Politische Jugendbildung im überregionalen Verbund

Die Tutzinger Akademie und die Nürnberger Jugendakademie für Politische Bildung

Januar 1960


„Demokratie durch Tun", dieses im anglo-amerikanischen Bereich verbreitete Prinzip, hatte sich die Jugendakademie für Politische Bildung in Gemeinschaftsarbeit mit der Tutzinger Akademie modellhaft zueigen gemacht. In der im Jahre 1960 aus der Taufe gehobenen Nürnberger Jugendakademie hatten sich aufgeschlossene junge Menschen unter der Leitung von Hermann Glaser (1964-1990 Schul- und Kulturdezernent der Stadt Nürnberg, Honorarprofessor an der TU Berlin) und dessen Mitarbeiter Harald Straube zusammengeschlossen, um in organisierter Form überparteiliche politische Bildungsarbeit zu leisten.

Der Wert und die Bedeutung der politischen Erziehung und Bildung junger Menschen für die Zukunft eines freiheitlich-demokratischen Gemeinwesens bedarf heutzutage keiner besonderen Begründung mehr. Ende der fünziger, Anfang der sechziger Jahre lag dieses außerordentlich wichtige Aufgabenfeld der politischen Bildungsarbeit jedoch noch weitgehend brach.

Kein Interesse oder Mangel an Bildung?

„Erst bilden, dann entscheiden", so lautete denn auch das Credo der zunächst organisatorisch der Volkshochschule Nürnberg angeschlossenen neuen Jugendakademie. In Ergänzung zu den Jugendverbänden der politischen Parteien wandte sie sich an junge Menschen im Alter zwischen 16 und 21 Jahren, die „sich (noch) ungebunden, risikolos aber kritisch mit der Politik als Modellfach beschäftigen möchten, die erst einmal auf möglichst neutraler Ebene und mit wissenschaftlichen Grundlagen einen Bildungsstand erreichen wollen, der ihnen dann eine durchdachte und wohlbegründete eigene [politische] Entscheidung ermöglicht."

Nicht Interesselosigkeit, so die Einschätzung ihrer damaligen Initiatoren, sei der Grund für den oft bei Jugendlichen beklagten Mangel an politischer Bildung. Vielmehr würde weder in den Schulen ausreichend staatsbürgerlich ausgebildet noch bestünden im Rahmen von Freizeitaktivitäten hinlängliche politische Bildungsangebote. Schon gar nicht aber dürfe man politische Bildung allein den parteipolitischen Jugendorganisationen überlassen. Auch gelte es, die rund 75 Prozent der jenseits organisierter Verbände stehenden Jugendlichen nicht zu vergessen.

Entwicklung eines demokratischen "Grundgefühls"

Insofern sei die Nürnberger Jugendakademie für Politische Bildung „eine Notwendigkeit, um auf der Grundlage absoluter parteipolitischer Neutralität das für das menschliche Leben unbedingt erforderliche staatsbürgerliche Bewusstsein zu wecken" und damit die politische Bildung junger Menschen zu fördern. Die Staatsbürger von morgen müssen „schon heute in den Staat hineinwachsen; nur wenn ein demokratisches »Grundgefühl« in breiten Kreisen entwickelt werden kann, sind Garantien für die Aufrechterhaltung und weitere Verwirklichung einer menschenwürdigen Gesellschaftsform gegeben."

Dies wurde vom damaligen Akademiedirektor Felix Messerschmid wohl ebenso gesehen, weshalb er der Nürnberger Einrichtung bei deren konzeptioneller Grundlegung und ihrer Etablierung in der Folgezeit tatkräftige Unterstützung zuteil werden ließ. Das „Nürnberger Modell“ sollte nicht zuletzt weiteren Jugendakademien für politische Bildung in den einzelnen bayerischen Bezirken und Städten als Blaupause dienen.

Information durch Vertrauensleute

Das organisatorische Fundament der Jugendakademie bildeten Vertrauensleute in den Schulen. In Verbindung mit der Schülermitverwaltung informierten die Vertrauensleute ihre Mitschüler über die Arbeit der Jugendakademie. Ihnen oblag zugleich die Auswahl der Teilnehmer an deren unterschiedlichen Veranstaltungen. Die durchschnittliche Gesamtteilnehmerzahl wird für 1960/61 mit 120-130, für 1961/62 bereits mit 250 angegeben. Die Arbeit der Jugendakademie vollzog sich im Wesentlichen innerhalb von vier methodischen Einheiten: Hauptkurse, Arbeitskreise, Arbeitsgruppen und Wochenendtagungen. Sie war als Veranstaltungsreihe im Trimester-Rhythmus organisiert. Jede Veranstaltungsreihe stand unter einem bestimmten Rahmenthema und wurde mit einer Wochenendtagung in der Tutzinger Akademie abgeschlossen.

17 Wochenenden für die Demokratie

„Wir und die Demokratie“, so lautete das Rahmenthema, unter dem am 20./21. Januar 1961 in Tutzing die Abschlusstagung des 1. Trimesters der Nürnberger Jugendakademie für Politische Bildung stand. Nach der Begrüßung referierten Akademiedirektor Messerschmid und Tagungsleiter Manfred Scheib zum „Wandel der politischen Ideen und Grundstimmungen von 1910-1948 (Erlebte Geschichte)". In einem weiteren Vortrag verglich Messerschmid die „Gesellschaftliche und politische Ordnung in Demokratie und Diktatur". Manfred Scheib erläuterte am Sonntagvormittag die „Methoden der politischen Jugendführung in der SBZ" und beschloss damit die Reihe der Tagungsreferate. Die rund 50 Nürnberger Teilnehmer nutzten intensiv die gebotene Gelegenheit zu Diskussion und persönlicher Aussprache mit den Tutzinger Referenten. Weiteren zwei Tagungen im selben Jahr 1961 folgten bis 1969 noch insgesamt 17 Wochenendgespräche mit der Nürnberger – zuletzt zusätzlich auch der Coburger – Jugendakademie. Mit dem im Juli 1969 hausintern gefassten Entschluss, Wochenenden nur noch „in unumgänglichen Fällen" zu belegen, endete dieses erfolgreiche kollaborative Tagungsformat.

Steffen H. Elsner


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