Flexibel bis zum Ende (II)

Wissenschaft zur entgrenzten Arbeitswelt

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 02.04.2012

Von: Sebastian Haas

# Gesellschaftlicher-Wandel / Sozialstaat / Arbeitsmarkt

Schwab-Kellermann-Erfurth-Tutzing

Was qualifiziert für morgen? Diese Frage beantworteten unsere Referenten Uwe Schwab (Projektleiter Übergangsmanagement Schule-Beruf der Stadt Augsburg) und Dirk Erfurth (Leiter "Student und Arbeitsmarkt"-Career Service der LMU München). In der Mitte unser Tagungsleiter Gero Kellermann. (Foto: Haas)

Flexibel, wann man arbeitet, flexibel, wo man arbeitet, flexibel, was man arbeitet. Welche Chancen bietet die zeitlich, räumlich und inhaltlich entgrenzte Berufswelt für ein erfülltes Arbeitsleben? Zu welchen gesellschaftlichen Veränderungen führt sie? Was, wenn man ihre Anforderungen nicht erfüllt? Bei unserer Tagung „Entgrenzungen in der Arbeitswelt“ diskutierten Volkswirte, Soziologen und Arbeitsrechtler mit Politikern, Berufsberatern und Betriebsräten. Die Tagung eröffnete Christine Haderthauer (CSU), die Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen. Hier widmen wir uns der Sicht der Wissenschaft – in so einfachen Worten wie möglich.

Die Arbeitsmarktpolitik: „Modern Times“ sind vorbei

Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn, sieht ein zentrales Problem der heutigen Arbeitswelt: Handlungsanweisungen werden durch Zielvereinbarungen ersetzt. Der Taylorismus – das Prinzip der Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen und klaren Hierarchien – hat ausgedient. An seine Stelle tritt die gesteigerte Verantwortung und Selbstorganisation der Arbeitsnehmer in Projekt- und Teamarbeit. Fachliche Kompetenzen werden vorausgesetzt, zusätzlich gefragt sind nun auch die sozialen: Selbstvermarktung, Vernetzung und Kommunikation. „Eigenbrötler haben praktisch keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt“, meint Schneider.

Manche dieser sozialen Kompetenzen kann man lernen, manche nicht. Wer bei all diesen Anforderungen kaum noch hinterherkommt, der erkrankt psychisch, leidet unter Stress und Burn-out. Ist dieser nun eine ernstzunehmende Depression? Oder nur eine Modekrankheit? Nimmt der Stress wirklich zu? Der Arbeitsmarkt-Forscher ist skeptisch und zieht die Glücksforschung zu Rate. Die besagt, dass die mittleren Jahrgänge, die heute den Arbeitsmarkt dominieren, tendenziell unglücklicher sind als junge oder alte Menschen – ihnen kann man es also schwer recht machen. Wahrer Stress ist für Hilmar Schneider ein ganz anderer: nämlich der, keine Arbeit zu haben.

Die Soziologie: Das Deutsche Modell in der Krise

Professorin Kerstin Jürgens, Leiterin des Fachgebiets Mikrosoziologie an der Universität Kassel, nahm das sogenannte Deutsche Modell in den Blick. Denn der Wandel der Arbeitswelt bringt eine Vielzahl von Widersprüchen in die Trias aus Erwerbsarbeit, Sozialstaat und Familie: Im Job handeln wir vermehrt als eigene Kleinunternehmer – sind aber in den meisten Rahmenbedingungen fremdbestimmt; wir sind mündige Bürger und können Ansprüche an den Sozialstaat stellen – doch die Arbeits- und Sozialpolitik verlangt Rechenschaft und legt es darauf an, dass wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen; in der Familie finden wir Geborgenheit – aber haben wir noch Zeit für sie, wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten müssen und wenn Frauen weiterhin den Großteil der Hausarbeit zu stemmen haben? So können wir an allen Ecken und Enden überfordert sein: mit der Arbeit, mit uns selbst, mit den sozialen Beziehungen, mit der Gesellschaft.

Wer da nicht aktiv Grenzen zieht, nabelt sich schnell ab. Nach Ansicht der Soziologin Kerstin Jürgens kann man diesen Tendenzen nur effektiv entgegensteuern, wenn die folgenden Fragen befriedigend beantwortet werden: Wie professionalisiere ich die Berufe, die uns bei der Lebensführung unterstützen – von der Erzieherin bis zur Pflegekraft? Wie kann ich Leistungsfähigkeit bei gleichzeitiger Gesundheit und sozialer Einbindung sichern? Wie kann ich meine eigenen Bedürfnisse befriedigen? Und müssen für das lebenslange individuelle Lernen verpflichtende Angebote bereitgestellt werden?

Das Arbeitsrecht: Einer ist immer der Blöde

Das Wechselspiel zwischen Sozialschutz und Wettbewerbsdruck war das Thema von Volker Rieble, Professor am Zentrum für Arbeitsrecht und Arbeitsbeziehungen der LMU München. Zugespitzt, provokativ und frech trug er seine Thesen vor. Schizophrenie: Weil wir nur an den eigenen monetären Vorteil denken, kaufen wir nicht die hierzulande produzierte Waschmaschine, sondern das chinesische Modell für ein Viertel des Preises. Diskriminierung: Warum werden Frauen in Deutschland so viel schlechter bezahlt als Männer oder gar nicht erst eingestellt? Weil die Arbeitgeber die Kosten für den Mutterschutz tragen müssen. Quersubventionierung: Ob jung zu alt, ob Auslands- zu Inlandsstandort, ob Tochter- zu Mutterunternehmen, irgendwer gibt irgendwem immer mehr Geld, als er oder sie zurückbekommt.

Und noch ein Beispiel hat der Arbeitsrechtler parat für das schwierige Verhältnis zwischen Schutz für Arbeitnehmer und den Interessen der Unternehmer: Mindestlöhne und Kündigungsschutz können seiner Ansicht nach in Kombination gefährliche Folgen haben: „Ein knapp fünfzigjähriger neu eingestellter Metallarbeiter in Baden-Württemberg zum Beispiel beißt sich drei Jahre durch, ist dann unkündbar und macht sich ein schönes Leben“, erzählt Rieble, „und wenn das viele so machen, müssen wir uns nicht wundern, wenn die Problemgruppen des Arbeitsmarktes nicht mehr eingestellt werden.“

Berufsberatung: Was qualifiziert für morgen?

Den Abschluss unserer Tagung bildeten zwei Impulsreferate mit anschließender Diskussion und diesen Referenten auf dem Podium: Uwe Schwab, der für die Stadt Augsburg Projekte zum Übergang von (Mittel-)Schule in den Beruf leitet, und Dirk Erfurth, Leiter des Career Service der Ludwig-Maximilians-Universität München, der bestätigte: „Bei Personal-Entscheidern sind die Kompetenzen des unternehmerisch tätigen Arbeitnehmers gefragt.“ Was zählt, ist mitnichten ein schnelles Studium, sondern Persönlichkeit und Praxis – und die vermittelt der Service „Studium und Arbeitsmarkt“ der LMU durch kostengünstige Praxiskurse, Angebote zur eigenen Zielfindung, Jobbörsen, Mentorenprogramme und die Vermittlung von Auslandspraktika.

Uwe Schwab erklärte, warum das seit Jahrzehnten stabile System der Berufsausbildung sich sehr wohl den flexiblen Anforderungen des Arbeitsmarktes anpassen kann. Bedingt durch den hohen Grad der Technisierung werden immer mehr Spezialkräfte benötigt. Wie kann das Duale System der Berufsausbildung darauf reagieren? Erstens durch die Neuschaffung von Ausbildungsberufen: die Mechatronikerin ist ein stark gefragtes, der Speiseeishersteller ein wenig gefragtes Beispiel dafür. Zweitens durch Novellierung: Berufe wie Grafikerinnen oder Einzelhändler können je nach Einsatzort völlig unterschiedlich ausgeprägt sein – die Ausbildung dazu setzt sich aus verpflichtenden und auswählbaren Bausteinen zusammen. Drittens gibt es das berufsbegleitende Studium/die studienbegleitende Ausbildung und zum vierten werden Aus- und Weiterbildung eng verzahnt, um vor allem besser Gebildete in Ausbildungsberufe zu locken.

Für motivierte Jugendliche, die etwas im Kopf haben, gibt es also mehr als genug Möglichkeiten, den richtigen Beruf zu finden. Wer aber den Abschluss in der neuen Mittelschule nicht schafft, hat es unfassbar schwer auf dem Arbeitsmarkt. Modelle wie eine mögliche vierjährige Ausbildung, die in der Schweiz praktiziert wird, gibt es hierzulande nicht. „Die Förderung von benachteiligten Jugendlichen“, das gibt Uwe Schwab offen zu, „ist noch stark ausbaufähig.“ Vor allem natürlich, weil es an klaren Regelungen zur Finanzierung solcher Programme fehlt.

Zur Mitarbeiterseite
Dr. Gero Kellermann
Tel: 08158 / 256-33
E-Mail

PDF-Programm

Flexibilität als Norm - Entgrenzungen in der Arbeitswelt


News zum Thema


q