Der Holocaust

Neue Forschungsergebnisse

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 05.08.2013

Von: Miriam Zerbel und Dorothea Wagner

# Demokratiegeschichte / Nationalsozialismus / Geschichte-der-Bundesrepublik

Brechtken-Hürter-Mayer-Tutzing

Alte Bekannte in der Wissenschaft: Sophokles, Magnus Brechtken, Johannes Hürter und Michael Mayer. (von links; Foto: Wagner)

Vor fast siebzig Jahren erklärte der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, den Massenmord an den Juden erstmals in einer Rede zum Ziel der Nationalsozialisten– ohne den Genozid in bürokratischen Phrasen zu verschleiern. Aus diesem Anlass stellten Wissenschaftler in Tutzing ihre neuesten Forschungsergebnisse zum Holocaust vor.

Die Gräueltaten der Nationalsozialisten hatten monströse Ausmaße: Fast 6,5 Millionen Juden überlebten das Dritte Reich nicht. Doch das eigentliche Ziel des NS-Regimes war damit noch nicht erreicht, wie Professor. Hans Mommsen in einem Vortrag erklärte: die „Endlösung“. „Die jüdische Bevölkerung sollte nicht nur aus Deutschland und Europa vertrieben, sondern in der Gesamtheit vernichtet werden“, so Mommsen. Federführend bei der Umsetzung war Heinrich Himmler, der als Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums sowie als Reichsführer-SS die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten vorantrieb. Obwohl Hitler die Auslöschung des Judentums als Ziel teilte, wurde die konkrete Realisierung zu einem Tabu in seiner Gegenwart: „Hitler vermied es, sich mit der effektiven Vernichtung der Juden zu identifizieren und ließ die Dimension nicht an sich herankommen“, sagte Mommsen.

Die Wehrmacht und der Holocaust

Welche Rolle spielte die Wehrmacht beim Genozid an den Juden in den besetzten Ostgebieten? Lange Zeit wurde deren  Beteiligung als vergleichsweise gering angesehen. Denn nach dem Wagner-Heydrich-Abkommen waren in den besetzten Ostgebieten die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes der SS zu Exekutivmaßnahmen gegenüber der Bevölkerung – damit auch gegenüber den jüdischen Bürgern – befugt. Doch in seinem Vortrag betonte der Historiker Dr. Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte, dass ebenso die Wehrmacht einen größeren Beitrag zum Völkermord zu verantworten hatte: „Die Zahl der Einsatzgruppen war so klein, dass in diesem großen Gebiet der Holocaust ohne Mitwirkung des Militärs nicht möglich gewesen wäre.“ Demnach unterstützte die Wehrmacht die Einsatzkommandos bei den Exekutionen vor allem logistisch beim Transport, der Eskortierung und der „Bestattung“ der Opfer.

Die alten Eliten und der Holocaust

Wie die alten Eliten – in der Diplomatie, im Justizsystem, der Administration und dem Militär – mit dem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung umgegangen sind, erläuterte Dr. Magnus Brechtken ebenfalls vom Institut für Zeitgeschichte. Er  stellte klar: „Diese Frage ist von Person zu Person anders zu beurteilen.“ So hätten sich manche Angehörigen der traditionellen Elite mit dem Nationalsozialismus identifiziert, andere hätten ihren Verbleib in einer Machtposition damit gerechtfertigt, dass sie auf diese Weise vermeintlich „Schlimmeres verhüten“ könnten.

Die Kriegsverbrecherprozesse nach 1945

Schon 1943 erklärten die Sowjetunion, die USA und Großbritannien in der Moskauer Deklaration, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten nicht folgenlos bleiben würden und geahndet werden sollen, so Dr. Edith Raim von der Universität Augsburg. Bereits vor Kriegsende begann die eingesetzte Untersuchungskommission damit, Beweise zu sammeln. Die Anklagepunkte: Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das internationale Militärtribunal in Nürnberg diente dann nach Kriegsende dazu, die Haupttäter zur Verantwortung zu ziehen. Ein Novum und Meilenstein in der internationalen Rechtsprechung: „Es ist der erste Versuch, Verantwortliche aus Regierung, Militär, Partei und Wirtschaft für ihre Tat zur Rechenschaft zu ziehen“, ordnete Raim die Bedeutung des internationalen Militärtribunals ein.

Holocaust und Genozid

Mit der Vergleichbarkeit des Holocaust beschäftigte sich Professor Dieter Pohl von der Universität Klagenfurt. Er verwies auf die Problematik des Begriffs Genozid. Je nach Definition  kämen neue Felder von Massenverbrechen hinzu wie beispielsweise der Völkermord an den Armenier während des Ersten Weltkrieges oder die Verbrechen in Ruanda Mitte der 1990er Jahre. Zugleich warnte er davor, Äpfel mit Birnen zu vergleichen: „Ein Mehrwert des Vergleichs ist meines Erachtens kaum sichtbar“, formulierte Pohl  seine Bedenken. Vielmehr gelte es danach zu fragen, welche Bezüge die Täter zu anderen Verbrechen hergestellt haben und wie die Analyse aus heutiger wissenschaftlicher Sicht  aussieht. Zudem stellte er die Frage, ob die Vergleiche sich auf das 20. Jahrhundert beschränken müssten. „Generell geht es darum, den Holocaust in die Geschichte einzuordnen“, sagte Pohl.

Erwartungen an Vergleiche

Die zentralen Fragen gliedert der Historiker in fünf Komplexe:
1. Wie haben die Täter totale Gewalt über die Opfer erlangt?
2. Wie sehen die Neuordnungsvorstellungen der Regime aus?
3. Wie werden Feindgruppen positioniert?
4. Welche Organisationen üben wie Gewalt aus?
5. Wie entwickelt sich die Gewaltdynamik? (Pohl spricht hier von „Ermöglichungsräumen von Gewalt").

Vergleiche sind nach Ansicht des Wissenschaftlers sinnvoll, um Interpretationskriterien zu gewinnen. „Eine Verinselung des Holocaust ist keine Perspektive für die Geschichtswissenschaft“, so Pohl. „Wenn aber die Genozidforschung meint, künftige Völkermorde verhindern zu können, dann ist das eine Illusion.“

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