Schreckensbilder

Verroht unsere Bildberichterstattung?

Tutzing / Tagungsbericht / Online seit: 12.12.2011

Von: Sebastian Haas und Michael Schröder

# Ethik-und-Journalismus

Tilgner-Wünsche-Tutzing

Berichteten vor bzw. hinter der Kamera aus vielen Krisengebieten: Ulrich Tilgner und Armin Wünsche.

Massenmorde, Naturkatastrophen, Kriege, Hunger. Täglich erreichen uns in Zeitungen, Fernsehen und Internet Bilder des Grauens. Sie sind gefragt, erhöhen Aufmerksamkeit und Einschaltquote. Doch was darf, was muss gezeigt werden, und was nicht? Das haben Wissenschaftler, Chefredakteure und Kriegsreporter beim Zweiten Tutzinger Medien-Dialog diskutiert.

„Kriege, die große Beachtung finden, werden inszeniert.“ Was Ulrich Tilgner zum Beginn unserer Tagung Schreckensbilder – Verroht unsere Berichterstattung? sagte, ist nicht neu; was der Journalist, den wir von seinen Berichten aus Krisengebieten für das ZDF kennen, aber aus seinen Erlebnissen vom Golfkrieg erzählte, lässt doch aufhorchen. Er berichtete über „Strategien, Hütchenspiele und gezielte Indiskretionen der kriegführenden Parteien“, um Journalisten zu beeinflussen und zu verwirren. Ein Leichtes: Krisen-Berichterstatter müssen schnell arbeiten, eine Bilderflut von Chaos und Schrecken produzieren und kommen dabei kaum mehr dazu, sich um die Hintergründe zu kümmern.

„Gestorben wird weiter“

Stattdessen filmen die Journalisten eine Rakete von ihrem Abschuss bis zum Einschlag, weil sie die Informationen dafür erhalten. Sie können ihre Bilder pünktlich zum Frühstücksfernsehen liefern, weil sie die Motive zur richtigen Zeit serviert bekommen. Sie tragen fürs Fernsehen Schutzwesten, während ihre Mitarbeiter im T-Shirt hinter der Kamera stehen. Sie müssen schnell zum nächsten Krisenherd ziehen, und bemerken nicht mehr, dass an ihrem vorherigen Standpunkt keine Hightech-Munition mehr eingesetzt wird, sondern menschenverachtende Streubomben. Sie ziehen als embedded journalists mit der Truppe in den Kampf – und machen sich durch all das zum Teil einer großen Inszenierung, zum Teil der asymmetrischen Kriegsführung. Medienprofi und Medienkritiker Tilgner warnt: Wer so den Gegner in die Irre führen will, wer nur nach den krassesten Bildern Ausschau hält, der führt auch die eigene Bevölkerung in die Irre.

Das sind also die Hintergründe – dann folgte für die Teilnehmer unserer Tagung die schreckliche Realität. Für die ARD berichtete Armin Wünsche 1994 aus Sarajevo. Die Einkesselung dieser Stadt hat sich dem heute 72-jährigen Kameramann tief ins Gedächtnis eingegraben. Er zeigte: Granaten, die explodieren; Soldaten, die rennen, Kinder, die schießen; Menschen, die verbluten; Därme, die quellen und Ärzte, die versuchen zu retten, wer nicht mehr zu retten ist. Zwar versicherte Armin Wünsche: „Man macht sich in dem Moment des Filmens keine Gedanken darüber, was solche Erlebnisse mit einem anstellen können. Mit dieser Blauäugigkeit habe ich es weit gebracht.“ Doch die leise Stimme, mit der er sprach und die Behutsamkeit, mit der er aus seinem (Kriegs)Tagebuch vorlas und von einem Zusammenbruch erzählte, lassen erahnen, wie sehr Schreckensbilder auch Jahre danach noch wirken müssen. Und das Schlimmste dabei ist seiner Meinung nach: „Kreaturen, die Kriege inszenieren, wird es immer geben. Geschossen und gestorben wird weiter.“

Sterben und Tod, Folter und Martyrium, Fegefeuer und Krieg gehören schon lange zur bildlichen Instrumentalisierung des Schreckens. Professor Rainer Wirtz (Konstanz) zeigte, dass uns diese Phänomene seit Jahrtausenden durch die Kultur begleiten, und vor allem durch seinen Fachbereich, die Ikonographie. Die Leitlinien der Medienethik waren das Thema von Christian Schicha. Der Düsseldorfer Professor meint: In den Medien ethisch zu handeln heißt nicht zwingend, Stoppschilder gegen Zügellosigkeit aufzustellen. Denn woran soll ein Journalist sich halten: an Grund- und Menschenrechte? An Vorgaben des Staates? An religiöse Ansichten? Ans Medienrecht? An Kants kategorischen Imperativ? Vor diesem Hintergrund ist es schwierig zu entscheiden, ob ein Bild bearbeitet werden darf, soll oder sogar muss.

Ethisch korrekt im Haifischbecken

Kann man im journalistischen Haifischbecken München – wo gleich fünf Tageszeitungen um Leser buhlen – als Boulevardblatt ethisch vertretbaren Journalismus machen? Dieser Frage ging Arno Makowsky nach. Der Chefredakteur der Abendzeitung wollte mit dem Vorurteil aufräumen, dass es dem Boulevard nur um blood, sex & crime geht. Zwar geht der Zeitungsmacher davon aus: Emotionale Bilder verzweifelter Menschen wirken und sie müssen eingesetzt werden. „Ohne Bilder hungernder Kinder in Ostafrika würde es keine Spenden geben, ohne Bilder der Gewalt keine politische Diskussion über Kriegseinsätze. Wer keine Toten zeigt, macht es sich zu einfach“, sagt Makowsky, plädiert aber gleichzeitig für Zurückhaltung.

Und das aus gutem Grund. „Schreckensbilder sind zum Verkauf einer Zeitung eher ungeeignet. Die Leser mögen es nicht“, erklärte der Chefredakteur und wartete mit Ergebnissen einer eigenen Analyse auf. Makowsky hat für das Jahr 2011 die Verkaufszahlen der Münchner Boulevardzeitungen anhand ihrer Titelseiten ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis: so ziemlich am schlechtesten verkaufte sich das Bild des toten Gaddafi; mit der Berichterstattung über den Attentäter von Oslo hat sich die Abendzeitung Ärger mit dem Presserat und vielen Lesern eingehandelt; am besten laufen Titel wie „100 beste Witze“ und „Der Nebenkosten-Rechner“. Für Makowsky ist bedeutet das: Die Zeiten vom Kannibalismus, Größenwahn und Blut sind vorbei. Starke Geschichten und Service rücken in den Vordergrund. An dieser Aussage muss sich die Abendzeitung in Zukunft messen lassen.

Harter Wettbewerb um eklige Bilder

Das Internet ist ein globales Medium. Hat es da überhaupt noch Sinn, im nationalen Rahmen nach einem ethischen Maßstab im Journalismus zu fragen? Stefan Plöchinger, Chefredakteur der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, meint ja. Denn Ethik gebe es nun mal nicht global, sondern nur sehr persönlich. Er gibt allerdings zu, dass der „Wettbewerb um eklige Bilder härter“ geworden sei: „Die reizen zum Klick, sie verführen zum Anschauen.“ Immer mehr würde sich das internationale Medium Internet an amerikanischen Standards orientieren, und das sei negativ zu bewerten. Seine Zeitung hat sich zum Beispiel für die Druck- und auch die Online-Ausgabe entschieden, keine Bilder des toten Diktators Gaddafi zu drucken und zu senden. „Die Bilder sind in der Welt. Wer sie sehen will, kann sie sehen. Wir müssen das nicht überdokumentieren“, sagt Plöchinger.

Auch sein Chefredakteurskollege Daniel Steil von Focus online bestätigt, dass die Hemmschwelle niedriger liegt als früher, „weil alles zur Verfügung steht.“ Früher hätte es auch wegen der technischen Produktionsbedingungen viel mehr Zeit zum Nachdenken und mehrere Kontrollinstanzen gegeben. „Heute fallen die weg“, sagt Steil. Fünf Milliarden Handys gebe es auf der Welt: „Alles wird von jedem rund um die Uhr fotografiert, gefilmt, gesendet und gedruckt. Es gibt unzählige Informationskanäle – auch nicht-professionelle. Oft sind Beteiligte die Produzenten.“ Und das gehe zu Lasten der Unabhängigkeit und Objektivität. Aber Steil sieht auch Vorteile: „Anders als beim Printmedium können wir schnell korrigieren und etwas zurückholen.“ Und es gebe einen intensiven Dialog mit den Nutzern als Gradmesser von Qualität und ethischen Maßstäben.

Nach Bildern wildern?

Ein anderes Problem der Bildbeschaffung und -verwendung warf Stefan Plöchinger auf: „Wie weit darf man in Facebook nach Bildern wildern?“ Gerade bei Unfällen, Katastrophen oder Verbrechen stünden oft Informationen und Bilder von Opfern und Tätern in den sozialen Netzwerken – von ihnen selbst hineingestellt. Das früher oft so genannte „Witwen schütteln“ an den Haustüren von Hinterbliebenen auf der Jagd nach Fotos sei meist nicht mehr nötig. Man könne sich im Internet bedienen. Dürfe man das bei Opfern von Gewaltverbrechern und Mördern? Oder nur bei Rechtsterroristen und Neonazis? Plöchinger sieht die Medienethik im Online-Journalismus noch unterentwickelt. „Der Pressekodex muss weiterentwickelt werden und an die neuen Herausforderungen des Internet-Zeitalters angepasst werden. Es lohne sich, denn: „Leser honorieren guten Journalismus.“ Davon ist Plöchinger überzeugt.

Schmuddelecken im Netz

Aber im Netz findet sich eben nicht nur guter Journalismus. Die Schmuddelecken des Web 2.0 sind voll von Pornografie, Gewalt, politischem Extremismus und Cybermobbing. Stefanie Reger von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) kämpft gegen Windmühlen, denn Daniel Steil meint: „Wir kriegen das Netz nicht mehr unter Kontrolle.“ Aber die KJM versucht wenigstens gegen deutsche Anbieter vorzugehen und die schlimmsten Auswüchse wie „Ritzerseiten“, Sado-Maso-Darstellungen, Voyeurismus und „Prügelforen“ zu indizieren. Reger sieht den Jugendschutz auch mit einer deklaratorischen Funktion. Das saubere Netz sei nicht das Ziel der KJM und: „Medienkompetenz kann den Jugendschutz nicht ersetzen.“

Mehr Medienkompetenz ist das Ziel von Ingrid Paus-Hasebrink, die sich an der Universität Salzburg mit Medienwirkungen bei Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Sie sieht in den Medien die entscheidenden Vermittler von Welt-Bildern in den kindlichen Lebenswelten. Dabei stehe im Vordergrund der kindlichen Mediennutzung nicht die Aneignung von Wissen, sondern die Unterhaltung. Dabei spielen „Helden“ eine wichtige Rolle als Identifikationsfiguren.

Immer wieder würden spektakuläre Anlässe wie Amokläufe von Jugendlichen zum Anlass genommen, um auf die Gefährdungen durch Medien hinzuweisen und die Medienwirkung mit Sucht und Verwahrlosung in einen Zusammenhang gestellt. Paus-Hasebrink sieht die Zusammenhänge differenzierter: Es müssten kindgerechte Angebote ausgewählt werden und Eltern dürften Kinder mit ihrer Mediennutzung nicht allein lassen. So könnten Angstgefühle vermieden werden. Eltern sollten ihre Kinder auch nicht belügen. Wenn Kinder und Tiere in Filmen real leiden, solle man das auch so benennen. Auf der anderen Seite warnte die Medienforscherin vor zuviel Emotion und Stereotypen. Den Kindern müssten Konfliktlösungsmodelle angeboten werden. Ferner seien die Vorbilder und der Umgang miteinander in der Familie wichtig. Verbote von Medien seien nur bedingt wirksam.

Wir haben den Zweiten Tutzinger Medien-Dialog zusammen mit der Evangelischen Akademie Tutzing veranstaltet.

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Dr. Michael Schröder
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