Telekolleg aus Tutzing

Die Akademie macht Bildungsfernsehen

April 1968



Manfred Hättich im Studio des SWF


Mit dem Bildungsformat Telekolleg startete 1967 im Bayerischen Fernsehen ein Programm zur berufsbegleitenden Erwachsenenbildung. Es sollte vor allem jungen Erwachsenen zwischen 25 und 40 Jahren die Möglichkeit zum Erwerb der mittleren Reife oder der Fachhochschulreife bieten und kombinierte dazu Fernsehsendungen, schriftliche Materialien und regelmäßige Unterrichtsveranstaltungen. Die Akademie war ab 1968 aktiv und maßgeblich an der Konzeption des Sozialkundelehrgangs beteiligt.

Im April 1968 legte die Akademie – noch unter Direktor Felix Messerschmid – ein mehrseitiges Papier vor, das sich intensiv mit Konzeption und Realisierung eines Lehrprogramms Sozialkunde im Telekolleg des Bayerischen Rundfunks beschäftigte. Es formulierte „Möglichkeiten und Voraussetzungen“, „Ziele“ sowie einen „Themenvorschlag“ mit insgesamt 13 Folgen. Das TV-Format brachte einige Besonderheiten mit sich: Verglichen mit dem regulären Unterricht war allein schon die zur Verfügung stehende Sendezeit wesentlich geringer. Das machte es unter anderem nötig,

„den Gesamtbereich auf das strikt Notwendige zu beschränken“, die „Einzelsendungen straff auf die lernnotwendige Information und die daraus zu gewinnenden Einsichten anzulegen“ sowie „zu jeder Sendung für Vorbereitung und/oder Ergänzung kurze Publikationen als Pflichtlektüre anzugeben“.

Bildung per Bildschirm

1969 wurden die ersten Sozialkundesendungen vom Akademiedozenten und späteren langjährigen Tutzinger Bürgermeister Alfred Leclaire im BR-Studio in München-Unterföhring „eingesungen“. Der telegene Leclaire verkörperte gleichsam das Gesicht der Akademie. Auf einer im September 1970 in Tutzing veranstalteten Konferenz für Sozialkundelehrer des Telekollegs wurden die konzeptionellen Ansätze weiter verfeinert. Der neue Akademiedirektor Manfred Hättich griff die geleisteten Vorarbeiten auf und intensivierte die Zusammenarbeit mit weiteren Fernsehanstalten. Unter seiner wissenschaftlichen Gesamtleitung wurde zusammen mit dem Südwestfunk im Telekolleg II ein neuer Lehrgang Sozialkunde mit insgesamt 13 Lektionen produziert. Das Akademieteam, das das begleitende Studienmaterials besorgte, bestand aus Eckard Colberg, Gebhard Diemer, Hans Friedrich, Ursula Männle und Jürgen Weber. Mit diesem Kurs wurden vor allem zwei didaktische Ziele verfolgt: Es sollte zum einen nicht so sehr von Institutionen gehandelt, sondern Politik in erster Linie als Prozess begriffen werden. Zum anderen wurden Einsichten in Probleme und der geübte Umgang mit ihnen für wichtiger erachtet als reines Faktenwissen.

Großer Anklang

Das neue Format politischer Bildung schien recht gut anzukommen – so gut, dass im Jahre 1979 eine komplett überarbeitete und auch erheblich umfangreichere Neuauflage des Sozialkundekurses im Telekolleg I realisiert wurde. Die neuen Sendungen standen unter der redaktionellen Verantwortung von Ursula Goetzl vom Südwestfunk. Arbeitsbücher und Sendemanuskripte für die auf 26 Lektionen erweiterte Ausgabe verfasste Manfred Hättich.

Bildungsfernsehen verbindet

Lektion 21 war für den Ort Tutzing mit einem ganz besonderen Erlebnis verbunden. Mit dem Ziel, eine Episode dem „politischen Leben an der Basis“ zu widmen, lud der amtierende 1. Tutzinger Bürgermeister Alfred Leclaire Vertreter aller wichtigen Tutzinger Vereine und Institutionen zu einer Abendveranstaltung am 23. November 1979 auf der Tutzinger Rathaustenne ein. Unter der Leitung von Manfred Hättich wurde dort vom Südwestfunk Baden-Baden eine Fernsehaufzeichnung produziert. Und alle waren sie da: Vertreter von CSU, FDP, SPD, parteilosem Wählerblock, Junger Union, den Vereinen zur Erhaltung des Midgard- sowie des Weberhauses, der Bürgerinitiative Staatsstraße 2063, der Freiwilligen Feuerwehr, von Rotem Kreuz und Wasserwacht, vom Stern der Menschlichkeit, dem Altenclub, der Arbeiterwohlfahrt, der Kranken- und Familienhilfe, dem Verein ambulante Krankenpflege, der Katholischen Jungen Gemeinde, der Evangelischen Jugend, der Jungen Mannschaft Tutzing sowie Traubing, dem TSV Tutzing, vom Sportclub, Tennisclub sowie Sportverein Traubing, vom Deutschen Alpenverein, den Musikfreunden und dem Liederkranz Tutzing, der Tutzinger Gilde, dem Trachtenverein Würmseer Stamm, dem Kulturverein Traubing, den Elternbeiräten der ortsansässigen Schulen, dem Pfarrgemeinderat der Katholischen Pfarrgemeinde sowie dem Evangelischen Kirchenvorstand. In den „Hinweisen auf die Sendung“ heißt es:

„Dadurch, dass sich Vertreter von politischen und nichtpolitischen Organisationen einer Gemeinde treffen, soll die Vielfalt der Möglichkeiten bürgerlicher, politischer und sozialer Aktivitäten zur Anschauung gebracht werden. In Interviews mit diesen Vertretern wird die Struktur des Organisationslebens einer Gemeinde sichtbar gemacht und werden die Gelegenheiten, bei denen Organisationen ohne politische Zielsetzung mit der Politik in Berührung kommen, gezeigt.“

Am 6. Januar 1984 wurde die 29-minütige Telekolleg-Sendung erstmals ausgestrahlt. Ob sich der damit beabsichtigte Lernerfolg auch in Tutzing einstellte, vermag der Autor indes nicht zu beurteilen.

Steffen H. Elsner


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