Das Auswärtige Amt in der NS-Diktatur

Forschungsstand, Forschungskontroversen, Desiderate

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 23.06.2013

Von: Miriam Zerbel und Dorothea Wagner

# Demokratiegeschichte / Nationalsozialismus / Deutsche-Außenpolitik

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"Wir sprechen wieder miteinander und nicht übereinander": Bei der Podiumsdiskussion schlagen sowohl die Verfasser als auch die Kritiker des Buchs "Das Amt und die Vergangenheit", Eckart Conze, Johannes Hürter, Michael Mayer, Hans Mommsen und Moshe Zimmermann (v.l.), versöhnliche Töne an. (Foto: Zerbel)

Selten verursacht ein wissenschaftliches Buch solch einen Wirbel, wie das die Studie der Historikerkommission über  „Das Amt und die Vergangenheit“ getan hat. Nicht nur Fachwissenschaftler, auch die Öffentlichkeit debattierte lebhaft über die Rolle des Auswärtigen Amts in der NS-Diktatur. Mit dieser Tagung trafen nun erstmals Vertreter der Historikerkommission und ihre wichtigsten Kontrahenten zusammen.

Die Veranstaltung als ein Forum für eine echte wissenschaftliche Sachdiskussion, das war die Absicht.  Es solle nicht um eine Fortsetzung der teils sehr persönlich geführten Debatte gehen, erklärten die beiden Tagungsleiter, Dr. Michael Mayer von der Akademie für Politische Bildung und Privatdozent Dr. Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte, gleich zu Beginn. Vielmehr sollten Autoren und Kritiker des Buches gemeinsam diskutieren, um den bisher ausgebliebenen wissenschaftlichen Fortschritt doch noch zu ermöglichen.

Hürter formulierte die zentrale Fragestellung: „Wo stehen wir in der Forschung, wo sind wir uns einig,  was gilt es noch weiter zu erforschen?“ Und mit Blick auf die Fachdebatte zwischen den Historikern ergänzte Mayer, es gehe darum, die in der Studie „Das Amt“ formulierten Antworten und aufgeworfenen Fragen wissenschaftlich zu prüfen und weiterzuentwickeln. Dies sollte das Ziel dieser Tagung sein.

Viel Personal , aber welche Aufgaben?

Zunächst drehte sich die Diskussion um das Personal des Auswärtigen Amts.  Dr. Martin Kröger, selbst im Politischen Archivs des Auswärtigen Amts in Berlin beschäftigt, verwies auf den enormen Zuwachs von Mitarbeitern. Seien 1870 lediglich 76 Männer in der damaligen Vertretung in der Berliner Wilhelmstraße aufgeführt, so liege die Zahl der Beschäftigen heute bei rund 13.000. Differenzierte Zahlen zum Personal des Auswärtigen Amts seien jedoch kaum zu finden. Eine Ausnahme bildet das Jahr 1942. Damals wurden 3.408 Mitarbeiter für die Zentrale in Berlin aufgeführt.

Krögers Recherchen zufolge stieg die Zahl der Beamten im Höheren Dienst in der Zeit zwischen 1933 und 1945 um mehr  als das Dreifache. Rechnet man Beamte und Angestellte des Höheren Dienstes zusammen, zeichnet sich von 1939 ein starker Zuwachs ab. Eine mögliche Erklärung dafür sei, neben neuen kriegsbedingten Aufgaben, die Verlagerung von Verantwortlichkeiten aus dem Mittleren in den Höheren Dienst. Kröger hob besonders hervor, dass die Zahl der NSDAP-Mitglieder erst zur Mitte der Dreißiger Jahre deutlich anstieg. Erstmals konnten auch konkrete Zahlen für die Parteianhänger im Mittleren Dienst vorgelegt werden. Im Gegensatz zur bisher landläufigen Meinung gab es hier weniger NSDAP-Anhänger als im Höheren Dienst.

Die Haltung des Auswärtigen Amts

Wie verhielt sich die Amtsleitung in der Zeit der NS-Diktatur? Am Beispiel der drei Spitzendiplomaten Bernhard von Bülow, Friedrich Gaus und Hans Heinrich Dieckhoff beleuchtete Annette Schmidt-Klügmann von der Universität Marburg die Frage nach Kontinuität und Anpassung.  Demnach sahen die drei  den Nationalsozialismus als Übergangsphänomen an. „Das hat sie nicht davon abgehalten, sich eilfertig an der NS-Gewaltpolitk zu beteiligen“, so Schmidt-Klügmanns Urteil. „Zumindest Bülow und Dieckhoff haben deren verbrecherische Dimension unterschätzt.“

Auch in ihren außenpolitischen Zielen habe sich die Amtsleitung der NS-Politik angeglichen und sie verharmlost, obwohl die eigene Haltung dem nicht entsprach. Als Beispiel führt Schmidt-Klügmann die Entmilitarisierung des Rheinlandes an. Diese galt es für das Auswärtige Amt unbedingt zu wahren.  Hitlers Einmarsch in das Rheinland schaffte neue Realitäten.  „Dem ´Erfolg‘ von Hitlers Methoden konnte sich die Amtsleitung nicht verschließen“, so Schmidt-Klügmann.  „Es gelang dem Amt nicht, eine eigene friedliche Methode ohne Eskalation durchzusetzen.“ 

Neue Personalpolitik in der NS-Zeit?

Über die Frage, wie die Minister Neurath und Ribbentrop die Personalpolitik handhabten, sprach Lars Lüdicke von der Universität Potsdam.  So sei  trotz der  nationalsozialistischen Machtübernahme zunächst keine Zäsur in der Personalpolitik festzustellen. Nur ein Spitzendiplomat trat aus Protest gegen die NS-Politik zurück. Diese Kontinuität sei vor allem Reichspräsident Paul von Hindenburg ein Anliegen gewesen, erläuterte Lüdicke. „Hindenburg wachte mit Argusaugen über die Karrierediplomaten.“

Auch nach dem Amtsantritt Ribbentrops 1938 sei nur ein Fünftel der Gesandtschaften neu besetzt worden. 1943 verlor dann allerdings das traditionelle Laufbahnprinzip an Gültigkeit. „Nun war das Vertrauen Ribbentrops ausschlaggebend“, erklärte Lüdicke. Schließlich beklagte der Potsdamer Wissenschaftler Forschungsdesiderate in der systematischen Analyse von SS, SA und Auswärtigem Amt. Zugleich regte er mit Blick auf die Loyalitätsverflechtungen durch die gleichzeitige Unterstellung unter Himmler, Neurath und Heß weitere Forschungen an.

Erfüllungsgehilfe oder Hort des Widerstands?

Über die Erinnerungspolitik des Auswärtigen Amts sprach der Historiker und Journalist Professor Rainer Blasius. Zentrale Frage war:  Wie ging das neue Amt mit dem Widerstand in der Behörde während der NS-Diktatur um? Blasius kritisierte die „Heroisierung Ernst von Weizsäckers, die Jahrzehnte nachgewirkt“  habe. Ein Mann des Widerstands sei er, einer der Hauptangeklagten im Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess, nicht gewesen, aber dazu stilisiert worden.  Blasius, selbst 20 Jahre lang Beamter, unterstrich, dass einige Dissidenten im Auswärtigen Amt noch lange keinen Hort des Widerstands begründeten.

Auswärtiges Amt und Reichssicherheitshauptamt

Am zweiten Konferenztag ging es um die Außenpolitik des Auswärtigen Amts im Nationalsozialismus, also das eigentliche Kerngeschäft der Wilhelmstraße. Doch bezüglich der Themenauswahl herrschte Uneinigkeit unter den anwesenden Wissenschaftlern: Gehört die „Judenfrage“ überhaupt zur Außenpolitik? Oder versuchte das Auswärtige Amt, in ressortfremde Machtbereiche hineinzuwirken? Privatdozent Dr. Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, untersuchte in seinem Vortrag das Wechselverhältnis zwischen Reichssicherheitshauptamt und Auswärtigem Amt bei der Suche nach einer „Lösung der Judenfrage“. 

Schnell kristallisierte sich heraus, dass das Reichssicherheitshauptamt im Laufe der Jahre die zentrale Instanz in dieser Frage wurde, so Brechtken – auch wenn zum Beispiel der „Judenreferent“ des Auswärtigen Amts, Franz Rademacher, sein eigenes Referat durch eine stärkere Beteiligung gerne profiliert hätte.  Brechtken hielt insgesamt eine umfassende Studie zum Auswärtigen Amt für ein Forschungsdesiderat. Diese müsse durch folgende Merkmale gekennzeichnet sein:  Sie sollte eine Analyse enthalten, welche tatsächliche Machtrolle das Amt bei der Formulierung und Implementierung der Außenpolitik bis 1939 und der NS-europäischen Binnenpolitik danach spielte, sowie das Wechselspiel mit anderen, konkurrierenden Institutionen in den Blick nehmen. Außerdem müsste darin der tatsächliche Einfluss des Auswärtigen Amts auf die politischen Entscheidungen untersucht werden. Eine solche Analyse verlange, dass die Bedeutung des Amts aus der Sicht der tatsächlichen außenpolitischen Entscheider – allen voran Hitler – bestimmt werden muss. Auch die Außenperspektive sei wichtig: Wie wurde das Amt über die Jahre von den jeweiligen außenpolitischen Partnern und Gegnern im Ausland wahrgenommen? „Vielleicht vermag diese Konferenz eine solche Arbeit anzuregen“, hoffte Brechtken.

Die Deutsche Botschaft in Paris

Für Dr. Michael Mayer hat die Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ eine wichtige Frage aufgeworfen: Wie beteiligte sich das Auswärtige Amt in den besetzten Gebieten am Holocaust? Für eine Antwort sei der Blick nach Frankreich wichtig: Denn hier nahm das Auswärtige Amt mit einer eigenen Botschaft eine Sonderrolle ein, war, anders als in den übrigen besetzten Ländern, eine tragende Säule der Besatzungsmacht. Mayer betonte, dass die Beteiligung der „Botschaft bei der Umsetzung des Holocaust in Frankreich weit größer als sonst in Europa“ gewesen sei. Dennoch könne nicht von einer „entscheidenden Rolle“ der deutschen Auslandsvertretung gesprochen werden. Es gelang ihr nämlich längerfristig nicht, „die politische Rückendeckung der Vichy-Regierung“ zu erhalten, die für die Umsetzung der Deportationen aus Frankreich unerlässlich war.

Mayers Fazit widerspricht dem Ergebnis der Studie, die dem Auswärtigen Amt in der Entscheidungsfindung zum Holocaust eine „entscheidende Rolle“ zuweist: „In keinem anderen besetzten Gebiet hatten die Vertreter des Auswärtigen Amts eine derart zentrale Rolle bei der Umsetzung des Holocaust wie in Frankreich.“ Dennoch müsse die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben: „Das Auswärtige Amt war tief in dieses Menschheitsverbrechen verstrickt, das federführend vom Reichssicherheitshauptamt umgesetzt wurde. Doch weder im Deutschen Reich noch im besetzten Frankreich wurde der Holocaust vom Amt initiiert oder entscheidend vorangetrieben“, sagte Mayer.

Die Graustufen des Antisemitismus

Als Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission nahm Professor Moshe Zimmermann die Gegenposition zur Argumentationslinie von Brechtken und Mayer ein. Dennoch rückte er gleich zu Beginn seines Vortrags von der von ihm zuvor in der Studie „Das Amt“ vertretenen These ab: „Es gibt mehrere Schattierungen von Grau, aber es ist klar, dass die Haupttäter des Holocaust größtenteils außerhalb des Auswärtigen Amts zu finden sind.“ Trotzdem: Für ihn hat das Auswärtige Amt mit der „Lösung der Judenfrage“ ein Thema bearbeitet, das zur Innenpolitik und damit nicht zu den eigentlichen Aufgabengebieten des Auswärtigen Amts gehört. Zimmermann verortet bei den meisten Mitarbeitern jener Zeit einen durchdringenden „State of Mind“, einen radikalen Antisemitismus: „Es gab keine Reaktion der Beamten wie ,Diese Lösung der Judenfrage ist nicht akzeptabel’. Der State of Mind war ebendieser: Juden sollte man loswerden.“ Überall auf der Welt hätten deutsche Auslandsvertretungen diese antisemitische Politik betrieben. Deshalb zog Zimmermann ein ernüchterndes Fazit: „Es geht nicht um die Haupttäter, sondern um die Menschengruppe, die es am besten anders hätten wissen sollen – obwohl sie als Diplomaten Kontakt zum Rest der Welt hatten und auch andere Informationen erhielten, unterstützten sie die Ideologie.“

Die Besatzungspolitik des Auswärtigen Amts

Die Beteiligung des Auswärtigen Amts an der NS-Gewaltpolitik abseits des Holocaust beleuchtete Dr. Sebastian Weitkamp in seinem Vortrag. Ein Kerngeschäft des Auswärtigen Amts war die Propaganda- und Pressearbeit im Ausland. Deutschland sollte nicht als Aggressor, sondern als Angegriffener wahrgenommen werden. In den Kriegsjahren war das Auswärtige Amt auch ein wichtiger Pfeiler der Besatzungspolitik, der Richtlinien umsetzte und zu verbündeten beziehungsweise neutralen Staaten ein gutes Verhältnis aufrechterhalten sollte. „Als Instrument der SS-Führung folgte das Auswärtige Amt weitgehend den verbrecherischen Richtlinien. Sie waren eher Mittäter als Täter, aber sie hatten wenig Skrupel, mit den Tätern zu kooperieren“, wertete Weitkamp. Er untermauerte seine Argumentation mit konkreten Fällen, zum Beispiel der indirekten Beteiligung des Auswärtigen Amts an einem Kriegsverbrechen, nämlich der Ermordung eines französischen Offiziers in Kriegsgefangenschaft.

Die Diskussion:  ohne Duell – mit Ergebnis

Ehrenhändel, Duellforderungen und selbst angetäuschte Ertränkungen im See erwartete Willi Winkler von der Süddeutschen Zeitung vergeblich, wie er selber zugestehen musste (siehe SZ vom 24.6.2013, Seite 11). Die Historiker stritten, jedoch fair und führten den Streit wieder auf wissenschaftliche Argumente zurück.

„Es ist uns gelungen, erstmals alle wichtigen Beteiligten an einen Tisch zu bekommen“, resümierte Mayer kurz vor der Abschlussdiskussion. Auf dem Podium saßen außer Moderator Mayer: Professor Eckhart Conze und Moshe Zimmermann, Mitglieder der unabhängigen Historikerkommission, sowie deren Kritiker Johannes Hürter und Professor Hans Mommsen.

Die wichtigsten Fragen der wissenschaftlichen Diskussion der vergangenen Jahre fasste Mayer so zusammen:

  1. War das Auswärtige Amt  zentral an der Entscheidungsfindung zum Holocaust beteiligt?
  2. Bestand zwischen dem Auswärtigen Amt  und dem Reichssicherheitshauptamt, das die „Endlösung der Judenfrage“ federführend umsetzte, ein Verhältnis auf Augenhöhe?
  3. Ist der Holocaust durch Initiativen des Auswärtigen Amts entscheidend vorangetrieben worden?

Nach Einschätzung  Mayers  musste aus der Diskussion der beiden vergangenen Tage der Schluss gezogen werden, dass alle drei Fragen mit „Nein“ zu beantworten sind.  Obwohl damit zentrale Thesen der Studie „Das Amt“ widerlegt wurden, blieb diese Aussage Mayers relativ unwidersprochen.

Was bleibt von der Debatte?

Diese Frage beantwortete jeder der an der Podiumsdiskussion Beteiligten. Den Anfang machte der Marburger Wissenschaftler Conze, der auf die Einsetzung von Historikerkommissionen zur Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Ministerialbürokratie einging. Dabei machte Conze aus seiner Abneigung der „Fliegenbeinzählerei“ keinen  Hehl.  Die Zahl der NSDAP-Mitglieder in den einzelnen Behörden und Institutionen sage nur wenig aus. Es habe genauso Widerstandskämpfer mit Parteibuch gegeben wie NS-Verbrecher, die nicht NSDAP-Mitglied waren.  „Individuelles Widerstandshandeln im Auswärtigen Amt war kein zentraler Strang, sondern die Ausnahme.“ Zugleich gestand der Forscher Defizite ein:  „Ich nehme die Kritik in Bezug auf die Fokussierung der Judenpolitik gerne an.“

Conze forderte eine differenziertere Forschung und mehr Diskussion über neue Staatlichkeit im Nationalsozialismus. Ein Forschungsdesiderat sei beispielsweise die Frage, was, wann in der Bundesrepublik als belastend gegolten habe. Ebenso müssten Akteure aus dem nichtstaatlichen Bereich, beispielsweise der „Dienststelle Ribbentrop“ untersucht werden.

„Zu kurz gesprungen“

Eine defizitäre Streitkultur unter Historikern beklagte Johannes Hürter und brachte damit wieder Schwung in die Diskussion auf dem Podium. „Wie soll ein solcher Streit künftig vernünftig und mit Sachargumenten ausgetragen werden?“, lautete Hürters Frage.
Seine Kritik am Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ spitzte der IfZ-Mitarbeiter auf drei Punkte zu:

  1. Die diplomatische Elite sei zu vereinfachend als homogener Block beschrieben worden, „ohne Transformationsprozesse und Binnendifferenzierungen, besonders nach 1938, zu berücksichtigen“.
  2. Dem Auswärtigen Amt werde „eine tragende, teilweise sogar leitende Rolle beim Holocaust zugesprochen, ohne die komplexen Zusammenhänge und Verläufe der ,Endlösung’ sowie die Verantwortung der Haupttäter genügend zu beachten“.
  3. Man habe sich einseitig auf den Holocaust beschränkt, „während andere NS-Verbrechen vernachlässigt werden und die eigentliche Außenpolitik mit ihren negativen, ja verbrecherischen Konsequenzen ausgeklammert bleibt“.

„Sie sind zu kurz gesprungen“, sagte Hürter unter Verweis auf den Anspruch der Kommission, eine systematische Gesamtdarstellung abzuliefern. Dennoch konnte Hürter dem kritisierten Werk auch etwas Gutes abgewinnen:  „Das Buch hat viel Forschung angestoßen und die Frage gestellt: ,Wie weit ist der Kreis der Täter zu spannen‘.“

Ansatz zu schmal und zu spät

Hans Mommsen bezeichnete sich selbst in der Debatte als „Außenseiter“.  Mit seiner Forderung:  „Es hätte offener darauf hingewiesen werden müssen, wer zu den Widerstandsgruppen gehört und wer nicht“, schloss sich Mommsen Hürters Kritik an. Seiner Meinung zufolge hätte die Historikerkommission außerdem in ihrem Werk zumindest zehn Seiten auf die NS-Verbrechen jenseits des Holocaust verwenden müssen und ferner nicht erst 1933 mit der Untersuchung einsetzen dürfen.

Neue Streitkultur gefragt

„Geschichtliche Erinnerung braucht immer wieder eine Erfrischung“, sagte Moshe Zimmermann, der mehr israelische Streitkultur anmahnte.  Nötig sei eine Unterscheidung zwischen Thema und Persönlichkeit. „Wir können heftig streiten, ohne dass ich Angst haben muss“,  so Zimmermann, „dass mich mein Kontrahent das nächste Mal nicht mehr grüßt.“ Nach Zimmermanns Ansicht geht es generell weniger um Einzelfiguren als um das deutsche Außenministerium als Institution. „Wichtig ist doch: Das Auswärtige Amt hat am Prozess der Radikalisierung in der NS-Diktatur teilgenommen.“  Die Kommission habe mit ihrem Werk aber auch gezeigt, dass es in der NS-Zeit für die Mitarbeiter des Auswärtigen Amts Handlungsalternativen gegeben hätte, auch wenn die immer weniger geworden seien. Trotz des geforderten  offensiveren Auseinandersetzens wurde die generell versöhnlich-konstruktive Stimmung deutlich, als der israelische Forscher  als Titel für eine Neuausgabe des Buches „Hitlers willige Abschirmer“  vorschlug.

„Wir sind in unserer Debatte einen gewaltigen Schritt vorangekommen, in der Diskussion sowie im Forschungsstand“,  zog Tagungsleiter  Mayer denn auch die positive Bilanz der Wochenendtagung.  Forschungsdesiderate seien aufgezeigt worden, und es habe sich eine produktive Diskussion über neue Ansätze in der NS-Forschung entwickelt. „Und ganz wichtig: wir sprechen wieder miteinander und nicht übereinander.“

Der Tagungsband erscheint voraussichtlich im Oktober 2014 in der Schriftenreihe "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte".

Siehe auch Rezension von Rainer Blasius über Wolfgang Schultheiss: Zuspitzungen. Anmerkungen zu: Das Amt und die Vergangenheit, Münster 2013, in: FAZ vom 23. September 2013, Seite 10

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