51 Jahre „Mobilisierung der Demokratie"

Die Forderung des Akademiegründers Waldemar von Knoeringen ist aktueller denn je

April 1966




Waldemar von Knoeringen (1906 – 1971) gehört zu den herausragenden Vertretern der bayerischen und deutschen Sozialdemokratie. Wie kaum ein anderer hat er der politischen Bildung und Demokratieerziehung nach 1945 vielzählige Anstöße und Impulse gegeben. Zu seinen noch heute bestehenden Gründungen zählen die Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel am See, die Kritische Akademie in Inzell und unsere Akademie für Politische Bildung.

Nach seinem Rückzug als bayerischer SPD-Vorsitzender 1963 konzentrierte sich Knoeringen mit großem Einsatz auf Bildungs- und Wissenschaftspolitik. In diese Zeit fällt auch die von ihm und einer Gruppe junger Akademiker um Peter Glotz initiierte Kampagne zur „Mobilisierung der Demokratie“. Zwei Jahre vor der Studentenrevolte und gerade rechtzeitig zum SPD-Parteitag 1966 legte diese Gruppe – der auch die ehemaligen Akademiemitarbeiter Peter Hanke, Jürgen Maruhn und Hans-Günter Naumann angehörten – die 200 Seiten starke Programmerklärung vor. Darin wird dem „utopischen Progressismus von links“ und dem bleiernen „Konservatismus von rechts“ ein Konzept der „anthropologischen Orientierung aller Politik“ entgegengesetzt. Demokratie wird hier verstanden als „Lebensform eines anthropologischen Humanismus“. Die Schrift tritt ein für: die zukunftsorientierte Reform der (bundesdeutschen) Demokratie, die Belebung der demokratischen Institutionen sowie die Verbesserung der Willensbildung- und Mitbestimmungsmöglichkeiten in Staat und Gesellschaft:

„In dieser Schrift haben wir versucht, das überall spürbare Unbehagen an der Demokratie zu artikulieren und Vorschläge zu unterbreiten, wie Strukturschwächen dieser Demokratie, die im Zuge der sozialen Umordnungen immer deutlicher sichtbar werden, behoben werden können."

Antidemokratische Kräfte

Knoeringens Überlegungen geben Antworten und sind Ansporn zur Bewältigung virulenter politischer Herausforderungen unserer Tage. So steht unter Punkt 4 „Auseinandersetzung mit den antidemokratischen Kräften“ über die Bedrohung der Demokratie zu lesen: "Die Demokratie ist ständig von antidemokratischen Kräften bedroht. Die begrüßenswerte Tatsache, dass heute die überwiegende Mehrheit unseres Volkes demokratischen Parteien ihre Stimme gibt, darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Welt in jedem Augenblick Menschen hervorbringt, die danach trachten, ihre Mitmenschen zu unterdrücken und die deshalb nach dem "starken Mann" rufen, die "Größe der Nation" beschwören oder eine ideologische Heilslehre gewaltsam durchsetzen wollen. Aggressive Kräfte sind in der Gesellschaft stets latent vorhanden. Unter bestimmten Bedingungen können sie gerade in der Demokratie wirksam werden."

Dauernde Aufgabe

Dagegen hilft allein die "Gemeinsamkeit der Demokraten": "Gegen diese Kräfte müssen sich alle demokratischen Parteien gemeinsam wenden. Das kann nicht bedeuten, dass der permanente Notstand erklärt und alle bestehenden Konflikte großzügig übersehen werden sollen. Aber es muss bedeuten, dass dort, wo die Sicherung der Demokratie auf dem Spiel steht, ein Gespräch zwischen den Parteien immer möglich sein muss. (…) Alle Maßnahmen zur Sicherung der Demokratie sollten von einer breiten demokratischen Mehrheit von Parteien und Verbänden getragen werden."

Und weiter heißt es: "Die Aufgabe, die demokratische Gesellschaftsordnung zu verwirklichen, bleibt dauernd gestellt. Mobilisierung der Demokratie ist ein umfassendes Programm und nicht beschränkt auf jene Gebiete, in denen es bereits demokratische Verfassung gibt." Von der »Mobilisierung der Demokratie« aus besteht im Übrigen eine direkte Verbindung zur Wahlkampfparole Willy Brandts für die Bundestagswahlen von 1969 „Mehr Demokratie wagen!“.
Waldemar von Knoeringen ist leider allzu früh am 2. Juli 1971 einem plötzlichen Herzversagen erlegen. In diesem Jahr begehen wir seinen 111. Geburtstag und 46. Todestag.

Steffen H. Elsner


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