28 Jahre Friedliche Revolution

Mauerfall und Deutsche Einheit als Kernthemen unserer politischen Bildungsarbeit

Dezember 1989


Im April 1989 war in einer wissenschaftlichen Studienkonferenz der Akademie gemeinsam mit dem Collegium Carolinum München gerade noch Rückschau auf die kommunistische Machtübernahmen in Mittel- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg gehalten worden. Wenig später wurden die Regime eines nach dem anderen in weitgehend friedlichen Revolutionen quasi hinweggefegt. Und das 36 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR sowie 21 Jahre nach dem „Prager Frühling" von 1968 in der damaligen Tschechoslowakei.

Millionen von Menschen hatten die über halb Europa ausgebreitete kommunistische Macht nach der Barbarei des Nationalsozialismus und den Schrecken des Zweiten Weltkriegs (zunächst) begrüßt und als Verheißung empfunden. Viele andere hatten sich der neu etablierten Gewaltherrschaft nur widerstrebend gebeugt. Diese Menschen, die seit den Aufständen der fünfziger Jahre (nicht zu vergessen der Ungarnaufstand von 1956) Stück für Stück und Jahrzehnt um Jahrzehnt an Selbstbewusstsein gewannen und sich zu neuen sozialen und politischen Bewegungen formierten, sind letzten Endes der Grund für die Sensation von 1989.
Welch tiefen Eindruck der Arbeiteraufstand von 1953 etwa im Bewusstsein der DDR-Machthaber hinterlassen hatte, wurde im Sommer 1989 deutlich. Es war Stasi-Chef Erich Mielke, der mit Blick auf den Höhepunkt der Fluchtwelle aus der DDR und die beginnenden Montagsdemonstrationen die bange Frage stellte:

Genossen, steht uns ein neuer 17. Juni bevor?

Druck der Straße

Vor nunmehr 25 Jahren geschah dann, womit nur die Wenigsten gerechnet hatten: Die versteinerten Verhältnisse in der DDR kamen in Bewegung, und unter dem Druck ihrer Bürger auf den Straßen („Wir sind das Volk!") musste sich die kommunistische Staatsmacht geschlagen geben. Dem Rücktritt der SED-Führung unter Honecker folgte die Öffnung der Mauer am 9. November 1989. Ein Jahr später war die DDR bereits Geschichte und Deutschland vereinigt. Seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 gilt die Deutsche Frage als gelöst.
Die Ereignisse von 1989/1990 sind von größter historischer Bedeutung für Deutschland und ganz Europa. Unsere Akademie beschäftigt sich seit jenen epochalen Tagen ausgiebig und intensiv mit der Zäsur von 1989 und den daraus entstandenen Folgen. Thematisiert wird eine breite Fülle von Fragestellungen, die die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 bis heute und sicher auch noch in der Zukunft aufwerfen. Untersucht werden innere und äußere Faktoren und die Hintergründe des Umbruchs in der DDR vom Herbst 1989, wie auch die Wege zur Demokratie über „singende", „friedliche" und „samtene" Revolutionen in den einzelnen mittel- und osteuropäischen Ländern.

Seminare für Übersiedler

Aus den vielfältigen Aktivitäten der Akademie in der frühen Umbruchphase wären beispielsweise die Informationsveranstaltungen für Übersiedler aus der DDR über die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland von Anfang 1990 zu nennen. Dabei ging es nicht um praktische Eingliederungshilfen, sondern vielmehr um Fragen der politischen und gesellschaftlichen Integration in eine pluralistische Demokratie. Ebenso widmete sich die Akademie in spezifischen Tagungen Fragen der Integration von Aussiedlern aus Siebenbürgen (Rumänien) sowie von Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion.

Experten und Zeitzeugen

Regelmäßig wurde und wird, in teils hochkarätig besetzten Fachkongressen, der Verlauf des bundesdeutschen Vereinigungsprozesses analysiert und diskutiert. In der Euphorie der staatlichen Einheit und der Einführung der D-Mark im Osten Deutschlands unterschätzten nicht nur die meisten Politiker, sondern auch die Bürger die Schwierigkeiten, die es auf dem Weg zur Herstellung der inneren Einheit in Deutschland zu bewältigen galt. Darüber darf die konkrete Lebenswirklichkeit in den ehemaligen realsozialistischen Regimen nicht in Vergessenheit geraten. Neben ausgewiesenen Experten kommen in den einschlägigen Akademieveranstaltungen insofern auch immer wieder Zeitzeugen zu Wort. Unter ihnen sind zu nennen: Joachim Gauck, Markus Meckel, Rainer Eppelmann, Bärbel Bohley, Ehrhart Neubert, Lutz Rathenow und Freya Klier.

Wichtige Kooperationspartner der Akademie in diesem Themenbereich waren bzw. sind neben den Landeszentralen und der Bundeszentrale für politische Bildung beispielsweise das Kuratorium Unteilbares Deutschland, die Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, das schon genannte Collegium Carolinum München, der Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin, der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (vormalige „Gauck-Behörde“), das Institut für Zeitgeschichte München, der „Bürgerbüro e.V. – Verein zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Berlin“ oder etwa auch der Bund Widerstand und Verfolgung (BWV-Bayern) e.V.

Eines ist dabei ganz klar: Für die Akademie bleiben die vergangenen kommunistischen Regime sowie die 1989 einsetzenden Umbrüche nie versiegender Quell und elementarer Bezugspunkt innerhalb des ihr vorgegebenen Auftrags grundlegender Demokratieerziehung.

Steffen H. Elsner


Zurück zum Akademiemosaik '60 Jahre Akademie für Politische Bildung'

q