Gesagt, getan: Demokratie in der Schule

Wettbewerb „Demokratisch Handeln“

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 10.06.2013

Von: Dorothea Wagner und Miriam Zerbel

# Tolerante-Gesellschaft / Bildung / Partizipation / Politische-Bildung / Ethik-und-Politik

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Flickr-Galerie © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Aktiv werden, Engagement zeigen, Verantwortung tragen: Der Bundeswettbewerb „Demokratisch Handeln“ zeichnet Schüler aus, die sich für die Gesellschaft einsetzen. Die besten Projektgruppen waren in der Akademie zu Gast.

Die Demokratie ist eine Hülle, die mit Leben gefüllt werden muss. Von Menschen, die sich engagieren, austauschen und mitgestalten. Die Schule nimmt hier eine Schlüsselrolle ein: Denn sie kann schon Jugendlichen vermitteln, was lebendige Demokratie bedeutet. Das unterstützt das Förderprogramm „Demokratisch Handeln“. Bei dem bundesweiten Wettbewerb können sich Schülergruppen bewerben, die sich in ihrem Projekt mit Geschichte, der Kommune, dem Schulleben, der Umwelt oder mit der besseren Integration von Minderheiten auseinandergesetzt haben. 235 Projektgruppen haben sich dieses Jahr beworben. Als Belohnung wurden die 53 besten Einsendungen zu einer einwöchigen Arbeitstagung nach Tutzing eingeladen.

"Projekte werden immer interessanter"

Lernstatt Demokratie heißt die Veranstaltung, in der die Schüler gemeinsam über ihre Projekte diskutieren können und sich gegenseitig Anregungen für die weitere Entwicklung ihrer Initiative geben. Schon bei ihrer Ankunft lernten die Schüler eine Persönlichkeit kennen, die ihr Leben der Stärkung der Demokratie gewidmet hat: Hildegard Hamm-Brücher. Als Vorstandsmitglied im Förderprogramm begleitete die „Grande Dame“ des Liberalismus den Wettbewerb seit seiner Gründung im Jahr 1990. Von Eintönigkeit oder Langeweile trotzdem keine Spur: „Die Projekte der Schüler werden immer interessanter und politischer. Und die Schüler immer netter“, betont sie. Akademiedirektorin Ursula Münch begrüßte die über 150 Schüler und lobte ihr Engagement: „Demokratie ist nicht selbstverständlich, sondern etwas, für das sich jeder einsetzen muss.“

Unterricht gegen rechts

Am Tag darauf präsentierten die Schüler ihre Projekte. Im Bereich „Zusammenleben, Gewalt und Umgang mit Minderheiten“ stieß zum Beispiel das Projekt des Münchner Schülers Ozan Aykac auf besonderes Interesse: Der 16-Jährige entwickelte in seiner Freizeit ein Konzept, wie man den gegenwärtigen Rechtsextremismus besser im Unterricht aufgreifen könnte. Der Grund für sein Engagement: Der Schüler möchte klar machen, wie aktuell Rechtsextremismus in der Gesellschaft ist. Dieser Schwerpunkt fehlt ihm bisher im Lehrplan: „Als Schüler könnte man den Eindruck bekommen, dass Rechtsextremismus zur Geschichte gehört und seit 60 Jahren vorbei ist“, erklärt Ozan sein Engagement. Das stößt auf Interesse. Schon an zehn Münchner Schulen hat er die von ihm ausgearbeiteten Stunden über rechte Organisationen, Musik und Parteien gehalten. Dafür kann Ozan nun neben dem Erfolg bei „Demokratisch Handeln“ auch den ersten Platz bei einem Schülerwettbewerb des Bundesjustizministeriums verbuchen.

Ungewöhnlich: Gebärden als Nachrichten im Radio

Wie unterschiedlich die eingereichten Projekte sind, zeigt der Beitrag der Elbschule Hamburg: Die gehörlosen Kinder der sechsten und siebten Klasse haben in Zusammenarbeit mit dem NDR Nachrichten in Gebärdensprache produziert. Schon bei 35 Sendungen der wöchentlichen Radiosendung „Kindernachrichten“ haben die tauben oder stark schwerhörigen Kinder als junge Moderatoren mitgewirkt. Zusammen mit einer Dolmetscherin für Gebärdensprache übersetzen die Schüler die aktuellen Nachrichtentexte. Ihr Ziel: Auch andere Kinder mit Hörproblemen sollen sich über politische und gesellschaftlich relevante Themen informieren können.

Storno rechnet ab

Für ein wohldosiertes Training der Lachmuskeln sorgte das Kabarett Storno. Mit seinem Programm "Die Sonderinventur - Abrechnung zur Lage der Nation" machte das Trio aus Münster klar: "Es weiß zwar keiner mehr wohin der Dampfer fährt, aber dafür haben wir jetzt ja die Piraten an Bord und sind klar zum Entern."

Gesuchte Workshops

Es ist einer der Schwerpunkte der Lernstatt Demokratie: die Arbeit in ganztägigen Workshops. Zwölf verschiedene Angebote gab es heuer, vom Erstellen eines Videoclips über Peer Education mit den Heroes bis zum gemeinsamen Bau eines Floßes. Die Teilnehmer kennen sich zuvor nicht, können sich aber frei nach Interesse für ein Projekt anmelden. Pädagogen, Journalisten, Lehrer, Medienfachleute leiten je nach Thema die Workshops und inspirieren die Teilnehmer. Und doch: „Wenn die Schülerinnen und Schüler keinen Bock hätten mitzumachen, dann würde hier gar nichts passieren“, bringt es einer der Leiter auf den Punkt.

Demokratie mit der Kamera

Was hat der Goldene Schnitt mit der 5-shot-Regel zu tun? Alle, die sich mit Demokratie und Video beschäftigt haben, wissen das – und haben es beherzigt, wie ihr Videoclip auf der Abschlusspräsentation beweist.

Somit hat sich die graue Theorie gelohnt, mit der Workshopleiter Tobias Henkenhof sein Team traktierte. „Das Auge macht keine Totaleinstellung, sondern nur Naheinstellung. Das machen wir mit der Kamera auch, so oft es eben geht“, erklärt der Fernsehprofi seinen Schülern. Von der Idee zum fertigen Film in einem eintägigen Workshop ist ein ambitioniertes Ziel. So hieß es für die angehenden Videoleute erstmal: pauken. Overshoulder, Halbtotale, Wasserschüsselhaltung oder „Vordergrund macht Bild gesund“. Dann aber war die Devise „ran ans Gerät“. Mit zwei professionellen Videokameras und einem selbstverfassten Drehbuch stand dem Clip zu „Demokratie mit der Kamera“ nichts mehr im Wege. Ganz nebenbei wurde auch noch mit Missverständnissen durch verschiedene Dialekte aufgeräumt. Bild- und Tonspur bearbeiten, schneiden, dabei die Perspektivwechsel beachten, passende Musik auswählen ebenfalls schneiden. Eigentlich passt das für Anfänger gar nicht in einen einzigen Tag. 

Spielerisch wählen

Ein weiterer Workshop der Lernstatt Demokratie stand unter dem Motto „Wahlen, wählen und beteiligen: Wie wählerisch bist du?“ Zunächst ging es auch hier um die Theorie: Am Vormittag lernten die Schüler das deutsche Wahlsystem kennen, nachmittags startete dann die politische Praxis: Die Workshop-Teilnehmer gründeten eigene Parteien und tüftelten ein Wahlprogramm aus. Dann folgte das, was auch aktuell die Politiker in Bayern und im Bund beschäftigt: Wahlkampf. Wahlplakate und Werbespots entwerfen, einen Spitzenkandidaten oder eine Spitzenkandidatin nominieren, Reden verfassen. Mit Informationsständen informierten die Parteien über ihre Ziele: Dabei standen Themen wie die Abschaffung der Studiengebühren, die doppelte Staatsbürgerschaft oder auch der Umweltschutz im Vordergrund. Am Ende wurde in geheimer Wahl der Sieger ermittelt: Mit Sprüchen wie „Freie Bildung für alle“ und „Wir stehen hinter den Familien“, errang die Populistische Partei Deutschlands (PPD) die meisten Wählerstimmen.

Sägen und Zeichnen, schauspielern und überzeugen

Die Teilnehmer sind mit Begeisterung bei der Sache, ganz gleich ob sie sägen und hämmern müssen, eine ruhige Hand beweisen, ihre künstlerischen und rhetorischen Fähigkeiten unter Beweis stellen oder sich empathisch in die Person versetzen, die sie im Rollenspiel oder Improtheater darstellen.

Handeln bewegt etwas

Einer der Höhepunkte in der Lernstatt Demokratie ist die Verleihung des „Förderpreises für Demokratie lernen und erfahren“. Ein Anliegen, dem sich die große Dame des Liberalismus, Hildegard Hamm-Brücher verschrieben hat. Deshalb hat sie den Förderpreis gestiftet, der heuer bereits zum vierten Mal verliehen wurde. Das Thema in diesem Jahr: „Integration als Aufgabe von Demokratie und Gesellschaft“.

„Es ist wichtig, aus der Passivität herauszukommen und die Wirksamkeit des Handelns zu erfahren“, sagte Akademiedirektorin Ursula Münch bei der Preisverleihung am Abend. Ein Statement, dem sich Professor Peter Fauser, wissenschaftlicher Leiter des Wettbewerbs „Förderprogramm Demokratisch Handeln“, vorbehaltlos anschloss. „Ich sehe in strahlende Gesichter und hoffe, die Kooperation mit der Akademie für Politische Bildung im Rahmen des Förderprogramms fortsetzen zu können.“

Hamm-Brücher-Preis an Heroes

Schließlich ging der Hildegard Hamm-Brücher-Preis an Helden. Heroes, so nennt sich das Projekt für Gleichberechtigung, das 2007 in Berlin gegründet wurde. Geehrt wird die Initiative junger Männer für ihre Arbeit gegen Unterdrückung im Namen der Ehre und für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. In regelmäßigen Trainings setzen sich die jungen Männer, mit Themen wie Identität, Ehre, Geschlechterrollen und Menschenrechte auseinander. Rollenspiele regen die Jugendlichen an, über den Begriff Ehre zu diskutieren. Schließlich werden die Teilnehmer zu anerkannten Heroes qualifiziert und leiten Workshops in  Schulen, Jugendeinrichtungen oder wie während der Lernstatt Demokratie auch in der Akademie für Politische Bildung.

Auszeichnung für zwei Schulprojekte

Zwei Sonderpreise gingen anschließend an Schulprojekte in Hamburg und Bremen. Mit ihrem Theaterstück „Die war nicht so!“ greifen zehn Schülerinnnen und Schüler der Beruflichen Schule H 20 Bramfelder See einen realen Fall auf, in dem es um Beziehungsgewalt geht.

Mit ihrem Projekt „Wer ist Deutscher? Einbürgerung mit Doppelpass“ beschäftigen sich  Schüler der Gesamtschule Ost in Bremen mit der komplizierten Problematik der Doppelten Staatsbürgerschaft.

Jugend und Politik

Warum eigentlich Demokratie? Mit dieser Frage löcherten im Anschluss an die Preisverleihung zwei Schülerinnen und ein Schüler die Abgeordnete Deligöz in einem Podiumsgespräch. Die drei nahmen dabei kein Blatt vor den Mund. Und die Politikerin machte deutlich: „Wir sitzen alle in einem Boot. Wir müssen uns Gedanken machen und manchmal muss man die Gesellschaft wach rütteln.“

Das Beste zum Schluss

Die geballte Kreativität der gemeinsamen Woche zeigte sich dann bei der Abschlussveranstaltung: Am Freitag präsentierten die Workshops bei den „Tagesthemen“ ihre Ergebnisse. Besonders das Improtheater erntete Applaus und Gelächter. Zum Beispiel für eine Liebesszene im Aufzug, bei der eine Firmenchefin eine traurige Dachdeckerin bezirzt. Oder für die Ausführung eines Bademeisters, wie der Chlorgehalt des Badewassers mit dem Dax zusammenhängt.

Wie viel eingeübte Zusammenarbeit ausmacht, zeigte auch die Präsentation der Radiowerkstatt. In der Lernstatt Demokratie produzierte das Wartburgradio das Hörspiel „Lost in Tutzing“. Die Schüler waren einen Tag lang mit dem Mikro unterwegs und befragten die Tutzinger zu ihren Fußball- und Biervorlieben. Die Antworten trieben manchem Zuhörer Lachtränen in die Augen. Zum Nachhören sendet das Wartburgradio „Lost in Tutzing“ am 13. Juni um 16 Uhr und am 14. Juni um 10 Uhr auf Frequenz UKW 96,5 oder via Stream im Internet oder als podcast.

Respekt für die Leistung

Nach den „Tagesthemen“ stand der feierliche Abschluss der Lernstatt Demokratie auf dem Programm. Akademiedirektorin Ursula Münch überreichte den Projektgruppen eine Urkunde für die Teilnahme am Wettbewerb, die sogleich für die Gruppenfotos stolz präsentiert wurden. Moderator Peter Fauser betonte schon zu Beginn: „In unserer Gesellschaft gibt es eine Sucht, den Besten, Schönsten und Dümmsten zu finden und auszuzeichnen – darum geht es bei ,Demokratisch Handeln’ nicht. Hier wollen wir uns gegenseitig Respekt und Anerkennung entgegenbringen, die die Leistung fürs Gemeinwohl verdient.“ Doch die gelöste Stimmung konnte über eine Tatsache nicht hinwegtrösten: Die Heimreise der Schüler stand unmittelbar bevor. Im Gepäck hatten die Jugendlichen viele neue Freundschaften und ein festes Vorhaben: sich nächstes Jahr wieder für die Lernstatt Demokratie zu bewerben.

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Dr. Sebastian Haas
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Lernstatt Demokratie 2013


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