„Eine Demokratie ist kein Schlaraffenland“

In Erinnerung an unseren Gründungskurator Eric Voegelin (1901–1985)

Januar 1985



APB-Archiv


Am 19. Januar 1985 verstarb Eric Voegelin im Alter von 84 Jahren in Stanford/Palo Alto (Kalifornien). Für die Akademie und ihre Arbeit zählt er zu den wichtigsten und prägendsten Persönlichkeiten.

Bereits als Vorstandsmitglied des 1957 konstituierten Gründungskuratoriums hatte Eric Voegelin maßgeblichen Anteil an der Erarbeitung der im September 1958 offiziell verabschiedeten „Richtlinien für die Arbeit der Akademie“. Nur kurz nach seiner Berufung auf das neugeschaffene Ordinariat für Politische Wissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahre 1958 hielt er dann auch den Festvortrag zur feierlichen Eröffnung der Akademie am 21. Februar 1959. Dass die Gründungsveranstaltung just in dem Hause stattfand, in welchem das Denkmal der Geschwister Scholl steht, kann durchaus als symbolträchtig gelten.

Mahnende Worte stehen am Anfang seiner Rede. Sie sind heute – in Zeiten von Political Correctness, informationeller Totalüberwachung, islamistischem Terror und massenhaften (Anti-)Pegida-Protesten in deutschen Städten – aktueller denn je.

„Wir leben in einem freien, demokratischen Gemeinwesen, und wir wollen, dass es frei und demokratisch bleibe. Aber Freiheit und Demokratie sind nichts, was durch die Einrichtung einer Verfassung ein für alle Mal garantiert werden könnte. Wir haben eine demokratische Verfassung gehabt. Aber sie wurde in ihrem Funktionieren durch die Blockmajorität von rechts und links gelähmt; und sie wurde durch Gewalt, die nicht den Widerstand organisierter Gegengewalt hervorrief, hinweggefegt. Gewiss haben nicht alle, die zu der Katastrophe ihr redliches Teil an Enthusiasmus und Bemühen beigetragen haben, die Folgen gewollt. Nur zu oft haben wir sie stammeln gehört: ‚So haben wir es nicht gemeint‘ – in der Erwartung, dass man sie für den Gedanken nach der Tat auf die Schulter klopfen würde. Aber dem Bürger einer Demokratie ist der Gedanke nach der Tat nicht erlaubt – er muss vorher denken, und er muss wissen, was er tut.“

Das klingt hart – und ist es auch: „Eine Demokratie ist kein Schlaraffenland, in dem der friedliche Bürger seinen Geschäften nachgehen und sich des Wirtschaftswunders erfreuen kann, sondern ein Zustand der täglichen, wohlgeübten und zur Gewohnheit gewordenen Wachsamkeit und Disziplin in den Grundfragen des politischen Lebens. Demokratie ist nur möglich, wo es Bürgertugend gibt. Und die erste der Tugenden, ohne die allen anderen die Ordnung des Handelns fehlt, ist das sichere Wissen um die Grundsätze des Zusammenlebens freier Menschen in einer freien Gesellschaft.“

Auf die konsequente Frage, wo denn diese elementaren (ethischen und politischen) Grundsätze zu finden seien, führt Voegelin an gleicher Stelle aus: „Die Schlagworte des politischen Lebens, zu denen auch ‚Demokratie‘ und ‚Freiheit‘ gehören, geben sie uns nicht. Ausdrücke, die so sehr Klischees geworden sind, dass ein Sowjetpolitiker sie ebenso gebrauchen kann wie ein Demokrat, bedürfen genauerer Besinnung auf ihre Bedeutung, damit nicht in eben ihrem Namen Freiheit und Demokratie zerstört werden.“

Durchdringen zum „Wesen der Sache“

Vielmehr geht es darum, so Voegelin weiter, „durch die Inkrustationen des Propagandamissbrauchs wieder zum Wesen der Sache“ durchzudringen. Damit gab er der Akademie Mittel, Weg und Ziel für ihre konkrete politische Bildungsarbeit vor, nämlich die „großen Fragen politischer Freiheit und politischer Ordnung“ jenseits hektischer politischer Tagesbetriebsamkeit, übermächtigen Zeit- und Opportunitätszwängen und den stets hungrigen Augen und Ohren der Medien beständig neu zu stellen und zu reflektieren. Aber auch, die Bürger im Angesicht aktueller Entwicklungen zum selbständigen rationalen politischen Urteil zu befähigen und zum aktiven Eintreten für die Demokratie und ihre basalen Grundlagen zu gewinnen – eben „Bürgertugend“ und „Gemeinsinn“ zu vermitteln.

Sternstunden des Akademiebetriebs

Über den unmittelbaren Gründungszeitraum und die frühe Etablierungsphase hinaus, hat Voegelin die Akademie in vielfältiger Weise unterstützt und das Tagungsgeschehen bereichert: Besondere, auch mediale Aufmerksamkeit erzielte beispielsweise sein Einführungsvortrag unter dem Titel „Was ist ‚Politischer Stil‘?“ im Rahmen der gleichnamigen, erstmals in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landtag veranstalteten und hochkarätig besetzten Tagung vom Januar 1962. Seine Auftritte auf den Medientagen „Akademie und Meinungsbildung“ (1963), der wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft zum Thema „Was ist ‚Politische Realität‘?“ (1965), der Studientagung „Emigration und Rückkehr – Wie leben Deutschlands Emigranten?“ (1966), wie nicht zuletzt auch auf dem wissenschaftlichen Symposion „Politische Philosophie heute“ (1980) zählten zweifellos zu den Sternstunden des Tutzinger Akademiebetriebes.

Sein Einfluss erstreckte sich bis in die inzwischen recht stattliche Akademiebibliothek hinein, deren Aufbau er im März 1960 durch die Überlassung des frisch fertiggestellten Signaturverzeichnisses seiner Münchner Institutsbibliothek unterstützte. Bei der Beziehung zum Gründungsdirektor Felix Messerschmid kann mindestens von einer wechselseitigen profunden Wertschätzung, wenn nicht gar von freundschaftlicher Verbundenheit gesprochen werden. Darauf jedenfalls lässt die überlieferte Korrespondenz schließen.

Nach seiner Münchner Emeritierung im März 1969 war Voegelin in die USA zurückgekehrt, wohin er 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische „Dritte Reich“ und der Belegung mit Lehr- und Publikationsverbot emigriert war.

Die Akademie hat ihm stets ein gebührendes Andenken bewahrt. Im September seines Sterbejahres wurde zu Ehren Voegelins ein wissenschaftliches Symposion unter dem Titel „Symbol und Ordnungsformen – Bedingungen und Möglichkeiten der zivilisationsvergleichenden Analyse“ sowie, aus Anlass seines 10-jährigen Todestages, im März 1995 ein wissenschaftliches Kolloquium „Politische Philosophie heute“ abgehalten. In seinem Geiste stellen wir auch heute die „großen Fragen“ und mühen uns nach Kräften, jeweils zum „Wesen der Sache“ vorzudringen.

Steffen H. Elsner


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