(Ohn)Macht der Demoskopie

47. Akademiegespräch im Landtag

München / Tagungsbericht / Online seit: 10.04.2013

Von: Laura Groß

# Parlamente Parteien Partizipation

Akademiegespraech-Demoskopie

Über die Macht der Umfragen diskutierte Akademiedirektorin Ursula Münch mit den Experten Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen und Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR (Foto: Zerbel).

Am 15. September 2013 wählen die Bayern. Ob und wie Demoskopie die 10,4 Millionen Wahlberechtigten im Freistaat beeinflusst, diskutierte Akademiedirektorin Ursula Münch mit den Meinungsforschungsexperten Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen und Jörg Schönenborn vom WDR beim 47. Landtagsgespräch der Akademie für Politische Bildung Tutzing im Maximilianeum.

„An der Demoskopie scheiden sich die Geister“, stellte Landtagsvizepräsident Peter Meyer in seinem Grußwort fest. Während die einen sie als ein Instrument zur Beobachtung der Gesellschaft sähen, glaubten die anderen in ihr ein gefährliches Macht- und Propagandamittel zu erkennen. Ungeachtet der Kritik, so Meyer, sei die Demoskopie jedoch als „Element angewandter Demokratie zwischen den Wahlen“ aus dem politischen Leben nicht mehr wegzudenken. Nach welchem Schlüssel die erhobenen Ergebnisse gewichtet würden, zähle zu den Geheimnissen der Forschungsinstitute, sagte Meyer. Unklar sei dabei auch, wie repräsentativ die Umfragen in Zeiten seien, in denen soziale Schichten aufbrechen und die Zahl der Wechselwähler steigt. „Kurz ist der Weg vom Last-Minute-Reisenden zum Last-Minute-Wähler“, gab der Landtagsvizepräsident zu bedenken und warnte dabei vor einer allzu starken Orientierung der Politik an diesem „virtuellen Wählerwillen“. Meyer betonte, was auch von Schönborn und Jung später bestätigt wurde, dass es keine Vorhersagen seien sondern lediglich Abbildungen der momentanen Stimmungslage der Befragten gebe.

Demoskopie im Dilemma

Die Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, Ursula Münch, erinnerte daran, dass die Veröffentlichung von Umfragewerten immer eine Kettenreaktion von Kommentaren, Publikationen und Expertenmeinungen nach sich ziehe. „Sie dienen zur Selbstvergewisserung, Bestätigung oder auch zur Disziplinierung abtrünnig werdender Parteikollegen“, so Münch. Problematisch sei, wenn diese Umfragen als Begründung für politische Entscheidungen genutzt würden. Zum Einen könnten Politiker so ihrem eigenen Willen eine Pseudo-Legitimation geben. Zum Anderen müssten auch hin und wieder Entscheidungen zum Wohle des Volkes gegen den Willen der Wähler getroffen werden. Münch sagte, dass die Demoskopie, und somit auch die Medien, aktuell in einem Dilemma steckten. Denn durch das Aufbrechen sozialer Strukturen entstehe eine nachlassende Parteibindung und daraus wiederum ein größeres Bedürfnis nach Orientierung durch Umfragen. Gleichzeitig führt diese Wechselhaftigkeit und Spontaneität auch dazu, dass die Prognose immer schwieriger und ungenauer wird und nur ein kurzfristiges Stimmungsbild darstellen kann.

Umfragen sind keine Laborexperimente

Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen betonte, man könne in der Demoskopie keine Laborsituation herstellen: um den Einfluss veröffentlichter Umfragen auf den Wähler zu messen, sei es nicht möglich, Experimente zu machen wie in der Physik. Zudem reagierten Wähler auf die Statistiken sehr unterschiedlich und nicht vorhersehbar: Ein schlechtes Ergebnis für eine Partei könne zu einer „jetzt erst recht“-Solidarität führen oder aber zugleich auch zu Resignation und Hinwendung zu einer anderen, stärkeren Partei. Bei positiven Ergebnissen wiederum könne es sein, dass die Wähler zu Mitläufern würden oder überhaupt nicht zur Wahl gingen, weil sie sie bereits als gewonnen ansähen.

Wichtig sind Jung drei Punkte um etwaige negative Entwicklungen zu vermeiden: 1. Pluralismus und Konkurrenz der Meinungsforschungsinstitute, um eine Kontrollfunktion zu erreichen. 2. Maximale Transparenz, so dass jeder Datensatz von Außenstehenden nachgerechnet werden kann. 3. Veröffentlichung aller erhobenen Daten.

Umfrage-Beton

WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn wies in seinem Vortrag auf sein Privileg hin, Fragen, die er als Journalist für interessant halte, beim Umfrageinstitut Infratest Dimap in Auftrag geben zu können. Am Wahltag gibt es demnach immer die größte Umfrage. Die Zahlen aus der Woche zuvor werden allerdings erst nach der Wahl veröffentlicht, um Vergleichsmaterial zu haben und die zahlreichen Wechselwähler kurz vor der Wahlentscheidung nicht mehr zu beeinflussen. In den vergangenen Jahren seien die Prognosen immer besser und treffsicherer geworden. „Umfragen sind wie Flüssigbeton. Es kommt drauf an, was man daraus macht“, sagte Schönenborn zum Abschluss seines Vortrags.

Keine anderen Wahlsendungen

In der anschließenden Diskussionsrunde, die  Akademiedirektorin Münch moderierte, wies Meinungsforscher Jung drauf hin, dass nicht nur Medien, sondern auch Parteien Auftraggeber von Umfragen seien. Nur selten würden die Ergebnisse dieser Umfragen veröffentlicht. Zudem habe sich die benötigte Zeit, in der Befragungen erstellt und veröffentlicht werden, stark verkürzt. Er begründete das mit veränderten Befragungsmethoden. So hätten sich die Befragten früher schriftlich geäußert oder seien von Interviewern persönlich befragt worden. Heute dagegen gebe es Telefonbefragungen, die von Computern ausgewertet werden. Damit reagierte die Demokopie auf das veränderte Wählerverhalten. Denn viele Wahlberechtigte entscheiden sich erst kurz vor der Stimmabgabe, wo sie ihr Kreuz machen.

Für eine Blitzumfrage sind nach Erfahrung des Journalisten Schönenborn nur wenige Fragen geeignet. Jede neue Meldung könne die Stimmung wieder verändern. Dies verdeutlichte er am Beispiel der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima. Wegen des von der deutschen Regierung daraufhin angekündigten Atomausstieges, sei die Stimmung bei den Befragten wieder gestiegen.

Von einer Veränderung der derzeitigen Praxis der Berichterstattung am Wahltag hält Schönenborn nichts. „Ab 18 Uhr kommt es zum zweiten Wahlkampf. Es geht um die Deutungshoheit des Wahlausgangs“, sagte der WDR-Chefredakteur. Zur Frage, ob er zur Beeinflussung der Wähler beitrage, berief er sich auf seine journalistische Ethik. Er versuche, möglichst viele rationale Argumente sachlich zu verbinden, ohne eigene Meinungen und Stimmungen weiterzugeben.


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