Jahre versucht, das Rundfunkangebot 1:1 in die digitale Welt zu übertragen und dort die Jugend nicht erreicht.

Und in der Zukunft? Möchte man bis 2020 als Qualitätsanbieter Audio- und Videoinhalte auf allen Wegen verbreiten. BR³ lautet das Schlagwort, in dessen Zusammenhang zum Beispiel eine trimediale Bayernredaktion entstehen soll, um die Regionalkompetenz zu stärken. Sigmund Gottlieb ist sicher: die Umstrukturierungen werden erfolgreich verlaufen – auch wenn man „mit vielen altgedienten Mitarbeitern einfühlsam umgehen" müsse. Die Informationspflicht des BR als „Anker der Verlässlichkeit" bleibe wichtiger denn je. Die „Erklärkompetenz" der Redakteure muss dabei ein Eckpfeiler der journalistischen Ausbildung sein, und der BR am liebsten ein Eckpfeiler eines Bündnisses für Qualitätsmedien, die erstklassige Informationen für einen anspruchsvollen politischen Diskurs liefern.

Echtzeitjournalismus in Krisenzeiten

Jörg Armbruster ist einem großen Publikum bekannt als ARD-Korrespondent aus dem Nahen Osten, als Moderator des Weltspiegel und weil er im März 2013 im syrischen Aleppo bei einem Schusswechsel schwer verletzt wurde. Morgenmagazin, Mittagsmagazin, Tagesschau um 14, 15, 17, 20 Uhr, Tagesthemen, Nachtmagazin – von Korrespondenten werden mehr und schnellere Berichte verlangt. Die moderne Technik machte es für Armbruster in den vergangenen Jahren möglich, mehrere Nachrichtensendungen täglich mit Livebildern vom Sturm auf Tripolis oder vom Tahrir-Platz in Kairo zu versorgen.

Schneller ist nicht immer besser, Zeit für Einordnung ist nötig, das betonen die Nachrichtenchefs aller Sender. Doch Armbruster gibt zu bedenken: im Krisenfall machen sich doch alle auf die Jagd nach dem ersten Bild, nutzen fragwürdige Quellen oder schicken sogenannte Fallschirmreporter, die schnell, aber ohne Hintergrundwissen berichten – dabei aber auf Dramatisierung und Fälschung hereinfallen oder dies selbst tun. „Es gilt die Regel: es kommt nicht darauf an, was wann passiert, sondern es kommt darauf an, wie es im Fernsehen rüberkommt", stellt Armbruster fest.

Journalismus rund um die Uhr

365 Tage im Jahr, 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag – sollte man unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch Journalist werden? „Aber sicher", meint dpa-Politchef Martin Bialecki, „nur muss man es wirklich ernsthaft betreiben." Entscheidend bleibt dabei das Selbstverständnis des Journalisten, und das wandelt sich derzeit von dem des Gatekeepers zu dem des Wissenskurators: ich helfe den Konsumenten dabei, sich bestmöglich zu informieren. Denn sich in Zeiten der Unübersichtlichkeit allein auf elektronische Filter zu verlassen, hält Bialecki für äußerst fragwürdig. Auch vor Ort müssten für eine bestmögliche Berichterstattung erfahrene Reporter eingesetzt werden, die blitzschnell einordnen und verwerten.

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Dr. Michael Schröder
Tel: 08158 / 256-21
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