Fußball und Gewalt

Polizei, Innenminister, Fanbeauftragte und Sportjournalisten diskutieren

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 30.11.2012

Von: Sebastian Haas und Susanne Prechtl

# Gesellschaftlicher-Wandel / Freiheit-und-Sicherheit

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Wir haben die Tagung gemeinsam mit dem Landesverband Bayern der Deutschen Polizeigewerkschaft veranstaltet. Hier sehen Sie (v.l.) unseren Tagungsleiter Dr. Gero Kellermann, den stellvertretenden Chefredakteur des Sportmagazins kicker Jörg Jakob, Akademiedirektorin Prof. Dr. Ursula Münch, den Bayerischen Innenminister Joachim Herrmann, den Vorsitzenden des Landesverbandes Bayern der Deutschen Polizeigewerkschaft Hermann Benker und den Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt.

Fußball fasziniert. Keine Sportart steht wie er im Blickpunkt der Gesellschaft. Fußball schlägt die Massen in seinen Bann. Doch manchmal schlagen die Massen zurück: mit Fäusten und Pyrotechnik, im Stadion, an Bahnhöfen, an Autobahn-Raststätten.

Gehören Fußball und Gewalt wirklich so eng zusammen, wie es in den Medien suggeriert wird? Oder wird ein Minderheitenphänomen auf die gesamte Sportart übertragen? Wie sieht eine Lösung aus Sicht der Vereine aus? Und wie bewältigt die Polizei die wachsenden Anforderungen bei einem Einsatz im und rund ums Stadion? Wir haben diese hochkomplexe Thematik diskutiert – und die Parteien um Antwort gebeten, die um ein Fußballspiel aktiv sind.

An der Podiumsdiskussion zum Thema „Krawalle, Pyro, Schlägerei – Fußball nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ nahmen teil: Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt, der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann und der stellvertretende Chefredakteur des kicker, Jörg Jakob. Die drei sind sich einig: Rassismus, Gewalt und Pyrotechnik haben im Fußball nichts zu suchen. Dabei sind sie allgegenwärtig. Noch immer werden ausländische und dunkelhäutige Spieler wüst beschimpft, kommt es zu Ausschreitungen von der Bayern- bis zur Bundesliga, ist jeder dritte Bereitschaftspolizist in Deutschland das ganze Jahr über mit nichts anderem als Fußball beschäftigt.

„Fußball und Gewalt sind miteinander verknüpft, weil bei diesem Spiel die Emotionen geschürt werden“, meint Jörg Jakob vom kicker. Anhand der Berichterstattung in den Medien zeigte er aber: die aktuelle Diskussion über Gewalt im Fußball wird seit Beginn der Bundesliga vor 50 Jahren geführt – und dennoch macht es Spaß und ist es sicher, ins Stadion zu gehen, weil eben 99 Prozent der Fans weitab von jeder Gewalt stehen.

Nicht den gesamten Sport verteufeln

Das Sporterlebnis sollte also nicht verteufelt werden. So sieht es auch der Bayerische Innenminister, erwartet aber „von jedem Verantwortlichen in den Vereinen eine strikte Distanzierung von Gewalt“. Das Konzeptpapier „Sicheres Stadionerlebnis“, das im Dezember von Liga und Verband verabschiedet werden soll, ist für ihn nicht verhandelbar: „Kein Fan und kein Verein hat etwas davon, wenn es am Ende Tote gibt oder als Strafe vor leeren Rängen gespielt werden muss“, sagte Joachim Herrmann in der Akademie für Politische Bildung.

Auch über den Aufwand der Polizei an Zeit und Kosten äußerte sich der Innenminister. So sei ein Aufgebot wie beim Fränkischen Derby Fürth-Nürnberg – nach den Ausschreitungen beim letzten Aufeinandertreffen – auf Dauer nicht tragbar. Ebenso wenig aber, dass Vereine und private Sicherheitsdienste alleine die Richtlinien fürs Stadion aufstellen und umsetzen, wie zuletzt von Rot-Weiß Erfurt gefordert.

Kein Geld vom Staat für Fanprojekte

Den Vorschlag, dass der Staat künftig für Fanprojekte zahlen solle und nicht mehr die Vereine, wies Herrmann entschieden zurück: „Wenn die Vereine nur fünf Prozent der Fernseheinnahmen in Fanprojekte investieren, würde deren Zahl verzehnfacht.“ Auch der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt hält es für unnötig, „dass der Staat uns rund um die Uhr mit Projekten bespaßen soll – und wir im Gegenzug keine Straftat begehen“. Denn nur im intensiven Dialog zwischen Fans, Sicherheitsbehörden und Politik kann das Problem der Gewalt in Stadien wirklich angegangen werden.

Schluss mit Pyro, Feuer und Bumm-Bumm

Den intensiven Dialog zwischen Sicherheitsbehörden und Fanbeauftragten haben wir auch in der Akademie für Politische Bildung Tutzing gefördert. Raimond Aumann vom FC Bayern München und Björn Bremer von Hannover 96 berichteten, wie Fangewalt aus Sicht der Vereine wahrgenommen wird. „Das Problem ist stärker geworden – wegen der Pyro-Technik“, meint Bremer. Wer die einsetze, habe weniger Interesse am Fußball als an Selbstdarstellung, Grenzüberschreitung und Provokation. Auch sein Pendant Aumann bezieht klar Stellung: „Pyro-Technik ist für mich keine Fankultur. Es ist das oberste Gebot des FC Bayern München und der Münchner Polizei, für Sicherheit zu sorgen. Ich bin nicht dazu bereit, auf den ersten Toten zu warten. Unsere Pflicht ist es, jetzt die nötigen Vorkehrungen zu treffen.“

Raimond Aumann bedauert, dass durch zunehmende Gewalt viele friedliche Fans beeinträchtigt werden („die friedliche Mehrheit leidet unter der gewaltbereiten Minderheit“). Björn Bremer empfiehlt, sich intensiv mit der Ultra-Bewegung und ihren Motiven auseinanderzusetzen. Denn es gehe „nicht nur um Gewalt, sondern auch um Macht und Einfluss“. In diesem Zusammenhang bedauert der Fanbeauftrage des FC Bayern, dass die Medien diesen Gruppierungen eine Bühne bieten: „Ich wünsche mir eine objektive Berichterstattung und bessere Recherche, bevor man das Thema plakativ aufbereitet und vielleicht sogar Partei ergreift.“

Ultras: intelligent, organisiert, fußballverrückt

Einen genauen Einblick in die Arbeit der Fanprojekte gab Dennis Galanti, Sprecher des Südverbunds der Fanprojekte. In Augsburg und bei Auswärtsspielen agiert er als Kontaktperson zwischen Fans und Polizei, setzt sich für respektvollen Umgang von beiden Seiten ein, organisiert U-18-Fahrten zu Auswärtsspielen (ohne Alkohol und Nikotin), nimmt an Verhandlungen von Stadionverboten teil, leistet anti-rassistische Arbeit und vieles mehr.

Seine Hauptzielgruppe sind natürlich die Augsburger Ultras, die er kennt, versteht und deshalb auch charakterisieren kann: „Ultras sind hochpolitische und organisierte Menschen mit größtenteils sehr hohem Bildungsgrad, und in Deutschland sind sie viel stärker anti-rassistisch eingestellt als im Rest Europas.“ Von Randalierern ohne Bildungshintergrund wäre eine Aktion wie die aktuelle 12:12 oder das reflektierte Netzwerk profans auch nicht zu erwarten. Nein, es geht den Ultras darum, eine eigene Subkultur zu pflegen. Denn man ist nicht nur während eines Fußballspiels ein Ultra, sondern rund um die Uhr.

„Wo darf man als Mann öffentlich weinen?“

Der Berliner Soziologie-Professor Jochen Roose analysierte den wahren Fußballfan. Der steht bedingungslos zu seinem Verein, verehrt ihn leidenschaftlich, kritisiert ihn aber auch. Das Stadion ist für ihn ein Ort der Inszenierung, der verbalen Aggression und der Emotionalität. „Wo sonst darf man als Mann heute öffentlich weinen, wenn nicht im Stadion beim Abstieg des Vereins?“ Rooses Meinung nach wird die Fangewalt in der öffentlichen Wahrnehmung überschätzt – wegen der Darstellung in den Medien, der erhöhten Kontrollintensität und der Ausdehnung des Gewaltbegriffs.

Fußball: kein rechtsfreier Raum

Johann Frank von der Landesinformationsstelle Sporteinsätze Bayern hat Statistiken ausgewertet und festgestellt: Gewalt, Verletze, Polizeieinsätze, Festnahmen, Pyrotechnik – alles vermehrt sich, wird intensiver und aggressiver. Dennoch brauche in Bayern „keiner Angst zu haben, ins Stadion zu gehen und Opfer einer Straftat zu werden“. Das größte Problem für ihn: Ultra-Gruppierungen, die Gewalt dulden und die Kooperation mit der Polizei ablehnen. Um das angespannte Verhältnis zu entschärfen empfiehlt Frank: „Situativ richtiges Verhalten. Keine Standardmaßnahmen.“

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Dr. Gero Kellermann
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